91 junge Fachkräfte erhalten ihre Gesellenbriefe
„Wir feiern heute die Zukunft des Handwerks“ – mit diesen Worten eröffnete Gabriela Glävke-Münkwitz, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Rostock–Bad Doberan, die Freisprechungsfeier für die neuen Gesellinnen und Gesellen.
Von 108 Auszubildenden hatten 91 ihre Gesellenprüfung erfolgreich bestanden. Vertreten waren zahlreiche Berufe: Anlagenmechaniker, Elektroniker, Maler und Lackierer, Friseure, Karosserie- und Fahrzeugmechaniker, Metallbauer, Maurer, Tischler und Zimmerer.
Die feierliche Übergabe der Gesellenbriefe fand nach alter Handwerkstradition statt. Zimmermannsgesellen brachten die historische Innungslade auf die Bühne, ein Ratssyndikus entzündete vier Kerzen. Kreishandwerksmeister Matthias Grenzer sprach anschließend die traditionelle Freisprechungsformel.
Handwerkskammer meldet 14 Prozent mehr Ausbildungsanfänger
Besonders bemerkenswert sind die aktuellen Ausbildungszahlen.
Zum offiziellen Ausbildungsbeginn am 1. September haben in Ostmecklenburg-Vorpommern nach Angaben der Handwerkskammer rund 14 Prozent mehr Auszubildende eine Lehre begonnen als im vergangenen Jahr.
Auch die Kreishandwerkerschaft Rostock–Bad Doberan verzeichnet einen deutlichen Zuwachs.
„Wir haben rund zehn Prozent mehr Azubis als im vergangenen Jahr“, erklärte Kreishandwerksmeister Matthias Grenzer. Besonders gefragt seien derzeit Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Elektroniker und Kfz-Mechatroniker.
„KI steigt nicht aufs Dach“
Einen Grund für das wachsende Interesse sieht das Handwerk in den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt.
Jens-Uwe Hopf, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern, brachte es bei der Feier auf einen einfachen Satz:
> „Die KI verändert die Arbeitswelt. Aber sie steigt nicht aufs Dach, wenn es undicht ist, und sie verlegt auch keine Kabel.“
Für diese Aufgaben würden Menschen gebraucht, die ihr Fach beherrschen, erklärte Hopf.
Kreishandwerksmeister Grenzer formulierte es noch deutlicher. Nach seiner Einschätzung könnten durch Künstliche Intelligenz künftig Bürojobs wegfallen. Handwerksberufe böten dagegen gute berufliche Perspektiven und Sicherheit.
Delilah entscheidet sich gegen Computerarbeitsplatz
Wie unterschiedlich die Wege ins Handwerk sein können, zeigen die jungen Gesellinnen und Gesellen selbst.
Zu den Jahrgangsbesten der Tischlerinnung gehören Niklas Ihrke, 21 Jahre, und Delilah Andres, 20 Jahre. Beide absolvierten ihre Ausbildung bei der Wirth Tischlerei & Innenausbau GmbH.
Ihre Gesellenstücke – ein Sideboard aus Eiche und eine Kommode – sollen Ende September auf der Landesbaumesse Ro-Bau in Rostock ausgestellt werden.
Delilah Andres hatte ursprünglich Technische Zeichnerin werden wollen. Dann entschied sie sich bewusst gegen einen Arbeitsplatz am Computer und für das Tischlerhandwerk. Ihr Großvater war ebenfalls Tischler.
Nun geht ihr Weg nach Dresden weiter: Dort hat sie sich bereits zur Meisterausbildung angemeldet.
Junge Maurerin: „Ich wollte immer etwas mit meinen Händen machen“
Auch Lia Nora Tübbesing gehört zu den Besten ihres Jahrgangs.
Die 22-Jährige erlernte bei der Roland Heier Bauunternehmung GmbH in Stäbelow das Maurerhandwerk und erschien zur Freisprechungsfeier in traditioneller Zunftkleidung.
„Ich wollte beruflich immer etwas mit meinen eigenen Händen machen“, erklärte sie.
Nach einem Praktikum und einem Jahr als Bauhelfer stand für sie fest, dass die Arbeit auf der Baustelle genau das Richtige ist. Schwierigkeiten als Frau in einem traditionell männerdominierten Beruf beschreibt sie nicht: „Ich werde auf der Baustelle von allen akzeptiert.“
Auch sie absolviert bereits eine Meisterausbildung in Vollzeit.
Meister statt Studium – oder zusätzlich zum Studium
Die Festrede hielt CDU-Politiker Daniel Peters. Er verwies darauf, dass qualifizierte Handwerker in zahlreichen Branchen dringend benötigt würden.
„Es zählt nicht allein das Studium“, sagte Peters. Die duale Ausbildung habe Deutschlands Wirtschaft stark gemacht. Er ermutigte die jungen Gesellinnen und Gesellen, einen Meisterbrief anzustreben und später möglicherweise einen Betrieb zu übernehmen oder selbst zu gründen.
Damit trifft er einen Punkt, der für viele Betriebe zunehmend entscheidend wird: Nicht nur Nachwuchs wird benötigt, sondern auch junge Menschen, die später Verantwortung als Meister oder Unternehmer übernehmen.
Handwerk gewinnt wieder an Attraktivität
Die Zahlen aus Ostmecklenburg-Vorpommern zeigen zumindest für dieses Ausbildungsjahr eine klare Entwicklung.
14 Prozent mehr neue Auszubildende im Kammerbezirk und rund zehn Prozent mehr bei der Kreishandwerkerschaft Rostock–Bad Doberan sprechen für ein wachsendes Interesse an handwerklichen Berufen.
Dabei dürfte nicht nur die Diskussion über Künstliche Intelligenz eine Rolle spielen. Handwerk bietet sichtbare Arbeitsergebnisse, vergleichsweise klare Berufswege, Möglichkeiten zur Meisterausbildung und in vielen Gewerken gute Chancen auf Selbstständigkeit.
Die 91 jungen Menschen, die jetzt ihre Gesellenbriefe erhalten haben, stehen deshalb nicht nur am Ende ihrer Ausbildung.
Für viele von ihnen beginnt nun erst der nächste Abschnitt – als Fachkraft, angehender Meister oder vielleicht eines Tages als Unternehmer.