NORDHAUSEN. Unter Feldern, Wäldern und Dörfern Nordthüringens liegt ein Rohstoffschatz, der seit Jahrzehnten bekannt ist – und der plötzlich wieder wirtschaftlich interessant werden könnte.

Kalisalz.

Über Generationen prägte der Bergbau Orte wie Bischofferode, Sollstedt und Bleicherode. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden zahlreiche Gruben geschlossen. Tausende Arbeitsplätze verschwanden.

Doch das Kali ist nicht verschwunden.

Unter Nordthüringen befinden sich weiterhin große Lagerstätten. Ein aktueller Bericht der Thüringer Allgemeinen verweist auf Experten, die angesichts der nachgewiesenen Vorkommen eine Rückkehr des Bergbaus in der Region grundsätzlich für möglich halten.

Eine unmittelbar bevorstehende Wiedereröffnung eines Bergwerks bedeutet das allerdings nicht.

Denn die Geschichte des neuen Kalibergbaus in Nordthüringen ist bislang vor allem eine Geschichte großer Chancen – und ebenso großer Hindernisse.

Hunderte Millionen Tonnen unter dem Ohmgebirge

Besonders im Mittelpunkt steht das Ohmgebirge im Norden Thüringens.

Das dortige Rohstoffprojekt weist nach aktuellen Unternehmensangaben eine Mineralressource von rund 286 Millionen Tonnen Sylvinit mit einem durchschnittlichen Kaliumoxid-Gehalt von 13,12 Prozent aus.

Hinzu kommen rund 91 Millionen Tonnen Carnallitit mit einem Kaliumoxid-Gehalt von 9,6 Prozent.

Damit geht es nicht um ein kleines Restvorkommen eines ehemaligen Bergwerks.

Unter der Erde liegen Rohstoffmengen, die grundsätzlich eine industrielle Nutzung über Jahre ermöglichen könnten.

Vier Millionen Tonnen Rohsalz pro Jahr waren vorgesehen

Wie groß die ursprünglichen Pläne waren, zeigen Unterlagen des Thüringer Landesverwaltungsamtes.

Für das Ohmgebirge plante die Südharz Kali GmbH den Neuaufschluss eines Untertagebergwerks. Vorgesehen war eine Förderung von durchschnittlich rund 4,5 Millionen Tonnen Rohsalz pro Jahr.

Daraus sollten jährlich etwa eine Million Tonnen Kalidünger und zusätzlich rund eine Million Tonnen hochreines Natriumsalz entstehen.

Für den eigentlichen operativen Bergwerksbetrieb wurde zunächst mit einer Laufzeit von etwa 21 Jahren gerechnet. Weitere Bergbaurechte hätten darüber hinaus eine längere Nutzung der Verarbeitungsanlagen ermöglichen können.

Das wäre für Nordthüringen ein Industrieprojekt von außergewöhnlicher Größenordnung.

Warum Kali weltweit gebraucht wird

Kali ist vor allem für die Landwirtschaft wichtig.

Kalium gehört neben Stickstoff und Phosphor zu den wichtigsten Pflanzennährstoffen und wird deshalb in großen Mengen für Düngemittel benötigt.

Der Rohstoff verbessert unter anderem die Wasserregulierung von Pflanzen und beeinflusst deren Widerstandsfähigkeit sowie Ertrag.

Deutschland besitzt im internationalen Vergleich bedeutende Kali- und Salzvorkommen.

Noch heute gehört der Bergbau beispielsweise in Zielitz in Sachsen-Anhalt oder im Werra-Revier in Thüringen und Hessen zu den großen Rohstoffindustrien Ost- und Mitteldeutschlands.

Das Kaliwerk Zielitz fördert nach Angaben des zuständigen Landesamtes jährlich rund zwölf Millionen Tonnen Rohsalz und zählt zu den leistungsfähigsten Einzelwerken der K+S-Gruppe.

Die Vorstellung eines neuen Bergwerks in Nordthüringen ist deshalb keineswegs technisch exotisch.

Die Region kennt den Bergbau seit Generationen

Für die Menschen im Norden Thüringens ist Kali keine abstrakte Rohstoffdebatte.

Das ehemalige DDR-Kalikombinat betrieb unter anderem Werke in Sondershausen, Sollstedt, Bleicherode und Bischofferode. Nach 1990 wurden große Teile dieses Bergbaus eingestellt.

Besonders die Schließung von Bischofferode wurde bundesweit bekannt.

1993 kämpften Bergleute mit Hungerstreiks und Protestaktionen gegen die Stilllegung ihres Werkes. Die Auseinandersetzung wurde zu einem Symbol für die wirtschaftlichen Umbrüche nach der deutschen Wiedervereinigung.

Drei Jahrzehnte später stellt sich deshalb eine bemerkenswerte Frage:

Könnte ausgerechnet in dieser Region wieder ein neues Kali-Bergwerk entstehen?

Bohrungen bestätigten historische Erkenntnisse

Die geologischen Grundlagen sind keineswegs nur Vermutungen aus DDR-Zeiten.

Bohrungen aus dem Jahr 2022 bestätigten nach Angaben des Thüringer Landesverwaltungsamtes frühere Untersuchungen der Lagerstätte im Ohmgebirge.

Das Unternehmen wollte daraus ein Pilotprojekt für einen möglichen neuen Kaliabbau im Südharz-Revier entwickeln.

Neben dem Ohmgebirge existieren weitere Bergbaurechte und Erkundungsflächen in Nordthüringen.

Dazu gehören beziehungsweise gehörten Flächen bei Küllstedt, Gräfentonna, Ebeleben und Mühlhausen-Nohra.

Auf dem Papier ergibt sich daraus ein beträchtliches Rohstoffgebiet.

Trotzdem ist das neue Bergwerk bislang nicht gekommen

Große Rohstoffvorkommen allein reichen jedoch nicht.

Im Frühjahr dieses Jahres berichtete der MDR, dass die Pläne zum neuen Kaliabbau ins Stocken geraten sind.

Die Erkundungslizenzen für Küllstedt und Gräfentonna waren Anfang 2026 ausgelaufen. Für Küllstedt beantragte das Unternehmen eine Verlängerung.

Beim wesentlich größeren Projekt am Ohmgebirge gab es zu diesem Zeitpunkt keine entscheidenden neuen Fortschritte. Als ein wesentliches Problem galten fehlende Investorengelder.

Das zeigt den entscheidenden Unterschied zwischen einer Lagerstätte und einem Bergwerk.

Ein neues Bergwerk kostet enorme Summen

Bevor die erste Tonne Kali gefördert werden kann, müssen Schächte, unterirdische Strecken, Förderanlagen, Aufbereitungstechnik, Energieversorgung und Verkehrsinfrastruktur aufgebaut werden.

Hinzu kommen aufwendige Genehmigungsverfahren.

Schon die früheren Planungen für das Ohmgebirge sahen nicht nur eine unterirdische Grube vor. Benötigt würden auch Anlagen zum Aufbereiten, Lagern und Transportieren des Rohsalzes sowie Verbindungen zwischen verschiedenen Betriebsstandorten.

Ein Projekt dieser Größenordnung benötigt deshalb langfristige Finanzierung und Investoren, die über viele Jahre planen.

Auch die Region hatte Einwände

Hinzu kommen Fragen der Raumplanung und des Umweltschutzes.

Die Regionale Planungsgemeinschaft Nordthüringen hatte das damalige Vorhaben 2024 abgelehnt. Als Begründung führte sie unter anderem an, dass die vorliegenden Unterlagen für eine ausreichende fachliche Bewertung der Raumverträglichkeit nicht genügt hätten.

Auch Auswirkungen auf Landschaft, Verkehr, Wasser und Gemeinden müssten bei einem möglichen neuen Verfahren geprüft werden.

Das bedeutet: Selbst wenn Investoren bereitstünden, wäre ein neues Bergwerk kein kurzfristiges Projekt.

Eine bestehende Grube könnte zum Schlüssel werden

Eine weitere Möglichkeit liegt deshalb im bereits vorhandenen Bergbau.

Das Unternehmen führte zuletzt Gespräche über eine mögliche Übernahme des Bergwerks Sollstedt im Landkreis Nordhausen.

Nach Angaben des MDR hatte sich das Unternehmen dafür zunächst eine Exklusivität bis zum 30. September 2026 gesichert.

Eine bestehende Infrastruktur könnte wirtschaftlich interessant sein, weil ein völliger Neubau erheblich teurer wäre.

Ob daraus tatsächlich ein Geschäft und später eine neue Förderung entsteht, ist derzeit jedoch offen.

Aus Südharz Kali wurde Turnstone Resources

Auch beim Unternehmen selbst hat sich inzwischen einiges verändert.

South Harz Potash tritt mittlerweile unter dem Namen Turnstone Resources auf und verfolgt zusätzlich Rohstoffprojekte in Schweden.

Das Kali-Projekt im Südharz befindet sich aber weiterhin im Unternehmensportfolio. Auf seiner aktuellen Projektseite weist Turnstone die großen Mineralressourcen des Ohmgebirges weiterhin aus.

Damit ist das Projekt nicht verschwunden.

Seine Umsetzung ist allerdings deutlich unsicherer, als die gewaltigen Rohstoffzahlen zunächst vermuten lassen.

Europas Rohstoffe werden wieder strategisch

Die Diskussion bekommt zugleich einen größeren wirtschaftspolitischen Hintergrund.

Europa versucht zunehmend, die Abhängigkeit von Rohstoffimporten zu reduzieren. Dabei geht es nicht nur um Lithium, Kupfer oder seltene Erden.

Auch Düngemittel und ihre Ausgangsstoffe sind für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit von strategischer Bedeutung.

Große heimische Kalireserven können deshalb wirtschaftlich wieder interessanter werden.

Ob dieses Interesse ausreicht, um ein neues Bergwerk in Nordthüringen zu finanzieren, ist eine andere Frage.

Der Schatz ist da – das Bergwerk noch lange nicht

Die Ausgangslage wirkt deshalb fast paradox.

Geologisch gibt es wenig Zweifel daran, dass unter Nordthüringen erhebliche Mengen Kalisalz liegen. Bohrungen haben ältere Erkenntnisse bestätigt, und aktuelle Ressourcenschätzungen weisen Hunderte Millionen Tonnen kalihaltiges Gestein aus.

Wirtschaftlich und genehmigungsrechtlich ist die Zukunft dagegen offen.

Finanzierung, Umweltauflagen, Genehmigungen, Infrastruktur und die langfristige Entwicklung des Kali-Marktes müssen zusammenpassen.

Erst dann könnte aus dem Rohstoff unter Nordthüringen wieder ein Bergwerk werden.

Für eine Region, in der Bergbau jahrzehntelang Identität und Arbeit bestimmte, wäre das eine bemerkenswerte Wendung:

Mehr als 30 Jahre nach den großen Zechenschließungen ist das Kali noch immer da – und damit auch die Frage, ob irgendwann wieder Bergleute einfahren werden.