RIESA. In Riesa zeigt sich derzeit sehr konkret, was hohe Stromkosten für energieintensive Industrie bedeuten können: Das Elektrostahlwerk von Feralpi wird zeitweise vom Netz genommen und die Produktion in diesen Stunden gestoppt.

General Manager Uwe Reinecke berichtete bei einer Energiewende-Tagung in Berlin, dass das Werk bereits seit vergangener Woche stundenweise nicht produziere, weil die Marktpreise einen wirtschaftlichen Betrieb in diesen Zeitfenstern nicht zuließen. Rund ein Drittel des Strompreises entfalle nach Unternehmensangaben inzwischen auf Netzentgelte.

Stahl aus Schrott braucht enorme Mengen Strom

Der Standort Riesa arbeitet mit einem Elektrolichtbogenofen. Anders als klassische Hochöfen nutzt das Werk vor allem Stahlschrott als Rohstoff. Dieser wird mit elektrischer Energie eingeschmolzen und anschließend zu neuem Baustahl verarbeitet.

Das Verfahren hat einen großen Vorteil: Feralpi gibt für seinen Riesaer Betonstahl einen Recyclinganteil von mehr als 98 Prozent an. Gleichzeitig macht die Produktionsweise das Werk jedoch besonders abhängig von zuverlässig verfügbarem und wettbewerbsfähigem Strom.

Steigen die Preise stark, kann es für das Unternehmen wirtschaftlicher sein, die Anlage für einige Stunden herunterzufahren.

Erst 2025 wurde für mehr als 220 Millionen Euro ausgebaut

Die Situation ist besonders bemerkenswert, weil Feralpi gerade massiv in den Standort investiert hat.

Im Mai 2025 wurde in Riesa ein neues Spooler-Walzwerk eröffnet. Nach Angaben der Stadt handelte es sich mit mehr als 220 Millionen Euro um die größte Einzelinvestition der deutschen Unternehmensgeschichte von Feralpi.

Mit dem Ausbau entstanden rund 100 zusätzliche Arbeitsplätze. Die Stadt Riesa bezifferte die Beschäftigtenzahl damals auf etwa 950 Mitarbeiter.

Und der Ausbau ist noch nicht abgeschlossen.

Feralpi kündigte im Mai dieses Jahres an, die jährliche Stahlproduktion perspektivisch von rund einer Million auf bis zu 1,3 Millionen Tonnen erhöhen zu wollen.

Modernes Werk trifft auf schwierige Kostenrechnung

Damit entsteht ein auffälliger Gegensatz.

Auf der einen Seite hat Feralpi erheblich in moderne und energieeffizientere Technik investiert. Auf der anderen Seite muss ausgerechnet das elektrisch betriebene Stahlwerk seine Produktion zeitweise danach ausrichten, wann Strom bezahlbar ist.

Reinecke machte bei der Berliner Veranstaltung deutlich, dass Industrieunternehmen aus seiner Sicht nicht nur von der Energiewende betroffen sein dürften, sondern wirtschaftlich Teil der Transformation bleiben müssten. Die aktuellen Produktionsunterbrechungen führte das Unternehmen auf Strommarktpreise und Netzentgelte zurück.

Riesa gehört zu den wichtigen Industriestandorten Sachsens

Für die Stadt ist Feralpi einer der bedeutendsten Arbeitgeber.

Die Stahltradition in Riesa reicht weit zurück; Feralpi produziert dort seit 1992. Heute entstehen am Standort unter anderem Walzdraht, Betonstahl und weiterverarbeitete Produkte für die Bauwirtschaft. Nach aktuellen Unternehmensangaben arbeiten rund 900 Beschäftigte unmittelbar bei der ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH.

Damit geht es bei der Debatte um Strompreise nicht um eine abstrakte energiepolitische Kennzahl, sondern um einen großen Produktionsstandort und Hunderte Industriearbeitsplätze.

Flexible Produktion kann helfen – löst das Problem aber nicht

Elektrostahlwerke können einen Teil ihrer Produktion grundsätzlich in Stunden mit niedrigeren Strompreisen verlagern. Diese Flexibilität kann beim Ausgleich schwankender Stromerzeugung helfen.

Doch ein industrieller Betrieb lässt sich nicht unbegrenzt ein- und ausschalten. Personal, Lieferketten, Aufträge und nachgelagerte Produktionsschritte müssen weiter funktionieren.

Wenn ein Unternehmen seine Produktionszeiten zunehmend an kurzfristigen Strompreisen ausrichten muss, wird deshalb auch die Planung komplizierter.

Für Riesa stellt sich damit eine entscheidende Frage: Können moderne strombasierte Industrieanlagen in Deutschland langfristig zu Kosten produzieren, die im internationalen Wettbewerb bestehen?

Feralpis aktuelle Produktionspausen zeigen, dass diese Frage längst im betrieblichen Alltag angekommen ist.