DRESDEN. Eine Woche nach der angekündigten Schließung des Dresdner GSK-Impfstoffwerks beginnt der Kampf um eine Alternative.

641 Beschäftigte sind von den Plänen betroffen. Betriebsrat und Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie wollen sich mit dem angekündigten Aus nicht abfinden und lassen nun wirtschaftliche Perspektiven für den Standort prüfen.

Externe Fachleute sollen untersuchen, welche Produkte, Aufträge, Kooperationen oder anderen Nutzungsmöglichkeiten dem Werk eine Zukunft geben könnten.

Mehr als ein Jahrhundert Impfstoffgeschichte

Das Werk gehört zu den traditionsreichsten pharmazeutischen Produktionsstandorten Sachsens.

Die Geschichte des Sächsischen Serumwerks reicht mehr als 115 Jahre zurück. Der Standort entwickelte sich später zu einem Spezialisten für Impfstoffe und wurde 1992 vom damaligen Pharmakonzern SmithKline Beecham übernommen.

Heute gehört das Werk zu GSK.

Nach Unternehmensangaben werden in Dresden saisonale und pandemische Grippeimpfstoffe produziert. Außerdem verfügt der Standort über Kapazitäten für Formulierung und Abfüllung von Hepatitis-Impfstoffen. Saisonale Grippeimpfstoffe aus Dresden werden in rund 70 Ländern vertrieben.

GSK will Produktion konzentrieren

Nach der Schließungsankündigung stehen 641 Stellen zur Disposition. Reuters berichtete unter Berufung auf GSK, dass sinkende Nachfrage nach traditionellen, auf Hühnereiern basierenden Grippeimpfstoffen eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung spiele. Die Produktion soll stärker an einem kanadischen Standort konzentriert werden.

Für Dresden wäre das Ende des Werks nicht nur der Verlust von Arbeitsplätzen.

Am Standort befinden sich spezialisierte Kenntnisse für Impfstoffproduktion, Abfüllung, Qualitätskontrolle und Verpackung. Betriebsrat und IGBCE argumentieren deshalb, dass diese Fähigkeiten nach einer vollständigen Schließung nur schwer wieder aufgebaut werden könnten.

Mehr als eine Milliarde Impfstoffdosen produziert

Welche Dimension die Dresdner Produktion erreicht hat, zeigen Unternehmenszahlen.

GSK gibt an, dass am Standort seit 1992 mehr als 900 Millionen Dosen saisonaler Grippeimpfstoffe sowie über 150 Millionen Dosen pandemischer Grippeimpfstoffe hergestellt wurden.

Zusätzlich wurden dort große Mengen Hepatitis-Impfstoff abgefüllt.

Damit ist Dresden über Jahrzehnte Bestandteil internationaler Impfstoff-Lieferketten gewesen.

Betriebsrat sucht nach anderen Produkten und Partnern

Genau hier setzt der geplante Zukunftsplan an.

Betriebsrat und Gewerkschaft wollen prüfen, ob die vorhandenen Produktionsanlagen und die Qualifikation der Beschäftigten für andere Impfstoffe, pharmazeutische Produkte oder Partnerschaften genutzt werden könnten.

Die Gewerkschaft fordert GSK auf, die Entscheidungsgrundlagen offenzulegen und Alternativen ernsthaft zu prüfen. Dabei handelt es sich um Forderungen der Arbeitnehmervertretung; ob der Konzern bereit ist, von seinem bisherigen Schließungsplan abzurücken, ist offen.

Auch Sachsen sucht nach Handlungsmöglichkeiten

Das sächsische Wirtschaftsministerium erklärte nach Bekanntwerden der Pläne, die Nachricht sei überraschend gekommen. Das Land wolle mit Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretern mögliche Handlungsspielräume prüfen.

Wirtschaftsminister Dirk Panter verwies dabei auf Arbeitsplätze, Wertschöpfung und die pharmazeutische Produktionskompetenz des Standorts.

Ob daraus eine tragfähige Alternative entsteht, steht bislang nicht fest.

Pharmaindustrie hat in Dresden eine lange Tradition

Der Fall berührt deshalb eine größere Frage: Welche industrielle Produktion soll Deutschland langfristig selbst vorhalten?

Während der Corona-Pandemie rückte die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten bei Arzneimitteln und Impfstoffen stark in den Mittelpunkt. Gleichzeitig verändern neue Impfstofftechnologien und Nachfrageverschiebungen den Markt.

Für einen traditionsreichen Standort wie Dresden bedeutet das, dass Vergangenheit und vorhandene Kompetenz allein keine wirtschaftliche Zukunft garantieren.

Entscheidend wird sein, ob sich für die Anlagen und das Wissen der Belegschaft ein tragfähiges Geschäftsmodell finden lässt.

Die kommenden Monate entscheiden

Noch läuft die Produktion.

Doch ein Impfstoffwerk lässt sich nicht beliebig lange in einem Schwebezustand halten. Mitarbeiter müssen wissen, ob sie eine Perspektive haben. Gleichzeitig benötigen mögliche neue Produkte Zulassungen, Investitionen und langfristige Aufträge.

Betriebsrat und Gewerkschaft versuchen deshalb, möglichst früh Alternativen auf den Tisch zu bringen.

Ob daraus tatsächlich eine Rettung des Standorts entsteht, ist offen.

Klar ist jedoch: Mit Dresden stehen nicht nur 641 Arbeitsplätze, sondern mehr als ein Jahrhundert Impfstoffproduktion zur Disposition.