Der Weg vom Alten Strom im Ostseebad Warnemünde bis zum Hauptbahnhof Rostock dauert mit der S-Bahn kaum zwanzig Minuten. Doch auf dem Wohnungsmarkt trennen die beiden Orte Welten – und gleichzeitig schweißt sie dasselbe Problem zusammen: Wer hier lebt, arbeitet und Steuern zahlt, findet kaum noch eine bezahlbare Wohnung. Das Meer vor der Haustür ist zum Rendite-Objekt geworden.
In den begehrten Lagen von Warnemünde, der Rostocker Östlichen Altstadt oder im Kröpeliner Tor-Vorstadt-Viertel (KTV) schnellen die Quadratmeterpreise seit Jahren nach oben.
Ferienwohnungen verdrängen den Alltag
Besonders in Warnemünde ist der Druck extrem. Historische Kapitänshäuser und alte Fischerkaten wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufwendig saniert – doch oft nicht für Familien vor Ort, sondern als Renditeobjekte für Investoren oder als Ferienunterkünfte für Touristen.
Schattenseite des Tourismus: Wo früher ganzjährig Nachbarn wohnten, stehen in den Wintermonaten viele Fenster dunkel. Die Nahversorgung im Ortskern schrumpft, Bäckereien und kleine Läden weichen Souvenirshops.
Der Zweckentfremdungs-Kampf: Die Stadt Rostock hat darauf mit verschärften Satzungen reagiert. Das Ziel: Die ungenehmigte Umwandlung von regulärem Wohnraum in Ferienwohnungen systematisch zu unterbinden und Bußgelder zu verhängen.
„Wir haben in manchen Straßenzügen kaum noch echte Anwohner“, erzählt eine Erzieherin, die nach 15 Jahren aus Warnemünde ins Rostocker Umland ziehen musste. „Wenn die Krankenschwester, der Busfahrer und der Kellner stundenlang pendeln müssen, weil sie sich die Miete am Arbeitsort nicht mehr leisten können, verliert das ganze Seebad seine Seele.“
Nachverdichtung versus Lebensqualität
Um den enormen Druck abzufangen, setzt die Hansestadt Rostock auf Neubauprojekte in den Vorstädten und Nachverdichtung in Großsiedlungen wie Evershagen oder Lütten Klein. Doch auch dort ziehen die Mieten an, sobald Gebäude energetisch saniert werden.
Zudem stoßen Neubaupläne in grünen Innenhöfen oder an den Rändern der Stadt regelmäßig auf den Widerstand von Bürgerinitiativen, die um die Lebensqualität und den Erhalt von Grünflächen sorgen.
Wer rettet die soziale Balance an der Küste?
Die Kontroverse zeigt das Dilemma fast aller beliebten Küstenorte an der Ostsee: Der Tourismus sichert Arbeitsplätze und Wohlstand, zerstört aber gleichzeitig die sozialen Grundlagen für diejenigen, die diesen Wohlstand täglich erarbeiten.
Gelingt es der Politik in Rostock nicht, den Ausverkauf wirksam zu stoppen und kommunalen sowie genossenschaftlichen Wohnungsbau massiv zu stärken, droht die Küstenstadt schrittweise ihre soziale Vielfalt zu verlieren.
Quellen & Datenbasis
Hansecity Rostock / Bauamt: Mietspiegel und Berichte zur Umsetzung der Zweckentfremdungssatzung (Stand: 2026).
Verband Norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW): Lagebericht zum Wohnungsmarkt in Mecklenburg-Vorpommern.