Rund 20 Patienten, enge Zeitpläne, lange Wege und viel Dokumentation: Mecklenburg-Vorpommerns Sozial- und Gesundheitsministerin Stefanie Drese hat den Arbeitsalltag eines ambulanten Pflegedienstes in Rostock aus nächster Nähe kennengelernt. Nach der Frühschicht fordert sie bessere Rahmenbedingungen und eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung.

Versorgung von rund 20 Patienten begleitet

Drese nahm an einer Frühschicht des ambulanten Pflegedienstes Ostsee Ambulanz im Rostocker Westen teil. Dabei begleitete sie die Pflegekräfte bei der Versorgung von rund 20 Menschen im Alter zwischen 55 und 91 Jahren.

Neben den eigentlichen Pflegeleistungen erhielt die Ministerin Einblicke in:

  • die Organisation der täglichen Touren,
  • die Pflegedokumentation,
  • die Abstimmung zwischen den Beschäftigten,
  • die Wege zwischen den einzelnen Patienten,
  • den persönlichen Kontakt mit Pflegebedürftigen.

Die Ministerin zeigte sich nach eigenen Angaben besonders davon beeindruckt, wie viel Bedeutung neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung auch das persönliche Gespräch habe.

„Es ist förmlich zu sehen, wie viel den Pflegebedürftigen ein einzelnes Gespräch bedeuten kann und wie viel Unabhängigkeit der regelmäßige Besuch eines Pflegedienstes zurückgeben kann.“

Pflegekräfte wünschen sich mehr Zeit

Der Praxistag habe zugleich deutlich gemacht, unter welchem Druck die ambulante Pflege inzwischen stehe. Als besondere Herausforderungen nennt das Sozialministerium:

  • einen steigenden Pflegebedarf,
  • den demografischen Wandel,
  • den anhaltenden Fachkräftemangel,
  • teilweise lange Anfahrtswege,
  • einen hohen bürokratischen Aufwand.

Gerade in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern müssen Pflegedienste häufig weite Strecken zwischen einzelnen Patienten zurücklegen. Diese Zeit fehlt anschließend bei der Versorgung oder muss zusätzlich in die ohnehin eng getakteten Touren eingeplant werden.

„Die Beschäftigten wünschen sich vor allem mehr Zeit für die Menschen und weniger wertvolle Minuten für Papierarbeit.“

Drese erklärte, die Kompetenzen der Pflegekräfte müssten dort eingesetzt werden können, wo sie am dringendsten gebraucht würden: unmittelbar bei den Patienten.

Kritik am bisherigen Entwurf zur Pflegereform

Während des Besuchs sprach die Ministerin mit den Beschäftigten auch über die geplante Pflegereform des Bundes. Diese wurde nach Kritik aus mehreren Ländern auf den Herbst verschoben.

Drese fordert eine umfassende Finanz- und Strukturreform der Pflegeversicherung. Pflegebedürftige, Angehörige und Beschäftigte dürften nicht länger im Unklaren darüber bleiben, wie das Pflegesystem künftig finanziert und organisiert werden soll.

Die bislang bekannt gewordenen Überlegungen zum Pflegeneuordnungsgesetz bewertet sie kritisch.

„Was wir bisher sehen, ist ein bloßes Stopfen von Haushaltslöchern mit erheblichen Mehrbelastungen für die Pflegebedürftigen.“

Die Schwächsten dürften nach Ansicht der Ministerin nicht die finanziellen Folgen einer Reform tragen.

Tarifliche Bezahlung soll nicht geschwächt werden

Kritik äußerte Drese auch an Überlegungen, zentrale Regelungen zur tariflichen Entlohnung und deren Refinanzierung zeitweise auszusetzen.

Eine solche Maßnahme könne das Ziel gefährden, Pflegeberufe attraktiver zu machen und Beschäftigte angemessen zu bezahlen. Gerade angesichts des Fachkräftemangels sei eine verlässliche und konkurrenzfähige Vergütung entscheidend.

Die Ministerin fordert deshalb vom Bund einen Reformvorschlag, der:

  • die Finanzierung der Pflege langfristig absichert,
  • Pflegebedürftige nicht zusätzlich überfordert,
  • tarifliche Bezahlung schützt,
  • den bürokratischen Aufwand reduziert,
  • ambulante Angebote auch im ländlichen Raum erhält.

Pflegedienst hofft auf praxisnahe Politik

Eingeladen worden war Drese vom Geschäftsführer der Ostsee Ambulanz, Benjamin Vormeyer. Er bezeichnete den Besuch als Gelegenheit, die tatsächlichen Herausforderungen der ambulanten Pflege sichtbar zu machen.

„Ich wünsche mir, dass dieser Tag dazu beigetragen hat, die tatsächlichen Herausforderungen der ambulanten Pflege noch besser zu verstehen.“

Zugleich verwies Vormeyer auf das Engagement und die Professionalität der Mitarbeiter, die täglich unter anspruchsvollen Bedingungen arbeiteten.

Ambulante Pflege sichert Selbstständigkeit

Ambulante Pflegedienste ermöglichen es vielen älteren und pflegebedürftigen Menschen, weiterhin in ihrer eigenen Wohnung zu leben. Die Beschäftigten übernehmen je nach Pflegebedarf unter anderem:

  • Unterstützung bei der Körperpflege,
  • Medikamentengabe,
  • Verbandswechsel,
  • Kontrolle wichtiger Gesundheitswerte,
  • Hilfe bei alltäglichen Tätigkeiten,
  • Beratung von Angehörigen.

Mit dem steigenden Anteil älterer Menschen dürfte die Nachfrage weiter wachsen. Gleichzeitig müssen Dienste ausreichend Personal finden und ihre Touren wirtschaftlich organisieren können.

Die wichtigsten Angaben

  • Ort: Rostocker Westen
  • Pflegedienst: Ostsee Ambulanz
  • Begleitete Patienten: rund 20
  • Alter: zwischen 55 und 91 Jahren
  • Schwerpunkt: Einblick in Pflege, Dokumentation und Tourenplanung
  • Forderung: umfassende Finanz- und Strukturreform
  • Kritik: zusätzliche Belastungen und mögliche Schwächung der Tarifbindung

Quellen und Datenbasis

  • Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport Mecklenburg-Vorpommern, Pressemitteilung Nr. 179 vom 29. Juli 2026: „Einblick in den Pflegealltag: Ministerin Drese absolviert Frühschicht und mahnt Reformen an“.