Die Grenze zwischen Berlin und Brandenburg spielt für organisierte kriminelle Netzwerke nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden zunehmend eine untergeordnete Rolle. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann warnt davor, dass kriminelle Gruppen aus dem Berliner Raum das Nachbarland verstärkt als Rückzugs-, Produktions- und Operationsgebiet nutzen. Große Drogenlabore, Schusswaffenvorfälle und mögliche Schutzgelderpressungen zeigen aus seiner Sicht, wie eng die Kriminalitätsentwicklung beider Länder inzwischen miteinander verbunden ist.
Redmann erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, kriminelle Banden betrachteten Brandenburg teilweise als Rückzugsraum.
Ein Grund liegt aus seiner Sicht in den unterschiedlichen räumlichen Strukturen beider Länder. Während große illegale Produktionsstätten in der dicht bebauten Hauptstadt vergleichsweise schwer zu verbergen sind, bieten Gewerbegebiete und größere Hallen in Brandenburg andere Möglichkeiten.
Große Drogenlabore in Ludwigsfelde und Nauen
Als Beispiele nennt der Innenminister mehrere Fälle aus dem Berliner Umland.
Im Juli entdeckten Polizei und Zollfahnder in einem Gewerbegebiet in Ludwigsfelde ein großes illegales Drogenlabor. Dort wurde nach Angaben der Ermittler vor allem Crystal Meth hergestellt.
Bereits Ende Oktober 2025 war in Nauen nordwestlich von Berlin eine noch größere Produktionsstätte für synthetische Drogen ausgehoben worden.
Für Ermittler sind solche Produktionsstätten ein Hinweis darauf, dass organisierte Kriminalität nicht mehr ausschließlich dort stattfindet, wo die Netzwerke ihren ursprünglichen Schwerpunkt haben.
Gewerbehallen, Industrieflächen und verkehrsgünstig gelegene Standorte im Berliner Umland können für kriminelle Strukturen attraktiv sein, wenn dort illegale Aktivitäten unauffälliger organisiert werden können.
Schüsse auf Geschäfte in Potsdam beschäftigen Ermittler
Auch in Potsdam beschäftigen derzeit Fälle die Sicherheitsbehörden, die dem Bereich der organisierten Kriminalität zugerechnet werden könnten.
Nach Schüssen auf zwei Spätverkaufsstellen wird wegen möglicher Erpressung ermittelt. Ein 24 Jahre alter Verdächtiger wurde später in Berlin festgenommen.
Die Ermittlungen zu möglichen Hintermännern dauern an.
Gerade dieser Fall verdeutlicht aus Sicht Redmanns die Verbindung zwischen beiden Ländern.
Was sich in Berlin entwickle, habe häufig unmittelbare Auswirkungen auf Brandenburg. Die organisierte Kriminalität orientiere sich nicht an Landesgrenzen.
Berlin kämpft ebenfalls mit Schusswaffenkriminalität
In Berlin bereiten den Sicherheitsbehörden seit längerem Gewalttaten unter Einsatz von Schusswaffen Sorgen.
Das Berliner Landeskriminalamt richtete deshalb bereits im November 2025 die Sondereinheit „Ferrum“ ein. Sie beschäftigt sich insbesondere mit Schusswaffengewalt und damit verbundenen kriminellen Strukturen.
Am heutigen Sonntag kam ein weiterer Fall hinzu: Unbekannte schossen am frühen Morgen auf einen Friseurladen in Berlin-Marzahn-Hellersdorf. Verletzt wurde niemand. Die Hintergründe sind bislang ungeklärt.
Ob dieser Fall mit organisierter Kriminalität in Verbindung steht, ist nicht bekannt. Einen solchen Zusammenhang haben die Ermittlungsbehörden bislang nicht bestätigt.
Landeskriminalämter folgen den Geldströmen
Berlin und Brandenburg wollen bei der Bekämpfung organisierter Kriminalität deshalb enger zusammenarbeiten.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung von Finanzströmen.
Redmann verweist auf den bekannten Ermittlungsgrundsatz, dem Geld zu folgen. Gerade bei organisierter Kriminalität ließen sich Strukturen häufig über Zahlungswege, Vermögenswerte und wirtschaftliche Verbindungen erkennen.
Die Landeskriminalämter von Berlin und Brandenburg haben ihre Zusammenarbeit entsprechend verstärkt.
Ziel ist es, nicht lediglich einzelne Täter festzunehmen, sondern dahinterstehende Organisationsstrukturen und mögliche Auftraggeber zu identifizieren.
Neues Polizeigesetz soll digitale Ermittlungen erleichtern
Redmann will den Ermittlern zudem zusätzliche rechtliche Möglichkeiten geben.
Mit einem neuen brandenburgischen Polizeigesetz sollen die Sicherheitsbehörden künftig besseren Zugriff auf digitale Daten erhalten.
Dabei geht es unter anderem um verschlüsselte Kommunikation über Messenger-Dienste. Nach Ansicht des Innenministers reichen die bisherigen rechtlichen Möglichkeiten der brandenburgischen Polizei in diesem Bereich teilweise nicht aus.
Die Ermittler sollen Kommunikationswege nachvollziehen können, um nicht nur unmittelbar handelnde Täter, sondern auch mögliche Hintermänner zu identifizieren.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Kriminalitätsbekämpfung zunehmend von klassischen Einzelermittlungen auf die Analyse ganzer Netzwerke.
Brandenburg ist nicht nur das Berliner Umland
Die Entwicklung stellt die Sicherheitsbehörden gleichzeitig vor ein strukturelles Problem.
Brandenburg besitzt eine Fläche von fast 30.000 Quadratkilometern und umfasst neben dem dicht besiedelten Berliner Umland zahlreiche dünn besiedelte Regionen sowie große Gewerbe- und Industrieflächen.
Für Ermittler bedeutet das deutlich andere Voraussetzungen als in Berlin.
Gerade größere Produktionsstätten oder Lagerflächen können außerhalb dichter Wohngebiete weniger auffällig sein. Dieses Umfeld kann auch für illegale Drogenproduktion oder andere Formen organisierter Kriminalität interessant werden.
Redmann sieht deshalb eine stärkere länderübergreifende Zusammenarbeit als zwingend notwendig an.
Kriminalität endet nicht an der Landesgrenze
Die aktuelle Debatte zeigt zugleich, dass Berlin und Brandenburg sicherheitspolitisch immer stärker als gemeinsamer Raum betrachtet werden müssen.
Hunderttausende Menschen bewegen sich täglich zwischen Hauptstadt und Umland. Autobahnen, Bahnstrecken und Gewerbegebiete verbinden beide Länder eng miteinander.
Diese Infrastruktur nutzen nicht nur Arbeitnehmer und Unternehmen.
Auch kriminelle Netzwerke können innerhalb weniger Minuten die Landesgrenze überschreiten und Standorte in beiden Ländern miteinander verbinden.
Für Polizei und Staatsanwaltschaften bedeutet das, Ermittlungen ebenfalls stärker über Ländergrenzen hinweg zu organisieren.
Die Aussage Redmanns ist deshalb mehr als eine Warnung vor einzelnen Berliner Straftätern im Umland. Sie beschreibt eine Entwicklung, bei der organisierte Kriminalität zunehmend regional statt ausschließlich innerhalb einzelner Landesgrenzen betrachtet werden muss.
Quellen
Deutsche Presse-Agentur – Aussagen von Brandenburgs Innenminister Jan Redmann zur organisierten Kriminalität – 9. August 2026
Ministerium des Innern und für Kommunales Brandenburg – Angaben zu Innenminister Jan Redmann