Morgens das Kind zur Betreuung bringen, anschließend zur Arbeit fahren, nachmittags pünktlich wieder vor der Kita oder dem Hort stehen und dazwischen Haushalt, Termine und Rechnungen bewältigen: Für rund 84.000 Familien in Sachsen-Anhalt liegt diese Verantwortung überwiegend bei nur einem Erwachsenen. Neue Landeszahlen zeigen, dass Alleinerziehende längst keine kleine Randgruppe mehr sind – die öffentliche Infrastruktur ist auf ihren Alltag aber vielerorts nur unzureichend eingestellt.

In Sachsen-Anhalt lebten im Jahr 2025 rund 270.000 Familien mit mindestens einem Kind. In 68,8 Prozent dieser Haushalte lebten zwei Elternteile beziehungsweise ein Paar mit Kindern zusammen. Bei 31,2 Prozent der Familien übernahm dagegen nur ein Elternteil die tägliche Verantwortung. Rechnerisch entspricht das rund 84.000 Einelternfamilien.

Damit wird fast jedes dritte Familienleben im Land ohne einen zweiten Erwachsenen im Haushalt organisiert. Besonders sichtbar werden die Folgen dort, wo Arbeitszeiten, Öffnungszeiten und Verkehrsverbindungen nicht zusammenpassen.

Ein fehlender Betreuungstag kann den Arbeitsplatz gefährden

Sachsen-Anhalt verfügt grundsätzlich über einen vergleichsweise weitreichenden Rechtsanspruch auf ganztägige Kinderbetreuung. Dieser reicht von der Geburt bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres. Auf dem Papier ist damit auch die Hortbetreuung von Schulkindern abgesichert.

In der Praxis entscheidet jedoch nicht allein der Rechtsanspruch. Wichtig sind die tatsächlichen Öffnungszeiten, ausreichend Personal und die Frage, ob eine Einrichtung vom Wohn- oder Arbeitsort aus erreichbar ist.

Besonders schwierig wird es für Eltern, die:

  • im Schichtdienst arbeiten,
  • früh am Morgen beginnen,
  • abends oder am Wochenende eingesetzt werden,
  • längere Arbeitswege zurücklegen,
  • auf unregelmäßig fahrenden Nahverkehr angewiesen sind,
  • kurzfristig für erkrankte Kinder zu Hause bleiben müssen.

Gerade in Pflege, Gastronomie, Einzelhandel, Produktion oder Logistik gehören Arbeitszeiten außerhalb des üblichen Kita-Zeitfensters zum Alltag. Eine Betreuung bis zum späten Nachmittag hilft wenig, wenn die Schicht erst am Abend endet.

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter beschreibt den Zusammenhang deutlich:

„Alleinerziehende als Familienernährerinnen und Familienernährer brauchen eine gute Kinderbetreuung: Ohne Betreuung haben sie keinen Job und kein Geld.“

Der Verband fordert deshalb mehr Angebote am frühen Morgen, am Abend und an Wochenenden. Auch Arbeitgeber müssten stärker auf die Lebensrealität von Familien Rücksicht nehmen.

Alleinerziehende sind besonders häufig von Armut bedroht

Die hohe Zahl der Einelternfamilien ist nicht automatisch ein soziales Problem. Viele Alleinerziehende sind berufstätig, wirtschaftlich selbstständig und organisieren ihren Alltag erfolgreich. Statistisch tragen sie jedoch ein erheblich höheres Armutsrisiko als Paarfamilien.

Das 2026 veröffentlichte Jugendpolitische Programm des Landes zählt Alleinerziehende ausdrücklich zu den besonders gefährdeten Gruppen. Demnach liegt ihre Armutsgefährdungsquote in Sachsen-Anhalt bei rund 43 Prozent. Auch Mehrkindfamilien und junge Erwachsene sind überdurchschnittlich betroffen.

Ein Grund ist offensichtlich: In einer Einelternfamilie muss ein Einkommen häufig sämtliche laufenden Kosten tragen. Gleichzeitig kann der betreuende Elternteil seine Arbeitszeit nicht immer beliebig ausweiten.

Zu den typischen Belastungen gehören:

  • Miete, Energie und Lebensmittel aus nur einem Haupteinkommen,
  • Betreuungskosten und Ausgaben für Schul- oder Freizeitangebote,
  • fehlendes Einkommen bei reduzierter Arbeitszeit,
  • Fahrtkosten bei langen Wegen auf dem Land,
  • ausbleibender oder unregelmäßiger Kindesunterhalt.

Besonders angespannt wird die Lage, wenn der andere Elternteil keinen oder nicht ausreichend Unterhalt zahlt. In solchen Fällen kann der Staat Unterhaltsvorschuss leisten. In Sachsen-Anhalt erhalten nach Angaben des Landes rund 36.000 Kinder und Jugendliche diese Unterstützung.

Seit Ende 2024 kann der Antrag in allen Landkreisen und kreisfreien Städten Sachsen-Anhalts online gestellt werden. Zuständig bleiben die jeweiligen Jugendämter.

Erwerbstätigkeit sinkt mit jedem weiteren Kind

Wie eng Familiengröße und Berufstätigkeit zusammenhängen, zeigen Daten aus dem Zensus 2022. Damals waren 71,7 Prozent der Alleinerziehenden in Sachsen-Anhalt erwerbstätig. Bei zusammenlebenden Eltern lagen die Werte deutlich höher.

Mit wachsender Kinderzahl vergrößerte sich der Abstand:

  • Bei Alleinerziehenden mit einem Kind waren 73,3 Prozent erwerbstätig.
  • Bei drei Kindern sank der Anteil auf 54,7 Prozent.
  • Insgesamt waren 84,7 Prozent der Alleinerziehenden Frauen.
  • Alleinerziehende Väter waren häufiger erwerbstätig als alleinerziehende Mütter.

Die Zahlen verdeutlichen einen Kreislauf: Wer mehrere Kinder allein betreut, kann häufig weniger arbeiten. Weniger Arbeitszeit führt zu geringerem Einkommen. Ein geringeres Einkommen wiederum schränkt Wohnortwahl, Mobilität und Freizeitmöglichkeiten der Kinder ein.

Besonders schwer wiegt dieser Zusammenhang in ländlichen Regionen. Dort sind Wohnungen zwar häufig günstiger als in Halle oder Magdeburg, dafür steigen die Wege zu Kita, Schule, Arbeit und medizinischer Versorgung. Ohne Auto lässt sich der Alltag vielerorts kaum bewältigen.

Familienpolitik muss sich am Alltag messen lassen

Sachsen-Anhalt entlastet Familien unter anderem durch die Geschwisterregelung bei den Kita-Beiträgen. Besuchen mehrere Kinder Krippe oder Kindergarten, fallen unter bestimmten Voraussetzungen nicht für alle Kinder Beiträge an. Für Hortkinder gelten jedoch andere Regeln.

Für Alleinerziehende mit nur einem Kind greift eine solche Geschwisterentlastung naturgemäß nicht. Ihre zentrale Frage lautet deshalb weniger, ob die zweite Kita-Rechnung entfällt, sondern ob Betreuung zuverlässig verfügbar ist und zur Arbeitszeit passt.

Entscheidend wären vor allem:

  • verlässliche Öffnungszeiten trotz Fachkräftemangels,
  • ergänzende Betreuung für Randzeiten und Wochenenden,
  • flexible Arbeitsmodelle ohne berufliche Nachteile,
  • schnellere Bearbeitung von Unterhaltsleistungen,
  • erreichbare Beratungsangebote in Landkreisen und kleineren Städten,
  • bezahlbare Ferien- und Freizeitangebote für Kinder.

Sachsen-Anhalt hat mittlerweile mehr Alleinstehende als jede andere Lebensform: 2025 lebten rund 513.000 Menschen allein, daneben gab es 346.000 Paargemeinschaften ohne Kinder und 270.000 Familien mit Kindern.

Die klassische Paarfamilie bleibt damit wichtig, sie bildet aber längst nicht mehr allein die gesellschaftliche Wirklichkeit ab. Wer Familienpolitik plant, muss auch jene Haushalte berücksichtigen, in denen jede ausgefallene Busverbindung, jede verkürzte Kita-Öffnung und jede unbezahlte Rechnung unmittelbar bei einem einzigen Elternteil ankommt.

Die neue Statistik ist deshalb mehr als eine Bestandsaufnahme. Sie zeigt, dass die Funktionsfähigkeit von Betreuung, Arbeitsmarkt und sozialer Unterstützung für fast jede dritte Familie mit Kindern zur täglichen Existenzfrage geworden ist.

Quellen und Datenbasis

  • Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt: Erstergebnisse des Mikrozensus 2025 zu Familien, Paargemeinschaften und Alleinstehenden.
  • Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung Sachsen-Anhalt: Jugendpolitisches Programm 2026 sowie Informationen zur Kinder- und Hortbetreuung.
  • Verband alleinerziehender Mütter und Väter: Informationen und Forderungen zu Kinderbetreuung, Erwerbstätigkeit und Unterhaltsvorschuss.