ESC 2027: Erste Länder steigen wegen Israel aus – droht dem Musikwettbewerb eine Boykottwelle?
Eurovision erneut unter politischem Druck
Burgas. Der Eurovision Song Contest (ESC) steht auch 2027 im Zeichen politischer Auseinandersetzungen. Die Niederlande und Irland haben angekündigt, dem internationalen Musikwettbewerb erneut fernzubleiben. Hintergrund ist die weiterhin zugelassene Teilnahme Israels und die Kritik am militärischen Vorgehen des Landes im Gazastreifen. Während sich weitere Staaten noch nicht endgültig entschieden haben, bestätigte die Europäische Rundfunkunion am Mittwoch, 28. Oktober 2026, insgesamt 36 Teilnehmerländer für den kommenden Wettbewerb im bulgarischen Burgas.
Niederlande ziehen Teilnahmezusage überraschend zurück
Besonders bemerkenswert ist die Entscheidung der Niederlande. Noch im September hatte die öffentlich-rechtliche Rundfunkorganisation NPO angekündigt, nach dem Boykott von 2026 wieder zum Eurovision Song Contest zurückzukehren.
Doch daraus wird nun nichts.
Am 27. Oktober teilte NPO mit, dass die geplante Rückkehr nicht umgesetzt werde. In Gesprächen mit den beteiligten Rundfunkanstalten habe sich gezeigt, dass die Unterstützung für eine Teilnahme nicht ausreiche.
Bereits im August hatte der ursprünglich zuständige Sender AVROTROS eine erneute Beteiligung abgelehnt. Als Grund nannte er die anhaltenden internationalen Konflikte und die aus seiner Sicht gefährdete politische Neutralität des Wettbewerbs.
Die niederländische Rundfunkorganisation hatte daraufhin versucht, eine alternative Lösung zu finden. Nach erheblichen Protesten innerhalb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurden diese Pläne jedoch aufgegeben.
Rund 400 Beschäftigte hatten sich zuvor in einem Schreiben gegen eine Rückkehr ausgesprochen.
Der ESC wird in den Niederlanden dennoch im Fernsehen übertragen. Auf einen eigenen musikalischen Beitrag verzichtet das Land dagegen.
Irland hält am Boykott fest
Auch Irland wird 2027 nicht am Eurovision Song Contest teilnehmen.
Der öffentlich-rechtliche Sender RTÉ hatte die Entscheidung bereits im September bekannt gegeben. Zur Begründung verwies die Rundfunkanstalt auf die humanitäre Lage im Gazastreifen und die israelische Kriegsführung.
Nach Auffassung des Senders wäre eine Teilnahme unter diesen Umständen nicht zu verantworten.
Anders als die Niederlande will Irland den Wettbewerb nach bisherigen Angaben auch nicht übertragen.
Bereits beim ESC 2026 in Wien gehörte Irland zu den Ländern, die aus Protest gegen Israels Teilnahme ferngeblieben waren.
Die erneute Absage zeigt, dass die politische Auseinandersetzung trotz Änderungen der Wettbewerbsregeln nicht beigelegt ist.
Spanien, Slowenien und Island noch unentschlossen
Neben den Niederlanden und Irland hatten 2026 auch Spanien, Slowenien und Island den Wettbewerb boykottiert.
Für 2027 stehen die endgültigen Entscheidungen dieser drei Länder noch aus.
In Spanien hatte sich die Führung des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE für eine Fortsetzung des Boykotts ausgesprochen. Eine endgültige Teilnahmebestätigung liegt jedoch noch nicht vor.
Auch Slowenien hat seine Entscheidung bislang offengelassen.
In Island sprach sich der Rundfunkrat des öffentlich-rechtlichen Senders RÚV dafür aus, dem Wettbewerb weiterhin fernzubleiben, solange Israel teilnehmen darf. Eine abschließende Entscheidung wurde allerdings noch nicht bekannt gegeben.
Damit könnte die Zahl der Länder, die aus politischen Gründen nicht antreten, weiter steigen.
Israel darf weiterhin teilnehmen
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Entscheidung der Europäischen Rundfunkunion (EBU), Israel weiterhin zum ESC zuzulassen.
Mehrere europäische Rundfunkanstalten hatten bereits 2025 einen Ausschluss Israels verlangt.
Sie begründeten ihre Forderung mit dem israelischen Militäreinsatz im Gazastreifen, den zahlreichen zivilen Opfern und der humanitären Situation in dem Gebiet.
Israel weist den Vorwurf zurück, seine Teilnahme am Musikwettbewerb sei politisch unzulässig. Vertreter des Landes betonen, dass Israel seit Jahrzehnten Teil des Eurovision Song Contest ist.
Der ESC wird von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und ihren Partnern organisiert. Die Teilnahme ist nicht unmittelbar an eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union gebunden.
Die EBU hält daran fest, den Wettbewerb als internationale Musikveranstaltung zu organisieren, die Menschen über Grenzen hinweg zusammenbringen soll.
Doch gerade dieser Anspruch wird von den boykottierenden Rundfunkanstalten infrage gestellt.
Veranstalter reagieren mit neuen Regeln
Die Europäische Rundfunkunion hatte bereits auf frühere Kritik reagiert.
Unter anderem wurden die Abstimmungsregeln verändert. Professionelle Jurys sollen wieder in den Halbfinals mitentscheiden. Außerdem wurde die Zahl der möglichen Stimmen pro Zahlungsmethode reduziert.
Hintergrund waren Diskussionen über mögliche politische Einflussnahme auf das Abstimmungsverhalten.
Insbesondere die umfangreiche öffentliche Werbung für israelische Beiträge hatte in der Vergangenheit Fragen nach der Chancengleichheit aufgeworfen.
Die Regeländerungen sollten das Vertrauen in die Abstimmung stärken und die Bedeutung der musikalischen Leistung hervorheben.
Für die Niederlande und Irland reichen diese Maßnahmen jedoch nicht aus, um wieder am Wettbewerb teilzunehmen.
Kanada erstmals beim Eurovision Song Contest dabei
Trotz der Boykotte meldet die EBU für 2027 bislang 36 bestätigte Teilnehmerländer. Das wäre ein Land mehr als beim Wettbewerb 2026.
Eine Besonderheit ist die erstmalige Teilnahme Kanadas.
Damit erweitert sich der Wettbewerb um ein weiteres Land außerhalb Europas. Bereits seit Jahren gehört Australien zum Teilnehmerfeld.
Auch Nordmazedonien kehrt nach längerer Pause zurück.
Gastgeber ist Bulgarien, nachdem die Sängerin Dara den Eurovision Song Contest 2026 in Wien gewonnen hatte.
Austragungsort ist die Schwarzmeerstadt Burgas. Das Finale ist für Mai 2027 vorgesehen.
Die Organisatoren setzen darauf, dass die internationale Musikveranstaltung trotz der politischen Kontroversen weiterhin ein großes Publikum erreicht.
Sinkende Zuschauerzahlen erhöhen den Druck
Der Eurovision Song Contest gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten europäischen Fernsehformaten.
Doch die politischen Konflikte haben zuletzt auch die Zuschauerentwicklung beeinflusst.
Nach Angaben der Veranstalter verfolgten 2026 rund 130 Millionen Menschen das Finale. Im Jahr zuvor waren es etwa 160 Millionen gewesen.
Die Entwicklung lässt sich nicht allein auf die Boykotte zurückführen. Sie verdeutlicht aber, dass der Wettbewerb zunehmend unter öffentlicher Beobachtung steht.
Dabei geht es um weit mehr als die Frage, welche Künstler auftreten dürfen.
Kritiker verlangen eine konsequentere Haltung der EBU gegenüber internationalen Konflikten. Andere warnen davor, den Musikwettbewerb durch politische Ausschlüsse weiter zu polarisieren.
Wird aus dem ESC eine Boykottveranstaltung?
Ob der Eurovision Song Contest 2027 tatsächlich von einer größeren Boykottwelle erfasst wird, ist noch offen.
Mit den Niederlanden und Irland haben zwei langjährige Teilnehmer ihre Absage wegen Israels Beteiligung ausdrücklich bestätigt. Weitere Entscheidungen stehen aus.
Gleichzeitig zeigt die vorläufige Teilnehmerliste mit 36 Ländern, dass der Wettbewerb weiterhin auf breite internationale Beteiligung zählen kann.
Für die Europäische Rundfunkunion bleibt damit eine schwierige Aufgabe: Sie muss den verbindenden Charakter des Musikwettbewerbs bewahren, während mehrere ihrer Mitgliedssender dessen politische Neutralität infrage stellen.
Bis zum Finale im Mai 2027 dürfte die Debatte über Israels Teilnahme deshalb weitergehen.