Direkt von Zittau, Weißwasser oder anderen mitteldeutschen Städten an die Ostsee: Was für viele DDR-Bürger zum Beginn des Sommerurlaubs gehörte, ist heute Geschichte. Die Deutsche Bahn sieht keinen Bedarf, die früheren Bäderzüge wieder einzuführen. Sie verweist stattdessen auf bestehende Verbindungen aus größeren Städten und auf Umsteigemöglichkeiten im Regionalverkehr.
Die alten Urlaubsverbindungen brachten Reisende über Jahrzehnte ohne Zugwechsel aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bis nach Stralsund, auf Rügen oder in andere Ostseebäder. Besonders für Familien mit Kindern und umfangreichem Gepäck war die direkte Fahrt eine erhebliche Erleichterung.
Bäderzüge entstanden in den frühen 1950er-Jahren
Die Geschichte der Bäderzüge begann Anfang der 1950er-Jahre. Da nur vergleichsweise wenige DDR-Haushalte ein eigenes Auto besaßen, war die Eisenbahn für viele Urlauber das wichtigste Verkehrsmittel.
Von Städten im Süden und in der Mitte der DDR wurden deshalb durchgehende Schnellzüge zu den Urlaubsorten an der Ostsee eingesetzt. Eine der früheren Verbindungen führte beispielsweise von Zittau über Weißwasser direkt nach Stralsund. Die Reisenden konnten ohne Umstieg bis in die Küstenregion fahren.
Die Züge waren häufig stark ausgelastet. Tausende Feriengäste nutzten sie, um die großen Ferienzentren, Ferienheime und Campingplätze an der Ostsee zu erreichen.
Nach der Wiedervereinigung war schnell Schluss
Die meisten Bäderzüge verkehrten bis September 1990. Einzelne Verbindungen in Richtung Usedom blieben noch bis September 1991 bestehen. Danach wurde das Angebot eingestellt.
Als Grund nennt der Eisenbahnhistoriker Wolf-Dietger Machel eine deutlich geringere Auslastung nach der Wiedervereinigung. Mit der neuen Reisefreiheit entschieden sich viele Menschen für andere Urlaubsregionen. Gleichzeitig nahm der private Autobesitz erheblich zu.
Damit veränderten sich die Reisegewohnheiten. Aus stark gebündelten Urlaubsströmen wurden individuellere Fahrten zu unterschiedlichen Zielen und Terminen.
Bahn verweist auf heutige Verbindungen
Die Deutsche Bahn argumentiert ähnlich. Die Verhältnisse aus DDR-Zeiten seien mit der heutigen Situation nicht mehr vergleichbar. Das Reiseverhalten werde inzwischen vor allem von Individualurlaubern geprägt.
Das Unternehmen verweist darauf, dass Reisende unter anderem von Erfurt, Halle, Magdeburg, Stendal und Dresden verschiedene Ziele an der Ostsee erreichen können. Weitere Seebäder seien nach einem Umstieg in den Nahverkehr zugänglich.
Von Dresden nach Rostock weist die aktuelle Reiseauskunft beispielsweise Fahrzeiten ab etwa vier Stunden aus. Das Angebot umfasst jedoch nicht für jeden Abfahrtsort eine direkte Verbindung.
Gerade aus kleineren Städten wie Weißwasser, Zittau oder Nordhausen kann die Reise deshalb mehrere Umstiege erfordern. Für ältere Menschen, Familien und Urlauber mit Fahrrädern oder umfangreichem Gepäck ist das weniger komfortabel als eine durchgehende Verbindung.
Keine Nachfrage nach einer klassischen Neuauflage
Aus Sicht der Bahn ist das bestehende Angebot ausreichend. Einen konkreten Bedarf für zusätzliche Züge nach historischem Vorbild sieht das Unternehmen nicht. Damit erteilt es einer klassischen Wiederbelebung der Bäderzüge vorerst eine Absage.
Dabei müsste eine moderne Verbindung nicht zwingend das alte Modell vollständig übernehmen. Denkbar wären saisonale Wochenendzüge in den Sommermonaten, die ausgewählte Städte in Mitteldeutschland direkt mit Rostock, Stralsund, Rügen oder Usedom verbinden.
Solche Züge könnten Urlauber ansprechen, die auf das Auto verzichten möchten, aber lange Umsteigeverbindungen vermeiden wollen.
Grüne fordern günstigere Bedingungen für Saisonzüge
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel zeigt sich offen für eine Rückkehr saisonaler Verbindungen. Wirtschaftliche Anreize könnten nach seiner Ansicht Bahnunternehmen dazu bewegen, frühere Urlaubsverkehre in moderner Form wieder aufzunehmen.
Ein Ansatz wären niedrigere Trassenpreise auf weniger stark ausgelasteten Strecken. Trassenpreise sind die Gebühren, die Bahnunternehmen für die Nutzung der Schieneninfrastruktur zahlen müssen.
Werden diese Kosten gesenkt, könnten saisonale Züge auch für die Deutsche Bahn oder private Anbieter wie Flixtrain wirtschaftlich interessanter werden. Davon könnten zugleich kleinere Städte profitieren, die heute nur eingeschränkt an den Fernverkehr angebunden sind.
Direktzüge könnten Straßen und Urlaubsorte entlasten
Die Ostsee zählt weiterhin zu den beliebtesten deutschen Urlaubsregionen. In den Sommermonaten führen die Anreiserouten regelmäßig zu Staus, während Parkplätze in vielen Küstenorten knapp sind.
Direkte Züge aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen könnten deshalb nicht nur Erinnerungen an frühere Reisezeiten wecken. Sie könnten einen praktischen Beitrag zu einem klimafreundlicheren Tourismus leisten.
Voraussetzung wäre ein Angebot, das zu den heutigen Reisegewohnheiten passt: saisonal, zuverlässig, familienfreundlich und mit ausreichenden Kapazitäten für Gepäck und Fahrräder.
Ob ein solcher Zug genügend Fahrgäste finden würde, müsste durch eine belastbare Nachfrageanalyse geprüft werden. Die pauschale Annahme, für direkte Ostseeverbindungen bestehe kein Bedarf, dürfte viele Reisende aus kleineren ostdeutschen Städten jedoch nicht überzeugen.
Der Bäderzug bleibt vorerst Erinnerung
Die früheren Bäderzüge gehörten zu einer Zeit, in der Urlaubsreisen stärker staatlich organisiert und private Autos deutlich seltener waren. Eine unveränderte Rückkehr ist daher kaum realistisch.
Dennoch bleibt die Grundidee aktuell: ohne mehrfaches Umsteigen aus dem Binnenland direkt an die Ostsee zu fahren. Die Deutsche Bahn setzt vorerst auf ihr bestehendes Netz. Eine neue direkte Sommerverbindung ist aktuell nicht geplant.
Quellen
Deutsche Bahn: Aktuelle Fern- und Nahverkehrsnetze sowie bestehende Reisemöglichkeiten nach Stralsund und Rostock.