Ein Bus fährt durchs Thüringer Land, hält an kleinen Ortschaften und bringt Fahrgäste zum nächsten Bahnhof – nur sitzt niemand am Steuer. Was heute noch wie ein Zukunftsbild wirkt, soll im Freistaat schrittweise Teil des normalen öffentlichen Nahverkehrs werden. Thüringen arbeitet an einer landesweiten Modellregion für autonomes und vernetztes Fahren und will dabei besonders Lösungen für dünn besiedelte Regionen entwickeln.

Das Vorhaben gehört inzwischen zu den zentralen Verkehrsprojekten des Thüringer Ministeriums für Digitales und Infrastruktur. Das vom Ministerium beauftragte Thüringer Mobilitätsnetzwerk arbeitet neben dem geplanten integrierten Taktfahrplan ausdrücklich auch an einer „Modellregion Autonomes Fahren“.

Noch in dieser Woche soll das Thema zusätzliche politische Bedeutung bekommen. Auf Initiative Thüringens treffen sich am 13. und 14. August die Verkehrsministerinnen und Verkehrsminister der ostdeutschen Länder in Gera, um über zentrale Zukunftsfragen der Mobilität zu beraten.

Autonome Fahrzeuge sollen Lücken auf dem Land schließen

Der entscheidende Punkt ist nicht der fahrerlose Bus allein.

Thüringen sucht nach einem Verkehrssystem, das auch dort funktioniert, wo klassische Buslinien aufgrund geringer Fahrgastzahlen und großer Entfernungen nur schwer wirtschaftlich betrieben werden können.

Autonome Fahrzeuge könnten dabei unterschiedliche Aufgaben übernehmen: reguläre Linien bedienen, kleinere Orte an zentrale Verkehrsknoten anbinden oder auf Bestellung fahren.

Gerade solche Zubringerverbindungen gelten als wichtig, wenn ein landesweiter Taktfahrplan funktionieren soll.

Der Regionalexpress kann im Bahnhof pünktlich stehen – für Einwohner eines mehrere Kilometer entfernten Dorfes hilft das jedoch wenig, wenn sie den Bahnhof ohne Auto kaum erreichen.

Level 4 bedeutet Fahren ohne Fahrer

Technisch zielt Thüringen auf Fahrzeuge des Automatisierungsgrades Level 4.

Bei diesem Niveau kann ein Fahrzeug innerhalb eines festgelegten Einsatzbereiches die Fahraufgabe selbstständig übernehmen.

Ein Fahrer muss dort nicht dauerhaft eingreifen.

Die TU Ilmenau verfügt dafür bereits über Forschungserfahrung. Das Thüringer Innovationszentrum Mobilität arbeitet mit hochautomatisierten Forschungsfahrzeugen für den öffentlichen Nahverkehr und entwickelt gemeinsam mit Hochschulen, Kommunen und Verkehrsunternehmen Anwendungen für ländlich geprägte Räume.

Im Juni hat die Universität ihre Forschungsflotte nochmals erweitert. Nach Einschätzung des Innovationszentrums besitzt Thüringen inzwischen die Voraussetzungen, aus einzelnen Pilotvorhaben eine landesweit abgestimmte Modellregion zu entwickeln.

Forschung soll aus dem Testbetrieb heraus

Damit verändert sich die politische Fragestellung.

Es geht nicht mehr ausschließlich darum, ob ein autonomes Fahrzeug einige Kilometer auf einer Teststrecke bewältigen kann.

Die wesentlich schwierigere Aufgabe besteht darin, die Technik zuverlässig in einen regulären öffentlichen Nahverkehr zu integrieren.

Das umfasst Fahrpläne, Haltestellen, digitale Infrastruktur, Leitstellen, Wartung und die Abstimmung mit Bahn- und Busangeboten.

Schon frühere Projekte in Ilmenau haben gezeigt, wie fahrerlose Kleinbusse in bestehende Angebote eingebunden werden können. Die Forschung konzentriert sich inzwischen zunehmend darauf, solche Systeme auch unter komplexeren Bedingungen sicher betreiben zu können.

Fachkräftemangel erhöht den politischen Druck

Hinter der technischen Entwicklung steht zudem ein sehr praktisches Problem.

Verkehrsunternehmen müssen Personal für ihre Fahrzeuge finden.

Besonders in ländlichen Regionen können fehlende Fahrer dazu führen, dass Angebote nur schwer erweitert oder bestehende Verbindungen langfristig gesichert werden können.

Autonome Fahrzeuge könnten diesen Druck reduzieren.

Sie ersetzen allerdings nicht sämtliche Beschäftigten im Nahverkehr.

Leitstellen, Wartung, Kundenbetreuung, Fahrzeugüberwachung und technische Unterstützung bleiben notwendig. Statt des klassischen Fahrerarbeitsplatzes könnten deshalb teilweise andere Tätigkeitsprofile entstehen.

Wirtschaftlichkeit wird zur entscheidenden Frage

Ob sich das Modell tatsächlich durchsetzt, entscheidet sich am Ende nicht nur im Forschungslabor.

Ein autonomer Kleinbus kann technisch funktionieren und trotzdem für eine Kommune unbezahlbar sein.

Fahrzeuge, Sensoren, digitale Karten, Kommunikationsnetze, Leitstellen und Wartung verursachen erhebliche Kosten.

Auch das Thüringer Infrastrukturministerium sieht bei der Entwicklung einer Modellregion einen hohen Investitionsbedarf. Gleichzeitig besteht die Hoffnung, dass sich Betriebskosten langfristig stabilisieren lassen, wenn Fahrzeuge flexibler eingesetzt werden können.

Gerade im ländlichen Raum könnte diese Rechnung entscheidend werden.

Ein fast leerer großer Linienbus, der nach einem starren Fahrplan fährt, ist teuer. Kleinere autonome Fahrzeuge könnten dagegen nach Bedarf eingesetzt und stärker mit Bahnverbindungen abgestimmt werden.

Ob daraus tatsächlich wirtschaftliche Vorteile entstehen, muss allerdings erst im größeren Regelbetrieb bewiesen werden.

Thüringen besitzt starke Forschungsbasis

Der Freistaat startet dabei nicht bei null.

Neben dem Thüringer Innovationszentrum Mobilität an der TU Ilmenau arbeiten weitere Hochschulen und Forschungseinrichtungen an Mobilitätslösungen.

Im Thüringer Mobilitätsnetzwerk sind unter anderem die TU Ilmenau, die Fachhochschule Erfurt und die Bauhaus-Universität Weimar eingebunden.

Hinzu kommen Unternehmen, Verkehrsunternehmen, Kommunen und Landkreise.

Diese Verbindung könnte für eine Modellregion wichtiger sein als ein einzelnes spektakuläres Fahrzeug.

Denn autonomer Nahverkehr funktioniert nur, wenn Fahrzeugtechnik, digitale Infrastruktur und Verkehrsplanung zusammenpassen.

Auch Thüringer Industrie könnte profitieren

Das Projekt besitzt deshalb eine wirtschaftspolitische Dimension.

Thüringen verfügt über Unternehmen und Forschungskompetenzen in Bereichen wie Sensorik, Elektronik und Kommunikationstechnik.

Wenn autonome Verkehrssysteme künftig in größerem Umfang eingesetzt werden, entsteht daraus ein neuer Markt für Fahrzeugtechnik, Sensoren, Software und digitale Infrastruktur.

Die TU Ilmenau sieht darin ausdrücklich Chancen für bestehende Thüringer Wirtschaftszweige.

Damit könnte der Freistaat nicht nur Anwender autonomer Mobilität werden.

Im besten Fall entstehen Technologien und Erfahrungen, die später auch außerhalb Thüringens eingesetzt werden.

Wettbewerb um Deutschlands Modellregionen beginnt

Thüringen steht mit seinen Plänen allerdings nicht allein.

Bund und Länder wollen autonome Mobilität stärker aus Forschungsprojekten in praktische Anwendungen überführen.

Damit entsteht ein Wettbewerb zwischen Großstädten, Metropolregionen und ländlichen Modellräumen.

Thüringen setzt auf einen bewussten Unterschied: Nicht die dicht besiedelte Großstadt soll im Mittelpunkt stehen, sondern ein Flächenland mit vielen kleinen Orten.

Gerade darin könnte die bundesweite Bedeutung des Projektes liegen.

Wenn fahrerlose Busse dort funktionieren, wo geringe Bevölkerungsdichte und große Entfernungen den öffentlichen Verkehr besonders teuer machen, könnte daraus ein Modell für zahlreiche andere Regionen Deutschlands entstehen.

Gera wird zum nächsten politischen Prüfstein

Beim Treffen der ostdeutschen Verkehrsminister am 13. und 14. August dürfte deshalb mehr diskutiert werden als Technik.

Es geht um die Frage, wie Mobilität in Regionen organisiert werden kann, in denen Bevölkerung altert, Fachkräfte fehlen und klassische Verkehrsangebote zunehmend unter Kostendruck geraten.

Thüringen will darauf mit Digitalisierung und autonomem Fahren eine Antwort geben.

Ob der fahrerlose Bus tatsächlich einmal selbstverständlich durch Thüringer Dörfer fährt, ist noch offen.

Doch die politische Richtung ist inzwischen klar: Der Freistaat möchte nicht warten, bis andere Regionen den Regelbetrieb vormachen – sondern selbst zu einem der Erprobungsräume werden, in denen die nächste Generation des öffentlichen Nahverkehrs entsteht.

Quellen

Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur – Thüringer Mobilitätsnetzwerk und Modellregion Autonomes Fahren, 19. März 2026 Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur – Arbeitstagung der ostdeutschen Verkehrsminister in Gera, 7. August 2026 Technische Universität Ilmenau / Thüringer Innovationszentrum Mobilität – Forschungsflotte und Modellregion autonomes Fahren, 23. Juni 2026 Technische Universität Ilmenau / Thüringer Innovationszentrum Mobilität – Forschung zu Level-4-Fahrzeugen und Mobilität im ländlichen Raum