Unebene Gehwege, hohe Bordsteine oder unerwartete Engstellen können für Rollstuhlfahrer schnell zu unüberwindbaren Hindernissen werden. Forschende der Technischen Universität Chemnitz entwickeln deshalb eine digitale Lösung, die barrierearme Wege automatisch erfassen und für die Routenplanung nutzbar machen soll. Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigungen können sich an dem Projekt beteiligen.

Das Forschungsprojekt trägt den Namen „Automatisierte Kartierung zur Planung barrierearmer Routen für Rollstuhlfahrer im Innenstadtbereich“, kurz ROLL-I.

Ziel ist eine Anwendung, mit der Betroffene bereits vor einer Fahrt besser einschätzen können, ob eine Strecke für sie tatsächlich geeignet ist.

Viele Hindernisse fehlen in heutigen Kartendiensten

Nach Angaben der TU Chemnitz leben in Deutschland mehr als 1,6 Millionen Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Bestehende Kartendienste enthalten jedoch häufig nur unvollständige Informationen darüber, ob ein Gehweg problemlos befahrbar ist. Angaben zu Steigungen, beschädigten Oberflächen, Engstellen oder ungeeigneten Straßenüberquerungen fehlen oft.

Das kann im Alltag zu erheblichen Problemen führen. Betroffene berichten laut Universität von ungeplanten Umwegen, gefährlichen Ausweichmanövern auf die Straße oder davon, bestimmte Orte wegen mangelnder Planbarkeit vollständig zu meiden.

Sensorkit wird am Rollstuhl befestigt

Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist ein mobiles Sensorkit, das direkt an einem Rollstuhl angebracht werden kann.

Während der Fahrt zeichnet das System Informationen über den Zustand der Strecke auf. Erschütterungen können beispielsweise darauf hinweisen, ob ein Untergrund eben ist oder ob Pflastersteine, Schlaglöcher und andere Schäden die Fahrt erschweren.

Die automatische Erfassung soll einen entscheidenden Vorteil gegenüber der bisher häufig manuellen Eingabe von Daten bieten. Informationen könnten kontinuierlich während alltäglicher Wege gesammelt und später ausgewertet werden.

Künstliche Intelligenz bewertet die Passierbarkeit

Die Sensordaten sollen mit weiteren Informationsquellen kombiniert werden. Dazu gehören unter anderem topografische Angaben, die Rückschlüsse auf Steigungen und Gefälle erlauben.

Anschließend sollen Verfahren des maschinellen Lernens einzelne Wegabschnitte bewerten. Das System soll erkennen, welche Strecken gut, eingeschränkt oder nur schwer mit einem Rollstuhl passierbar sind.

Aus den Ergebnissen sollen digitale Karten entstehen, die später über eine barrierefreie und einfach bedienbare Anwendung genutzt werden können. Auch eine Einbindung in bestehende Kartendienste wie OpenStreetMap ist nach Angaben der TU Chemnitz denkbar.

Nutzer sollen von Anfang an beteiligt werden

Das Projektteam verfolgt einen nutzerzentrierten Ansatz. Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigungen sollen nicht erst die fertige Anwendung testen, sondern bereits während der Entwicklung ihre Erfahrungen und Anforderungen einbringen.

Damit soll verhindert werden, dass eine technische Lösung entsteht, die an den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen vorbeigeht.

Gesucht werden deshalb Menschen, die ihre Erfahrungen mit Barrieren im Stadtverkehr teilen, das Sensorkit erproben oder Rückmeldungen zur geplanten Anwendung geben möchten.

Mehr als eine halbe Million Euro Förderung

ROLL-I läuft noch bis Dezember 2027. Das Projekt wird mit insgesamt 522.000 Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert und von der Europäischen Union kofinanziert.

Die Forschung ist an der Professur Mensch und Technik der TU Chemnitz angesiedelt.

Das Projekt könnte langfristig nicht nur Menschen im Rollstuhl helfen. Auch Personen mit Rollatoren, Kinderwagen oder vorübergehenden Bewegungseinschränkungen könnten von verlässlicheren Informationen über den Zustand von Gehwegen profitieren.

Kontakt für Interessierte

Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigungen, die sich am Projekt beteiligen möchten, können sich an das Forschungsteam wenden.

Ansprechpartnerin: Dr. Tonja Machulla
Telefon: 0371 531-32728
E-Mail: tonja.machulla@phil.tu-chemnitz.de

Quelle

  • Technische Universität Chemnitz: Pressemitteilung „Intelligente Kartierung für eine inklusive Stadt“ zum Forschungsprojekt ROLL-I.