In Brandenburg verschwinden immer mehr Kreißsäle. Nach den Schließungen in Strausberg und Potsdam stellt zum 1. Oktober 2026 auch das Immanuel-Klinikum Bernau seine Geburtshilfe ein. Für Schwangere werden die Wege länger, während die verbliebenen Kliniken zusätzliche Geburten übernehmen müssen.
Das Klinikum in Bernau begründet seine Entscheidung mit anhaltendem Fachkräftemangel, gesetzlichen Kürzungen und einer sinkenden Geburtenzahl. Bis Ende Juni kamen dort 2026 insgesamt 183 Kinder zur Welt – durchschnittlich etwa eines am Tag.
Offene Stellen hätten trotz intensiver Bemühungen nicht besetzt werden können. Das Krankenhaus will sich künftig stärker auf seine Arbeit als Herzzentrum konzentrieren. Geburtshilfe und Gynäkologie sollen umliegende Kliniken in Rüdersdorf, Berlin-Buch, Oranienburg und Eberswalde übernehmen.
Auch Strausberg und Potsdam haben Geburtshilfe geschlossen
Bereits Ende Juni stellte das Krankenhaus Märkisch-Oderland am Standort Strausberg seinen Kreißsaalbetrieb ein. Im Juli folgte die Geburtshilfe des St. Josefs-Krankenhauses in Potsdam.
Das Potsdamer Haus gehörte mit zuletzt rund 650 Geburten im Jahr zu den größeren Geburtskliniken des Landes. Nach der Schließung bleibt in der Landeshauptstadt nur noch das Klinikum Ernst von Bergmann als Geburtsstandort.
In den vergangenen Jahren verschwanden außerdem Geburtsstationen in Templin, Eisenhüttenstadt, Forst und Ludwigsfelde. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die besonders Familien im ländlichen Raum trifft.
Geburtenzahl ist deutlich zurückgegangen
In Brandenburg kommen derzeit rund 15.000 Kinder pro Jahr zur Welt. Im Jahr 2016 waren es noch knapp 21.000. Seit den 1990er-Jahren hat sich die Zahl der Geburtskliniken im Land ungefähr halbiert.
Befürworter einer stärkeren Konzentration verweisen auf den Rückgang der Geburten und die hohen Kosten eines rund um die Uhr besetzten Kreißsaals. Ärzte, Hebammen, Pflegekräfte und die notwendige medizinische Technik müssen auch dann verfügbar sein, wenn zeitweise nur wenige Kinder geboren werden.
Die Bündelung könne zudem helfen, Fachkräfte und spezialisierte medizinische Angebote an größeren Standorten zusammenzuführen. Fraglich bleibt jedoch, wie weit die Anfahrt für Schwangere sein darf.
Hebamme berichtet von Fahrzeiten bis zu 90 Minuten
Carolin Jooß, leitende Hebamme im Krankenhaus Rüdersdorf, berichtet bereits von spürbaren Folgen. Nach den Schließungen anderer Geburtsstationen meldeten sich zunehmend Schwangere bei ihrem Haus. Einige seien aufgeregt oder verzweifelt, weil sie ihren geplanten Geburtsort kurzfristig ändern müssten.
Nach ihren Erfahrungen nehmen Frauen in Brandenburg teilweise Fahrzeiten von bis zu anderthalb Stunden in Kauf. Die offizielle Prognose des Landes fällt günstiger aus: Gesundheitsminister René Wilke bezeichnete eine ermittelte maximale Fahrzeit von rund 40 Minuten bereits als grenzwertig.
Solche Berechnungen bilden allerdings nicht sämtliche Alltagssituationen ab. Berufsverkehr, Baustellen, schlechte Straßenverbindungen und die Entfernung zwischen dem Wohnort und der tatsächlich aufnahmefähigen Klinik können die Fahrt verlängern.
Verbleibende Kliniken müssen mehr Frauen aufnehmen
Das Krankenhaus in Rüdersdorf begleitet durchschnittlich rund 900 Geburten pro Jahr. Nach Angaben der leitenden Hebamme sind es meist zwei bis fünf Geburten am Tag. Durch die Schließungen in Strausberg, Potsdam und Bernau dürfte das Einzugsgebiet weiter wachsen.
Die Kliniken müssen deshalb nicht nur zusätzliche Kreißsaalkapazitäten bereitstellen. Auch Wochenbettstationen, Kinderärzte, Stillberatung und psychosoziale Betreuung werden stärker beansprucht.
Für die Hebammen kommt eine finanzielle Belastung hinzu. Freiberufliche Beleghebammen hätten durch das seit November 2025 geltende Vergütungssystem nach Angaben von Jooß Einbußen von etwa 20 Prozent hinnehmen müssen.
Versorgungssicherheit bleibt entscheidende Frage
Die Entwicklung zeigt den Konflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und wohnortnaher Versorgung. Sinkende Geburtenzahlen und fehlendes Personal erschweren den Betrieb kleiner Stationen. Gleichzeitig kann eine Geburt nicht auf einen Termin gelegt oder zuverlässig über längere Entfernungen geplant werden.
Für Brandenburg stellt sich deshalb die Frage, ob die verbleibenden Kliniken personell und räumlich ausreichend auf zusätzliche Patientinnen vorbereitet sind. Ebenso wichtig ist, wie eine sichere Versorgung in Regionen gewährleistet werden kann, in denen der nächste Kreißsaal weit entfernt liegt.
Die Schließung in Bernau dürfte deshalb nicht das Ende der Debatte sein. Sie betrifft nicht nur das Klinikum selbst, sondern verändert die Geburtshilfe in weiten Teilen des Barnims und im Berliner Umland.
Quelle: Hintergrundberichte zur Geburtshilfe in Brandenburg