Der Hausärztemangel wird zu einem politischen Faktor. In Sachsen-Anhalt sagen 55 Prozent der Befragten, dass sich die hausärztliche Versorgung in ihrer Region innerhalb der vergangenen fünf Jahre verschlechtert habe. Bundesweit erklärt jeder Zweite, dass die Sicherstellung der Versorgung die eigene Wahlentscheidung beeinflusst.
Die Ergebnisse stammen aus einer repräsentativen Civey-Umfrage im Auftrag des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes. Befragt wurden vom 25. bis zum 27. August 2026 insgesamt 5.000 Erwachsene. Der statistische Fehler des Gesamtergebnisses liegt nach Angaben der Auftraggeber bei 2,5 Prozentpunkten.
Die Erhebung misst die persönliche Einschätzung der Befragten. Sie ist deshalb keine Statistik über tatsächlich geschlossene Praxen oder unbesetzte Arztsitze. Dennoch zeigt sie, wie stark das Thema in der Bevölkerung wahrgenommen wird.
Sachsen-Anhalt liegt über dem Bundesdurchschnitt
Deutschlandweit berichten 44 Prozent der Befragten von einer Verschlechterung der hausärztlichen Versorgung. In Sachsen-Anhalt liegt der Anteil mit 55 Prozent deutlich darüber.
Zum Vergleich: In Bayern sehen 40 Prozent eine negative Entwicklung. Den höchsten in der veröffentlichten Auswertung genannten Wert erreicht das Saarland mit 58 Prozent.
Gerade in ländlichen Regionen fallen Praxisschließungen besonders ins Gewicht. Wenn ein Hausarzt ohne Nachfolger in den Ruhestand geht, verlängern sich Wege und Wartezeiten. Verbleibende Praxen müssen zusätzliche Patienten aufnehmen und können teilweise keine neuen Behandlungsfälle mehr annehmen.
Versorgung beeinflusst bei 51 Prozent die Wahl
Die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung beeinflusst nach eigenen Angaben bei 51 Prozent der Befragten die Entscheidung bei kommenden Wahlen. Gegenüber einer vergleichbaren Befragung vor zwei Jahren stieg dieser Anteil um 13,5 Prozentpunkte.
Damit entwickelt sich die medizinische Versorgung zu einem Thema, an dem Bürger die Handlungsfähigkeit von Bund, Ländern und Kommunen messen. Besonders unmittelbar wird das Problem, wenn vor Ort kein Hausarzt mehr erreichbar ist oder Patienten lange auf einen Termin warten müssen.
Für 81 Prozent besitzt eine gute hausärztliche Versorgung einen entscheidenden Einfluss auf die Wohn- und Lebensqualität. Die Verfügbarkeit von Ärzten kann damit auch darüber entscheiden, ob Menschen in einer Region bleiben oder einen Wohnortwechsel erwägen.
Mehrheit erwartet längere Wartezeiten
Die Sorge richtet sich nicht nur auf die Zahl der Praxen. 62 Prozent der Befragten erwarten infolge der Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen längere Wartezeiten. 60 Prozent befürchten, dass Hausärzte künftig weniger Zeit für ihre Patienten haben werden.
Der Hausärzteverband fordert deshalb stärkere politische Unterstützung für die Praxen. Aus seiner Sicht müssten die Arbeitsbedingungen verbessert und die hausärztliche Versorgung vor weiteren finanziellen Belastungen geschützt werden.
Die Aussagen des Verbandes müssen im Zusammenhang mit seiner Rolle als Auftraggeber der Umfrage betrachtet werden. Die hohen Zustimmungswerte zeigen jedoch unabhängig davon, dass die Sorge um eine verlässliche medizinische Betreuung weit über die Ärzteschaft hinausreicht.
Kommunale Praxis als mögliches Modell
Einige Gemeinden versuchen bereits, selbst gegenzusteuern. Im rheinland-pfälzischen Monsheim betreibt die Kommune eine Hausarztpraxis und beschäftigt die Mediziner. Die Gemeinde kümmert sich um Räume, Geräte, Reinigung und Personalverträge.
Rund 2.500 Patienten werden dort behandelt. Für Aufbau und Ausstattung ging die Kommune mit ungefähr 500.000 Euro in Vorleistung. Inzwischen arbeitet die Praxis nach Angaben der Gemeinde wirtschaftlich.
Das Modell lässt sich nicht automatisch auf jede Stadt oder Gemeinde übertragen. Es zeigt jedoch, dass Kommunen bei drohenden Versorgungslücken eine aktivere Rolle übernehmen können. Auch medizinische Versorgungszentren, angestellte Ärzte und gemeinsam genutzte Zweigpraxen werden als mögliche Lösungen diskutiert.
Versorgung wird zur Standortfrage
Für Sachsen-Anhalt ist die Debatte besonders wichtig. Das Land besitzt viele dünn besiedelte Regionen, in denen längere Wege nicht ohne Weiteres durch öffentliche Verkehrsmittel ausgeglichen werden können. Ältere und chronisch kranke Menschen sind jedoch besonders auf regelmäßig erreichbare Hausärzte angewiesen.
Die Umfrage liefert kein vollständiges Bild der tatsächlichen Versorgungslage in jedem Landkreis. Sie macht aber deutlich, dass viele Einwohner eine Verschlechterung wahrnehmen und politische Konsequenzen daraus ziehen.
Parteien und künftige Landesregierung werden deshalb erklären müssen, wie sie Hausarztpraxen in der Fläche sichern, Nachwuchs gewinnen und überlastete Standorte entlasten wollen. Für viele Wähler ist die medizinische Versorgung längst kein abstraktes gesundheitspolitisches Thema mehr, sondern eine konkrete Frage ihres Alltags.
Quelle: Hausärztinnen- und Hausärzteverband, Civey-Umfrage 2026