Wer Zeitzeugen nach ihren prägendsten Sinneseindrücken aus dem DDR-Alltag fragt, bekommt erstaunlich oft dieselbe Antwort: „Der Intershop-Geruch.“ Eine Mischung aus Markenwaschmittel, frisch geröstetem Bohnenkaffee, edlem Parfum und feinem Pfeifentabak lag in der Luft, sobald sich die Glas-Schiebetüren dieser besonderen Verkaufsstätten öffneten.

Der Intershop war eines der faszinierendsten Wirtschafts- und Gesellschaftsphänomene der DDR – eine staatlich organisierte Oase des West-Konsums mitten im Binnenland.

Inhaltsübersicht

  1. Von der Raststätte zur Staatsbank-Quelle: Die Gründung 1962

  2. Der Wandel von 1974: Als DDR-Bürger legal im Intershop einkaufen durften

  3. Forum-Schecks: Das Ersatzgeld für den West-Einkauf

  4. Sehnsuchtsgüter: Jeans, Sucht-Schokolade und West-Elektronik

  5. Zweites Leben: Wie Intershop in Jena zum E-Commerce-Pionier wurde

  6. Leser-Aufruf: Welche Erinnerung hast du an deinen ersten Intershop-Besuch?

Von der Raststätte zur Staatsbank-Quelle: Die Gründung 1962

Die Wurzeln des Intershops reichen in das Jahr 1962 zurück. Die staatliche Gastronomiegesellschaft Mitropa richtete an Grenzübergängen, Transitraststätten, Bahnhöfen und Flughäfen kleine Verkaufsstände ein. Das ursprüngliche Ziel war simpel: Ausländischen Touristen und Transitreisenden aus dem Westen Waren gegen deren Heimatwährung (vor allem D-Mark) anzubieten.

Die DDR-Staatsführung unter Walter Ulbricht und später Erich Honecker erkannte rasch das riesige Potenzial. Da der Staat chronisch unter Devisenmangel litt, um Importe von Rohstoffen und Maschinen aus dem Westen zu finanzieren, wurden die Verkaufsstellen massiv ausgebaut. Unter der Regie der geheimnisumwitterten Kommerziellen Koordinierung (KoKo) von Alexander Schalck-Golodkowski entstand die Intershop Handelsorganisation GmbH.

Der Wandel von 1974: Als DDR-Bürger legal im Intershop einkaufen durften

Anfangs war DDR-Bürgern der Besitz von Devisen offiziell verboten. Doch im Jahr 1974 vollzog die Staatsführung eine Kehrtwende: Der Besitz von Westgeld wurde legalisiert, und Einheimische durften nun offiziell in den Intershops einkaufen – sofern sie D-Mark (etwa aus West-Verwandtschaftsbesuchen oder Geschenken) besaßen.

Dies führte zu einer tiefen gesellschaftlichen Zweiteilung: Wer Verwandtschaft im Westen hatte, konnte sich mit Markenbekleidung, Schokolade, Kosmetik oder Stereoanlagen eindecken. Wer keine Westkontakte hatte, blieb auf das Standard-Sortiment im Konsum oder HO-Laden angewiesen.

Forum-Schecks: Das Ersatzgeld für den West-Einkauf

Um den Abfluss von echter D-Mark im Binnenland zu kontrollieren, führte die Staatsbank 1979 die sogenannten Forum-Schecks ein.

DDR-Bürger mussten ihr Westgeld bei der Staatsbank in diese bunten Papier-Gutscheine umtauschen (1 D-Mark = 1 Forum-Mark), mit denen dann ausschließlich in den Intershops bezahlt werden konnte. Echte D-Mark sollte so direkt auf den Konten des Staates landen, anstatt auf dem Schwarzmarkt zu zirkulieren.

Sehnsuchtsgüter: Jeans, Sucht-Schokolade und West-Elektronik

Das Sortiment der Intershops war ein Schaufenster der westlichen Konsumwelt:

  • Textilien: Levis-, Wrangler- oder Mustang-Jeans galten unter Jugendlichen als unangefochtene Statussymbole.

  • Genussmittel: Jacobs Krönung, Milka- und Ritter Sport-Schokolade, Kinder überraschung, Camel- oder Marlboro-Zigaretten.

  • Elektronik & Kosmetik: Kassettenrekorder von Grundig oder Sony, Nivea-Cremes und edle französische Düfte.

Zweites Leben: Wie Intershop in Jena zum E-Commerce-Pionier wurde

Mit der Währungsunion und der Wiedervereinigung 1990 verloren die Intershops schlagartig ihre Daseinsberechtigung und wurden aufgelöst. Doch der Name erlebte ein überraschendes Hightech-Revival:

Im thüringischen Jena gründete Stephan Schambach 1992 das Softwareunternehmen Netscape/Intershop. Die Intershop Communications AG entwickelte eine der weltweit ersten Standard-Softwarelösungen für den Online-Handel (E-Commerce) und stieg um die Jahrtausendwende zu einem Aushängeschild der ostdeutschen Digitalwirtschaft auf.

Ortspunkt: Wo du das Phänomen Intershop heute erlebbar findest

Wer in die Geschichte der Intershops eintauchen möchte, findet in mehreren ostdeutschen Museen detailgetreue Rekonstruktionen:

  • DDR Museum Berlin (Karl-Liebknecht-Straße): Beherbergt einen begehbaren, voll ausgestatteten Intershop mit Original-Verpackungen, Forum-Schecks und Tonaufnahmen.

  • Zeitgeschichtliches Forum Leipzig (Grimmaische Straße): Zeigt die wirtschaftlichen Hintergründe der Devisenbeschaffung und die gesellschaftlichen Folgen der Zweiklassen-Kaufkraft.

Leser-Aufruf: Welche Erinnerung hast du an deinen ersten Intershop-Besuch?

Welcher Duft ist dir beim Betreten in Erinnerung geblieben, wofür hast du deine ersten Forum-Schecks gespart oder welches Intershop-Produkt war für dich das absolute Highlight?

Schickt uns eure Fotos und Geschichten per E-Mail an redaktion@ostdeutsche-zeitung.de!