MeinungMeinung | Europa zahlt den Preis, während Washington seinen wirtschaftlichen Einfluss ausbaut

Der Krieg gegen die Ukraine ist auch ein Krieg der Amerikaner gegen die Europäer

Russland führt Krieg gegen die Ukraine. Doch die wirtschaftlichen Folgen treffen Europa besonders hart, während amerikanische Energiekonzerne und Rüstungsunternehmen neue Milliardenmärkte erschließen. Deutschland verliert industrielle Wettbewerbsfähigkeit, die EU wird sicherheitspolitisch immer abhängiger von Washington. Der Ukraine-Krieg offenbart damit einen zweiten Konflikt: den Kampf um wirtschaftliche Macht, Energie und politischen Einfluss zwischen den Vereinigten Staaten und Europa.

Von Frank Deutschländer 9 Min. Lesezeit

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US-Präsident Donald Trump und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stehen für die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Der Ukraine-Krieg hat die europäische Energieversorgung verändert und die Abhängigkeit von amerikanischen Rüstungsunte
US-Präsident Donald Trump und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stehen für die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Der Ukraine-Krieg hat die europäische Energieversorgung verändert und die Abhängigkeit von amerikanischen Rüstungsunte Foto: whitehouse

Berlin. Russland hat die Ukraine überfallen. Diese Tatsache steht außer Frage, ebenso wenig wie das Recht der Ukrainer, sich gegen den Angriff zu verteidigen. Doch wer den Krieg ausschließlich als militärische Auseinandersetzung zwischen Moskau und Kiew betrachtet, übersieht eine weitere Dimension: Während auf ukrainischem Boden gekämpft wird, verschieben sich die wirtschaftlichen und geopolitischen Machtverhältnisse zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.

Europa verliert wirtschaftliche Stärke, investiert immer größere Summen in seine Verteidigung und ist bei strategisch wichtigen Technologien zunehmend auf amerikanische Unternehmen angewiesen.

Gleichzeitig erzielen amerikanische Energiekonzerne zusätzliche Umsätze mit Flüssiggas, während die US-Rüstungsindustrie von den europäischen Aufrüstungsprogrammen profitiert.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Washington den russischen Angriff organisiert hätte oder Europa militärisch bekämpft. Dafür gibt es keine belastbaren Belege.

Doch wirtschaftliche Interessen verschwinden nicht, nur weil Staaten offiziell Verbündete sind.

Die unbequeme These lautet deshalb: Der russische Krieg gegen die Ukraine ist in seinen wirtschaftlichen Auswirkungen auch ein Konflikt, in dem amerikanische Interessen gestärkt werden, während Europa erhebliche Belastungen trägt.

Und Deutschland steht dabei besonders unter Druck.

Erst russisches Gas verloren – dann amerikanisches Flüssiggas gekauft

Über Jahrzehnte gehörte russisches Erdgas zu den wichtigsten Grundlagen der deutschen Energieversorgung.

Die Chemieindustrie, die Metallverarbeitung und zahlreiche weitere Unternehmen profitierten von langfristigen Lieferverträgen und einer vergleichsweise günstigen Versorgung über Pipelines.

Dieses Modell war mit erheblichen politischen Risiken verbunden. Die Abhängigkeit von Russland erwies sich spätestens 2022 als schwerwiegendes strategisches Problem.

Doch der wirtschaftliche Preis des Bruchs war enorm.

Nach dem Wegfall großer russischer Gaslieferungen mussten Deutschland und andere europäische Staaten innerhalb kurzer Zeit neue Lieferquellen erschließen.

Eine der wichtigsten Alternativen kam aus den Vereinigten Staaten.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Im Jahr 2021 importierte die Europäische Union rund 21 Milliarden Kubikmeter amerikanisches Flüssiggas. 2025 waren es bereits rund 83 Milliarden Kubikmeter.

Damit stammten beinahe 58 Prozent der europäischen Flüssiggasimporte aus den USA.

Innerhalb weniger Jahre wurde Amerika zum dominierenden Lieferanten auf einem für Europa strategisch wichtigen Energiemarkt.

Was in Europa als notwendige Diversifizierung der Energieversorgung begann, entwickelte sich zugleich zu einem bedeutenden Geschäft für amerikanische Produzenten und Exporteure.

Das ist aus amerikanischer Sicht nachvollziehbar. Unternehmen verkaufen ihre Produkte dort, wo Nachfrage besteht.

Aus europäischer Sicht stellt sich allerdings eine andere Frage: Hat die EU ihre Abhängigkeit von Russland tatsächlich durch energiepolitische Unabhängigkeit ersetzt – oder einen erheblichen Teil ihrer Abhängigkeit lediglich auf einen anderen Partner verlagert?

Der Unterschied ist politisch bedeutsam.

Die USA sind ein demokratischer Bündnispartner und nicht mit dem autoritär regierten Russland gleichzusetzen. Dennoch verfolgen auch amerikanische Regierungen eigenständige wirtschaftliche Interessen.

Dass diese Interessen mit denen Europas übereinstimmen, ist keineswegs garantiert.

Besonders deutlich wird dies an der amerikanisch-europäischen Handelsvereinbarung, in deren Rahmen die EU beabsichtigt, bis 2028 amerikanische Energieprodukte im erwarteten Wert von 750 Milliarden Dollar zu beziehen.

Diese Summe ist kein bereits ausgegebener Betrag und keine verbindliche staatliche Einkaufsrechnung. Die tatsächlichen Geschäfte hängen von privaten Unternehmen und Marktbedingungen ab.

Dennoch zeigt die Größenordnung, welchen wirtschaftlichen Stellenwert der europäische Energiemarkt inzwischen für Washington besitzt.

Während Europa seinen Energiemarkt neu ordnet, eröffnet sich amerikanischen Produzenten eine langfristige Absatzperspektive.

Europas Aufrüstung ist ein Milliardenmarkt für amerikanische Konzerne

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei der militärischen Aufrüstung.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat die europäischen Staaten gezwungen, ihre Verteidigungsfähigkeit neu zu bewerten.

Viele Länder verfügen über zu geringe Munitionsbestände, unzureichende Luftverteidigung und erhebliche Lücken bei modernen Waffensystemen.

Die daraus folgenden Investitionen sind sicherheitspolitisch nachvollziehbar.

Doch ein erheblicher Teil der neuen Bestellungen geht an amerikanische Rüstungsunternehmen.

Nach Berechnungen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI stiegen die Waffenimporte europäischer NATO-Staaten im Zeitraum 2021 bis 2025 gegenüber den fünf Jahren zuvor um 143 Prozent.

58 Prozent dieser Importe stammten aus den Vereinigten Staaten.

Damit profitiert die amerikanische Rüstungsindustrie erheblich von der veränderten europäischen Sicherheitslage.

Die Entwicklung wird durch die europäische Unterstützung für die Ukraine zusätzlich verstärkt.

Nach Angaben des Kiel Instituts für Weltwirtschaft kauften europäische Unterstützer allein im ersten Halbjahr 2026 militärische Ausrüstung im Wert von mindestens drei Milliarden Euro bei amerikanischen Rüstungsunternehmen, um diese an die Ukraine weiterzugeben.

Das entsprach rund 30 Prozent der europäischen Militärhilfe, die über Beschaffungen bei Rüstungsunternehmen organisiert wurde.

Diese Zahlen dokumentieren keine amerikanische Verschwörung. Sie zeigen einen wirtschaftlichen Zusammenhang.

Europäische Staaten finanzieren einen erheblichen Teil ihrer militärischen Unterstützung und Aufrüstung, während amerikanische Unternehmen einen wichtigen Teil der benötigten Systeme liefern.

Dabei entsteht eine doppelte Abhängigkeit.

Europa benötigt nicht nur die Waffen, sondern vielfach auch Ersatzteile, Software, Wartung, Munition und technische Unterstützung.

Wer militärisch dauerhaft von einem anderen Staat abhängig bleibt, besitzt nur eingeschränkte strategische Handlungsfreiheit.

Gerade deshalb sollte Europa stärker darauf achten, eigene industrielle Fähigkeiten aufzubauen.

Andernfalls wird aus dem nachvollziehbaren Ziel einer besseren Verteidigung ein dauerhaftes wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis.

Deutschlands Industrie verliert – Washington verfolgt seine Interessen

Während amerikanische Energie- und Rüstungsunternehmen neue Absatzmöglichkeiten erhalten, kämpft die deutsche Industrie mit tiefgreifenden Problemen.

Nach zwei Jahren rückläufiger Wirtschaftsleistung wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2025 lediglich um 0,2 Prozent.

Im Verarbeitenden Gewerbe sank die preisbereinigte Bruttowertschöpfung im selben Jahr um weitere 1,3 Prozent.

Besonders energieintensive Industriezweige stehen unter erheblichem Druck.

Die wirtschaftlichen Ursachen sind vielfältig. Neben hohen Energiepreisen belasten Bürokratie, internationale Konkurrenz, schwache Investitionen und strukturelle Probleme insbesondere in der Automobilindustrie den Standort Deutschland.

Es wäre deshalb falsch, den gesamten wirtschaftlichen Niedergang allein auf den Ukraine-Krieg oder auf amerikanische Politik zurückzuführen.

Doch genauso falsch wäre es, die außenwirtschaftlichen Folgen des Krieges aus der Analyse auszublenden.

Für die deutsche Industrie war günstige und verlässlich verfügbare Energie über Jahrzehnte ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Dieser Vorteil ist teilweise verloren gegangen.

Amerikanische Unternehmen produzieren dagegen in einem wirtschaftlichen Umfeld, in dem Erdgas häufig günstiger verfügbar ist.

Das verändert die internationalen Wettbewerbsbedingungen.

Gerade energieintensive Unternehmen müssen überlegen, an welchen Standorten sich Investitionen langfristig rechnen.

Wenn ein Chemiekonzern neue Produktionsanlagen plant, entscheiden nicht politische Solidaritätsbekundungen über den Standort, sondern die erwarteten Kosten, die Versorgungssicherheit und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Für Ostdeutschland ist diese Entwicklung besonders brisant.

Das mitteldeutsche Chemiedreieck, die Lausitz und weitere Industriestandorte sind auf wettbewerbsfähige Energiepreise angewiesen.

Die wirtschaftliche Zukunft dieser Regionen hängt maßgeblich davon ab, ob Unternehmen weiterhin bereit sind, dort zu investieren und Arbeitsplätze zu erhalten.

Während in Washington über neue Handelsmöglichkeiten gesprochen wird, geht es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg um die Zukunft konkreter Produktionsstandorte.

Europa kann sich keine Außen- und Sicherheitspolitik leisten, bei der die wirtschaftlichen Grundlagen seiner eigenen Gesellschaft dauerhaft geschwächt werden.

Das bedeutet nicht, die Ukraine ihrem Schicksal zu überlassen.

Es bedeutet, Sicherheitspolitik und Wirtschaftspolitik endlich gemeinsam zu betrachten.

Trump zeigt, dass amerikanische Interessen nicht europäische Interessen sind

Unter Donald Trump wird besonders deutlich, wie unterschiedlich Washington und Brüssel ihre wirtschaftlichen Interessen definieren.

Trump betrachtet internationale Beziehungen stärker als Verhandlungen, bei denen amerikanische Unternehmen und die amerikanische Volkswirtschaft möglichst konkrete Vorteile erzielen sollen.

Das zeigt sich bei Zöllen, Energiegeschäften, Verteidigungsausgaben und den Forderungen an europäische Bündnispartner.

Während Europa die Vereinigten Staaten weiterhin als wichtigsten sicherheitspolitischen Partner benötigt, nutzt Washington seine wirtschaftliche und militärische Stellung auch als Verhandlungsmacht.

Die europäische Abhängigkeit wird damit zunehmend selbst zu einem politischen Faktor.

Besonders aufschlussreich sind die jüngsten Berichte über amerikanische Überlegungen, russisches Erdgas im Rahmen möglicher Friedensverhandlungen wieder nach Europa zu verkaufen.

Nach Recherchen amerikanischer Medien wird dabei sogar eine Konstruktion diskutiert, bei der amerikanische Unternehmen als Zwischenhändler auftreten könnten.

Sollte ein solches Modell tatsächlich vereinbart werden, entstünde eine bemerkenswerte Situation.

Europa hat enorme wirtschaftliche Anstrengungen unternommen, um sich von russischem Erdgas zu lösen.

Nun könnten amerikanische Unternehmen ausgerechnet mit diesem Gas Geschäfte machen, wenn sich die politischen Voraussetzungen verändern.

Noch handelt es sich nicht um einen beschlossenen Plan.

Aber allein die Überlegung verdeutlicht, wie eng wirtschaftliche Interessen und diplomatische Verhandlungen miteinander verbunden sind.

Für Washington könnte russisches Erdgas plötzlich wieder Bestandteil einer wirtschaftlich interessanten Vereinbarung werden.

Für Europa hingegen stellt sich die Frage, weshalb seine langfristigen energiepolitischen Entscheidungen von amerikanischen Verhandlungsstrategien abhängig sein sollten.

Die Antwort muss lauten: Das dürfen sie nicht.

Europa muss selbst entscheiden können, welche Energieversorgung, welche Sicherheitsordnung und welche wirtschaftlichen Beziehungen seinen Interessen dienen.

Eine Partnerschaft mit Amerika ist wichtig. Doch Partnerschaft darf nicht bedeuten, dass europäische Interessen stets hinter amerikanischen zurückstehen.

Europa muss aufhören, seine Interessen anderen zu überlassen

Die eigentliche Schwäche Europas besteht nicht darin, dass es die Ukraine unterstützt.

Sie besteht darin, dass Europa seine wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen häufig nicht mit derselben Konsequenz verfolgt wie die Vereinigten Staaten.

Washington denkt in militärischer Stärke, wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit, Energieversorgung und internationalem Einfluss.

Europa diskutiert dagegen häufig getrennt über Verteidigungsausgaben, Industriepolitik, Energiepreise und diplomatische Beziehungen.

Dabei hängen diese Bereiche unmittelbar zusammen.

Ein Staat, der seine industrielle Grundlage verliert, wird langfristig Schwierigkeiten haben, eine starke Verteidigung zu finanzieren.

Eine Europäische Union, die ihre Energieversorgung nicht eigenständig absichern kann, bleibt gegenüber ihren Lieferanten verwundbar.

Und eine europäische Sicherheitspolitik, die bei entscheidenden Waffensystemen dauerhaft auf amerikanische Hersteller angewiesen ist, wird nur begrenzt unabhängig handeln können.

Daraus folgt keine Forderung nach einem Bruch mit den Vereinigten Staaten.

Es folgt die Forderung nach einer Partnerschaft auf Augenhöhe.

Europa braucht eine eigene industrielle Strategie, wettbewerbsfähige Energiepreise, stärkere europäische Rüstungsproduktion und eine diplomatische Handlungsfähigkeit, die nicht von jeder Kursänderung im Weißen Haus erschüttert wird.

Vor allem aber braucht Europa den Mut, auch gegenüber Washington unterschiedliche Interessen offen anzusprechen.

Denn die Vereinigten Staaten haben jedes Recht, ihre wirtschaftlichen Ziele zu verfolgen.

Aber Deutschland und die europäischen Staaten haben dasselbe Recht – und gegenüber ihren Bürgern sogar die Pflicht dazu.

Russland hat den Krieg gegen die Ukraine begonnen. Die ukrainische Bevölkerung trägt die schwersten unmittelbaren Folgen. Auch amerikanische Steuerzahler haben erhebliche Hilfen finanziert, und nicht jedes amerikanische Unternehmen profitiert von diesem Konflikt.

Doch das ändert nichts an einer wirtschaftlichen Realität: Teile der amerikanischen Wirtschaft gewinnen neue Märkte, während Europa hohe Sicherheitskosten trägt und wichtige Industriezweige unter Druck geraten.

Es gibt keinen belastbaren Beweis dafür, dass Washington diesen Krieg herbeigeführt hat, um Europa zu schwächen. Eine solche Behauptung würde den russischen Angriff und die komplexen Ursachen des Krieges falsch darstellen.

Wohl aber ist erkennbar, dass amerikanische Regierungen die entstandenen wirtschaftlichen und strategischen Möglichkeiten nutzen.

Der Krieg gegen die Ukraine ist deshalb in seinen wirtschaftlichen Folgen auch ein Konflikt um die Zukunft Europas – und um die Frage, wie viel Einfluss Amerika auf diese Zukunft besitzt.

Deutschland darf dabei nicht zum bloßen Abnehmer amerikanischer Energie, amerikanischer Waffen und amerikanischer Sicherheitsentscheidungen werden.

Die Bundesregierung muss die Interessen der eigenen Bevölkerung ebenso entschlossen vertreten wie ihre internationalen Verpflichtungen.

Denn am Ende entscheidet sich Europas Zukunft nicht allein auf dem Schlachtfeld in der Ukraine.

Sie entscheidet sich auch in den Fabriken Sachsens, den Chemiewerken Sachsen-Anhalts, den Unternehmen Brandenburgs und den Haushalten von Millionen europäischer Bürger.

Ein Europa, das seine eigene wirtschaftliche Stärke verliert, kann auf Dauer weder der Ukraine helfen noch seine eigene Sicherheit gewährleisten.

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