Bad Lauchstädt: 208-Millionen-Euro-Wasserstoffprojekt steht vor entscheidendem Schritt
Grüner Wasserstoff vor Produktionsstart
Bad Lauchstädt. Eines der bedeutenden Wasserstoffprojekte Mitteldeutschlands steht vor einem entscheidenden Schritt. Im Energiepark Bad Lauchstädt im Saalekreis soll noch vor Jahresende erstmals grüner Wasserstoff produziert werden. Die Anlage mit einer Elektrolyseleistung von 30 Megawatt befindet sich in der Inbetriebnahmephase. Bereits im August erhielt das Projekt die europäische Zertifizierung für erneuerbaren Wasserstoff. Mitte Oktober folgte eine internationale Auszeichnung. Insgesamt investieren die beteiligten Unternehmen rund 208 Millionen Euro. Künftig soll der klimafreundlich erzeugte Wasserstoff über eine umgerüstete Gasleitung zur TotalEnergies-Raffinerie nach Leuna gelangen und dort fossilen Wasserstoff ersetzen.
Internationale Auszeichnung für Energieprojekt aus Sachsen-Anhalt
Am 15. Oktober 2026 gab das Projektkonsortium bekannt, dass der Energiepark Bad Lauchstädt bei den Hydrogen TCP Awards of Excellence 2026 ausgezeichnet wurde.
Die internationale Auszeichnung wird im Umfeld der Internationalen Energieagentur vergeben und würdigt Projekte, die zur Entwicklung und praktischen Anwendung von Wasserstofftechnologien beitragen.
Bad Lauchstädt wurde als zweiter Preisträger ausgezeichnet. Den ersten Preis erhielt das europäisch geförderte Projekt H2GLASS.
Insgesamt hatten sich 18 Projekte aus zwölf Ländern beworben.
Ausschlaggebend für die Würdigung war der umfassende Ansatz des mitteldeutschen Energieparks. Anders als bei Vorhaben, die sich ausschließlich auf die Herstellung von Wasserstoff konzentrieren, sollen in Bad Lauchstädt sämtliche wesentlichen Schritte miteinander verbunden werden.
Dazu gehören die Erzeugung erneuerbaren Stroms, die Herstellung und Aufbereitung von Wasserstoff, dessen Speicherung und Transport sowie die spätere Nutzung in der Industrie.
Die Auszeichnung kommt zu einem wichtigen Zeitpunkt. Nach mehreren Jahren der Planung und des Aufbaus nähert sich das Vorhaben dem Beginn der eigentlichen Wasserstoffproduktion.
Erste Wasserstoffproduktion noch 2026 vorgesehen
Der Energiepark befindet sich bereits seit mehreren Monaten in der schrittweisen Inbetriebnahme.
Wichtige technische Komponenten wurden fertiggestellt und geprüft. Weitere Anlagen und Systeme werden derzeit auf ihre Funktionsfähigkeit getestet.
Im Mittelpunkt steht die Elektrolyseanlage mit einer Gesamtleistung von 30 Megawatt.
Sie soll mithilfe erneuerbaren Stroms Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen.
Nach dem zuletzt veröffentlichten Projektzeitplan ist vorgesehen, im vierten Quartal 2026 erstmals grünen Wasserstoff zu produzieren.
Ein verbindlich bestätigter Termin für den Produktionsbeginn liegt bislang jedoch nicht vor.
Auch die Aufnahme einer dauerhaften kommerziellen Belieferung der Raffinerie in Leuna wurde noch nicht bestätigt.
Damit befindet sich das Projekt in einer wichtigen Übergangsphase: Aus der errichteten technischen Infrastruktur soll nun ein funktionierendes industrielles Gesamtsystem werden.
Acht Windräder liefern den Strom
Die Grundlage für die geplante Wasserstoffproduktion bildet ein Windpark mit acht Anlagen.
Gemeinsam verfügen die Windenergieanlagen über eine installierte Leistung von rund 50 Megawatt.
Der erzeugte Strom soll direkt für die Elektrolyse genutzt werden.
Das Verfahren ermöglicht es, erneuerbare elektrische Energie in einen gasförmigen Energieträger umzuwandeln.
Dieser kann anschließend gespeichert, über geeignete Leitungen transportiert und in industriellen Prozessen eingesetzt werden.
Eine wichtige Rolle spielt Wasserstoff insbesondere dort, wo er bereits heute als chemischer Grundstoff benötigt wird.
Die Herstellung mit erneuerbarem Strom kann helfen, die bislang überwiegend auf fossilen Energieträgern beruhende Produktion zu ersetzen.
Der Energiepark soll zeigen, wie sich diese Verfahren unter industriellen Bedingungen zuverlässig miteinander verbinden lassen.
Wasserstoff soll über 25 Kilometer nach Leuna fließen
Der wichtigste Abnehmer steht bereits fest.
Die TotalEnergies-Raffinerie in Leuna soll künftig Wasserstoff aus Bad Lauchstädt erhalten.
Für den Transport wird eine rund 25 Kilometer lange, bereits vorhandene Erdgasleitung genutzt, die für den Wasserstofftransport umgerüstet wurde.
Die Leitung wurde im April 2025 erfolgreich in Betrieb genommen.
Damit kann vorhandene Energieinfrastruktur für einen neuen Energieträger verwendet werden.
Eine vollständige Neuverlegung der Transportstrecke war nicht erforderlich.
Bevor der Wasserstoff zur Raffinerie gelangt, wird er aufbereitet und seine Qualität kontrolliert.
Die notwendige Gasaufbereitungsanlage wurde im Juli 2026 in Betrieb genommen.
In Leuna soll der grüne Wasserstoff künftig in industriellen Prozessen eingesetzt werden und einen Teil des bisher aus fossilen Rohstoffen hergestellten Wasserstoffs ersetzen.
Ob und in welchem Umfang die Raffinerie ihre bisherigen Bezugsquellen dadurch reduzieren kann, wird sich erst mit dem tatsächlichen Betrieb zeigen.
Europäische Zertifizierung bereits erteilt
Einen wichtigen Meilenstein erreichte das Projekt bereits Anfang August.
Die Zertifizierungsstelle GUTcert GmbH bestätigte, dass die vorgesehene Wasserstoffproduktion die europäischen Anforderungen für erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs erfüllt.
Die entsprechende Einstufung wird als RFNBO-Zertifizierung bezeichnet.
Sie ist von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung.
Denn nicht jeder Wasserstoff, der mithilfe erneuerbaren Stroms hergestellt wird, erfüllt automatisch sämtliche europäischen Nachhaltigkeitsanforderungen.
Unter anderem muss nachvollziehbar sein, aus welchen Quellen der verwendete Strom stammt.
Außerdem gelten Vorgaben zur Treibhausgasminderung und zur Dokumentation der Produktionsprozesse.
Nach den europäischen Kriterien müssen entsprechende erneuerbare Kraftstoffe gegenüber dem festgelegten fossilen Vergleichswert mindestens 70 Prozent Treibhausgasemissionen einsparen.
Mit der Zertifizierung darf der künftig erzeugte Wasserstoff unter den geltenden Voraussetzungen als entsprechendes erneuerbares Produkt vermarktet werden.
Das Zertifikat gilt zunächst für ein Jahr. Anschließend ist eine erneute Überprüfung vorgesehen.
Warum die Zertifizierung für Leuna entscheidend ist
Für die Raffinerie in Leuna ist der Nachweis der erneuerbaren Herkunft besonders wichtig.
Unternehmen, die künftig bestimmte gesetzliche Vorgaben zur Nutzung erneuerbarer Energieträger erfüllen müssen, benötigen dafür entsprechend zertifizierte Produkte.
Die Zertifizierung schafft somit eine wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Vermarktung des Wasserstoffs.
Nach Angaben des Projektkonsortiums gibt es in Deutschland bislang nur wenige Wasserstoffvorhaben, die diesen Nachweis bereits erbracht haben.
Bei der Vorbereitung arbeiteten insbesondere Uniper und VNG Handel & Vertrieb zusammen.
Sie mussten technische Daten, Nachweise zur Stromherkunft und Unterlagen über die geplanten Produktionsprozesse zusammenführen.
Auch nach Beginn der Wasserstoffproduktion wird die Dokumentation fortgesetzt.
Verbrauchs- und Produktionsdaten müssen regelmäßig überprüft werden, damit die Einhaltung der Anforderungen nachvollziehbar bleibt.
Insgesamt 208 Millionen Euro Investitionen
Der Energiepark Bad Lauchstädt gehört zu den größeren Wasserstoffinvestitionen in Sachsen-Anhalt.
Das Gesamtprojektvolumen beträgt rund 208 Millionen Euro.
Davon werden etwa 44 Millionen Euro aus Bundesmitteln bereitgestellt.
Das Vorhaben wird im Rahmen des Energieforschungsprogramms als sogenanntes Reallabor der Energiewende gefördert.
Die sieben beteiligten Projektpartner tragen zusammen rund 164 Millionen Euro aus eigenen Mitteln.
Allein für den Windpark wurden Investitionen von etwa 75 Millionen Euro vorgesehen.
Die umfangreiche Finanzierung verdeutlicht den technischen und wirtschaftlichen Aufwand.
Denn für eine industrielle Wasserstoffversorgung reicht es nicht aus, lediglich eine Elektrolyseanlage zu errichten.
Erforderlich sind unter anderem Stromerzeugung, Wasseraufbereitung, technische Sicherheitssysteme, Gasaufbereitung, Transportleitungen und geeignete Speicher.
Diese Bestandteile müssen zuverlässig zusammenarbeiten.
Genau darin liegt eine der wichtigsten Aufgaben des Projekts.
Wasserstoffspeicherung als weiterer Baustein
Zum technischen Konzept gehört auch die Speicherung von Wasserstoff in einer unterirdischen Salzkaverne.
Dabei werden geeignete Hohlräume in Salzformationen genutzt, um große Mengen Gas aufzunehmen.
Solche Speicher können dabei helfen, Unterschiede zwischen Stromerzeugung und industriellem Energiebedarf auszugleichen.
Windenergie steht nicht jederzeit in gleicher Menge zur Verfügung.
Industriebetriebe benötigen dagegen häufig eine möglichst kontinuierliche Versorgung.
Durch geeignete Speichermöglichkeiten kann Wasserstoff zeitweise aufgenommen und später wieder abgegeben werden.
Im Energiepark sollen die entsprechenden Technologien unter realen Betriebsbedingungen untersucht werden.
Die Erfahrungen könnten später auch für andere Wasserstoffprojekte von Bedeutung sein.
Denn eine funktionierende Speicherinfrastruktur ist eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau größerer Wasserstoffnetze.
Mitteldeutsche Industrie soll klimafreundlicher werden
Für die Wirtschaftsregion Halle-Leipzig und den Industriestandort Leuna besitzt das Vorhaben eine besondere Bedeutung.
In Mitteldeutschland befinden sich zahlreiche Unternehmen der chemischen und petrochemischen Industrie.
Viele ihrer Produktionsverfahren benötigen Wasserstoff als Rohstoff.
Bislang wird dieser überwiegend aus fossilen Energieträgern hergestellt.
Dabei entstehen erhebliche Treibhausgasemissionen.
Wird Wasserstoff stattdessen mithilfe erneuerbarer Energien produziert, können die Emissionen der Herstellung deutlich sinken.
Allerdings hängt die tatsächliche Klimawirkung von den eingesetzten Technologien und der gesamten Produktionskette ab.
Auch die Kosten spielen eine wichtige Rolle.
Grüner Wasserstoff ist in vielen Anwendungen bislang teurer als konventionell hergestellter Wasserstoff.
Für eine wirtschaftlich erfolgreiche Umstellung sind deshalb verlässliche Abnehmer, geeignete Infrastruktur und langfristig wettbewerbsfähige Produktionskosten notwendig.
Der Energiepark Bad Lauchstädt soll praktische Erkenntnisse zu diesen Fragen liefern.
Bürger zeigen großes Interesse am Energiepark
Dass das Projekt auch in der Region Aufmerksamkeit erhält, zeigte sich beim Bürgerinformationstag am 22. August.
Rund 130 Interessierte besuchten das Gelände und informierten sich über den Stand der Arbeiten.
Vertreter der sieben Projektpartner erklärten die verschiedenen technischen Abläufe.
Dabei ging es unter anderem um die Stromerzeugung aus Windkraft, die Funktionsweise der Elektrolyse und den geplanten Transport nach Leuna.
Nach Angaben des Konsortiums verfügten viele Besucher bereits über umfangreiches technisches Wissen.
Einige arbeiten selbst in der regionalen Industrie oder waren früher dort beschäftigt.
Besonders häufig wurden Fragen zur praktischen Funktionsweise der Anlagen und zur Nutzung vorhandener Infrastruktur gestellt.
Das Interesse zeigt, dass die Wasserstoffwirtschaft in Mitteldeutschland nicht nur eine energiepolitische Frage ist.
Sie betrifft auch die industrielle Entwicklung einer Region, in der chemische Produktion und Energiewirtschaft seit Generationen eine wichtige Rolle spielen.
Internationale Anerkennung erhöht die Erwartungen
Die Auszeichnung vom Oktober macht den Energiepark nun auch international stärker sichtbar.
Das Hydrogen Technology Collaboration Programme würdigt insbesondere die Verbindung unterschiedlicher Technologien innerhalb eines industriellen Gesamtsystems.
Die Konsortialsprecherin Cornelia Müller-Pagel sieht in der Auszeichnung eine Anerkennung der Zusammenarbeit verschiedener Unternehmen und wissenschaftlicher Einrichtungen.
Auch das Bundeswirtschaftsministerium hebt die Bedeutung des Projekts hervor.
Der Energiepark soll Erfahrungen ermöglichen, die beim Aufbau weiterer Wasserstoffanlagen und Transportnetze genutzt werden können.
Die internationale Anerkennung ist allerdings noch kein Beleg für einen bereits erreichten wirtschaftlichen Dauerbetrieb.
Ob der geplante Ansatz unter industriellen Bedingungen dauerhaft zuverlässig und wirtschaftlich funktioniert, muss sich erst zeigen.
Nun muss die Technik im Alltag bestehen
Nach der Zertifizierung und der internationalen Auszeichnung richtet sich die Aufmerksamkeit auf den nächsten entscheidenden Schritt.
Noch im vierten Quartal 2026 soll im Energiepark Bad Lauchstädt erstmals grüner Wasserstoff hergestellt werden.
Die wesentlichen technischen Anlagen sind weitgehend errichtet, wichtige Prüfungen abgeschlossen und die Transportverbindung nach Leuna vorbereitet.
Nun müssen die einzelnen Komponenten als zusammenhängendes System funktionieren.
Für die beteiligten Unternehmen beginnt damit die Phase, in der sich die jahrelange Planung praktisch bewähren muss.
Der Energiepark könnte künftig zeigen, wie erneuerbare Energie aus Sachsen-Anhalt unmittelbar für industrielle Produktionsprozesse nutzbar gemacht werden kann.
Gleichzeitig wird sich erst mit dem tatsächlichen Betrieb zeigen, welche technischen Schwierigkeiten auftreten, welche Kosten entstehen und wie zuverlässig die Versorgung funktioniert.
Für Bad Lauchstädt und die Industrieregion Mitteldeutschland steht deshalb ein wichtiger Meilenstein bevor.
Aus einem Forschungs- und Bauprojekt im Umfang von 208 Millionen Euro soll eine funktionierende Wasserstoffversorgung für die Industrie werden.