Alzheimer-Bluttests zuverlässiger: Forscher aus Halle entwickeln neues Verfahren
Neuer Test verhindert Fehldiagnosen
Forschende der Universitätsmedizin Halle haben ein neues Verfahren entwickelt, das die Früherkennung der Alzheimer-Krankheit deutlich zuverlässiger machen könnte. In einer Studie mit 315 Personen gelang es dem Team, Alzheimer-typische Veränderungen im Blut besser von Veränderungen bei anderen neurologischen Erkrankungen zu unterscheiden. Besonders wichtig: Das neue Verfahren kann falsch positive Ergebnisse bei Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) vermeiden helfen. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht. Damit könnte ein wichtiger Schritt hin zu einer präziseren und einfacheren Alzheimer-Diagnostik gelungen sein.
Warum bisherige Alzheimer-Bluttests falsche Ergebnisse liefern können
Die Früherkennung der Alzheimer-Krankheit gehört zu den wichtigsten Herausforderungen der modernen Neurologie.
Bislang wird die Erkrankung unter anderem mithilfe spezieller Untersuchungen der Gehirnflüssigkeit oder bildgebender Verfahren diagnostisch abgeklärt.
Bluttests könnten diese Untersuchungen künftig in vielen Fällen ergänzen und die Diagnostik deutlich vereinfachen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das sogenannte phosphorylierte Tau-Protein 217, kurz pTau217.
Es gilt als wichtiger Biomarker für krankhafte Veränderungen im Gehirn.
Bei Menschen mit Alzheimer kann seine Konzentration im Blut bereits ansteigen, bevor schwerwiegende Gedächtnisstörungen auftreten.
Allerdings bedeutet ein erhöhter Wert nicht zwangsläufig, dass tatsächlich eine Alzheimer-Erkrankung vorliegt.
Auch andere Erkrankungen können die gemessene Konzentration beeinflussen.
Genau an diesem Problem haben die Wissenschaftler aus Halle angesetzt.
Auch ALS kann Alzheimer-typische Blutwerte verursachen
Bereits 2025 hatten Neurologen der Universitätsmedizin Halle festgestellt, dass erhöhte pTau217-Werte auch bei Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose auftreten können.
ALS ist eine schwere Erkrankung des motorischen Nervensystems, bei der Nervenzellen geschädigt werden, die für die Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind.
Die Erkrankung führt zu zunehmender Muskelschwäche und kann im weiteren Verlauf auch die Atemmuskulatur beeinträchtigen.
Mit Alzheimer hat ALS ein anderes klinisches Erscheinungsbild.
Dennoch können beide Erkrankungen bei herkömmlichen Blutuntersuchungen erhöhte pTau217-Werte verursachen.
Das Problem liegt darin, dass das Tau-Protein in unterschiedlichen Formen im menschlichen Körper vorkommt.
Eine kleinere Form befindet sich vor allem im Gehirn.
Eine größere Form kommt auch in Nerven, Muskeln und möglicherweise weiteren Geweben vor.
Herkömmliche Bluttests unterscheiden diese Varianten bislang nicht ausreichend.
Professor Markus Otto erklärt die Schwachstelle
Prof. Dr. Markus Otto, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Halle, erläutert die Schwierigkeiten der bisherigen Diagnostik.
„Herkömmliche Bluttests können die Tau-Formen nicht zuverlässig voneinander unterscheiden.“
Dadurch könnten erhöhte Messwerte fälschlich auf eine Alzheimer-Erkrankung hindeuten, obwohl beispielsweise eine Muskel- oder Nervenerkrankung die Ursache sei.
Für die Betroffenen kann ein solcher Befund erhebliche Auswirkungen haben.
Ein auffälliger Bluttest kann zusätzliche Untersuchungen notwendig machen und erhebliche Verunsicherung auslösen.
Die Forschenden wollten deshalb eine Methode entwickeln, die genauer erkennen lässt, aus welchem Gewebe die gemessenen Proteinbestandteile stammen.
Neues Zwei-Schritt-Verfahren trennt die Proteinformen
Das Forschungsteam entwickelte eine zusätzliche Vorbereitung der Blutprobe.
Statt sämtliche vorhandenen Tau-Formen gemeinsam zu messen, wird zunächst gezielt die kleinere, vorwiegend im Gehirn vorkommende Variante isoliert.
Dafür verwenden die Wissenschaftler einen spezifischen Antikörper.
Dieser bindet an die gesuchte Proteinform und ermöglicht ihre Anreicherung aus der Blutprobe.
Erst danach erfolgt die eigentliche Messung des pTau217-Biomarkers.
Durch diese beiden Schritte soll das Ergebnis genauer widerspiegeln, ob Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn vorliegen.
Der Ansatz besteht damit nicht darin, den bisherigen Bluttest vollständig zu ersetzen.
Vielmehr wird die bekannte Messmethode um einen zusätzlichen Schritt ergänzt.
Studie untersucht Blutproben von 315 Menschen
Um die neue Methode zu überprüfen, untersuchte das Forschungsteam Blutproben von insgesamt 315 Personen.
Die Studiengruppe setzte sich aus drei Bereichen zusammen.
101 Teilnehmer hatten eine Alzheimer-Erkrankung.
Weitere 139 Personen litten an Amyotropher Lateralsklerose.
75 Teilnehmer gehörten zu einer Kontrollgruppe.
Die Proben stammten aus neurologischen Zentren in Halle, Mannheim und Mailand.
Die Forschenden verglichen die Ergebnisse der bisherigen pTau217-Messung mit denen des neuen Zwei-Schritt-Verfahrens.
Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied.
Mit dem herkömmlichen Verfahren waren die Werte sowohl bei Alzheimer-Patienten als auch bei Menschen mit ALS erhöht.
Nach der gezielten Anreicherung der kleineren Tau-Form blieben die erhöhten Werte dagegen auf die untersuchte Alzheimer-Gruppe beschränkt.
Neuer Test unterscheidet Alzheimer und ALS genauer
Für die Forschenden ist dieses Ergebnis besonders wichtig.
PD Dr. Samir Abu Rumeileh, Oberarzt an der Universitätsklinik und Poliklinik für Neurologie in Halle und Erstautor der Studie, erläutert, dass nach dem zusätzlichen Anreicherungsschritt erhöhte Werte bei Alzheimer festgestellt wurden, nicht jedoch bei ALS oder in der Kontrollgruppe.
Damit konnte das Verfahren die beiden Erkrankungen innerhalb der untersuchten Studienpopulation besser unterscheiden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass der neue Bluttest bereits sämtliche Ursachen erhöhter pTau217-Werte zuverlässig ausschließen kann.
Die Studie untersuchte gezielt den Unterschied zwischen Alzheimer, ALS und einer Kontrollgruppe.
Ob die Methode auch bei anderen Erkrankungen vergleichbar zuverlässig funktioniert, muss noch wissenschaftlich überprüft werden.
Die Ergebnisse sind deshalb ein wichtiger Forschungsfortschritt, aber noch keine abschließende Bestätigung für den allgemeinen klinischen Einsatz.
Massenspektrometrie liefert entscheidenden Beweis
Um die Ergebnisse genauer zu verstehen, analysierten die Wissenschaftler zusätzlich Gewebeproben.
Untersucht wurden Gehirn-, Rückenmarks- und Muskelgewebe.
Dabei kam die sogenannte Massenspektrometrie zum Einsatz.
Mit dieser Technik lassen sich Moleküle und Proteinbestandteile anhand ihrer Eigenschaften sehr genau identifizieren.
Die Untersuchungen bestätigten, dass die kleinere pTau217-Form im Muskelgewebe praktisch nicht vorkommt.
Damit konnten die Wissenschaftler erklären, warum die zusätzliche Anreicherung zu genaueren Ergebnissen führte.
Der neue Ansatz konzentriert sich auf die Proteinvariante, die insbesondere mit Veränderungen im Gehirn verbunden ist.
So wird der Einfluss anderer Gewebe auf das Messergebnis verringert.
Neue Alzheimer-Medikamente machen Früherkennung wichtiger
Die Studie besitzt auch deshalb besondere Bedeutung, weil sich die Behandlungsmöglichkeiten der Alzheimer-Krankheit verändern.
Inzwischen stehen neue Antikörpertherapien zur Verfügung, die bei bestimmten Patienten in frühen Krankheitsstadien eingesetzt werden können.
Diese Behandlungen richten sich gegen krankhafte Ablagerungen im Gehirn.
Sie kommen jedoch nicht für alle Menschen mit Gedächtnisstörungen infrage.
Vor Beginn einer solchen Therapie ist deshalb eine möglichst sichere Diagnose erforderlich.
Gleichzeitig müssen Ärzte prüfen, ob die betroffene Person die medizinischen Voraussetzungen erfüllt und ob mögliche Risiken vertretbar sind.
Ein zuverlässiger Bluttest könnte künftig helfen, Patienten gezielter für weiterführende Untersuchungen auszuwählen.
Er würde komplexere diagnostische Verfahren allerdings nicht automatisch vollständig ersetzen.
Wann könnte das Verfahren eingesetzt werden?
Die Wissenschaftler schlagen vor, ihren neuen Ansatz zunächst als ergänzenden Untersuchungsschritt einzusetzen.
Ein gewöhnlicher pTau217-Bluttest könnte weiterhin als erste diagnostische Orientierung dienen.
Wenn das Ergebnis jedoch nicht zu den Beschwerden passt oder eine Muskel- beziehungsweise Nervenerkrankung vorliegt, könnte der zusätzliche Test mehr Klarheit schaffen.
So ließen sich unnötige Fehldiagnosen möglicherweise reduzieren.
Auch für die Auswahl geeigneter Patienten für neue Alzheimer-Therapien könnte das Verfahren hilfreich werden.
Bis zur Anwendung im klinischen Alltag sind jedoch weitere Untersuchungen notwendig.
Die Messmethode muss standardisiert und in größeren, unabhängigen Patientengruppen überprüft werden.
Erst dann lässt sich beurteilen, wie zuverlässig sie unter den unterschiedlichen Bedingungen der medizinischen Versorgung funktioniert.
Auch ALS-Forschung könnte profitieren
Die Ergebnisse sind nicht nur für die Alzheimer-Diagnostik interessant.
Sie eröffnen auch neue Möglichkeiten für die Erforschung der Amyotrophen Lateralsklerose.
Wenn sich die größeren Tau-Formen gezielt nachweisen lassen, könnten sie möglicherweise Informationen über Schäden an Muskeln und Nerven liefern.
Denkbar wäre beispielsweise, den Verlauf der Erkrankung anhand bestimmter Blutwerte zu beobachten.
Das könnte helfen, Veränderungen zu erfassen, ohne dafür jedes Mal aufwendigere oder invasive Untersuchungen durchführen zu müssen.
Ob sich dieser Ansatz tatsächlich für die Verlaufskontrolle bei ALS eignet, muss allerdings in weiteren Studien untersucht werden.
Internationale Zusammenarbeit mit Halle als Forschungsstandort
Die Studie entstand unter Beteiligung neurologischer Zentren in Halle, Mannheim und Mailand.
Die wissenschaftliche Leitung lag bei Prof. Markus Otto.
Erstautor ist PD Dr. Samir Abu Rumeileh.
An den Untersuchungen war unter anderem der Massenspektrometrie-Experte Dr. Hennig Großkopf beteiligt.
Die Forschungsarbeiten wurden durch verschiedene Förderprogramme unterstützt.
Dazu gehören Programme der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie italienische Forschungseinrichtungen und Ministerien.
Die Veröffentlichung erfolgte in der internationalen Fachzeitschrift „Nature Communications“.
Damit erhält die Forschung aus Sachsen-Anhalt auch international wissenschaftliche Aufmerksamkeit.
Was bedeutet die Entdeckung für Patienten?
Für Menschen mit Verdacht auf Alzheimer könnte ein zuverlässigerer Bluttest künftig erhebliche Vorteile bringen.
Besonders wichtig wäre eine bessere Unterscheidung zwischen tatsächlich Alzheimer-typischen Veränderungen und auffälligen Blutwerten, die durch andere Erkrankungen verursacht werden.
Das könnte die diagnostische Sicherheit erhöhen und unnötige Verunsicherung vermeiden.
Gleichzeitig könnten Patienten mit einer tatsächlichen Alzheimer-Erkrankung gezielter für weitere Untersuchungen und mögliche Behandlungen ausgewählt werden.
Noch handelt es sich allerdings um ein wissenschaftliches Verfahren, das nicht allgemein als Routineuntersuchung verfügbar ist.
Bis zu einer möglichen breiten Anwendung müssen die Ergebnisse unabhängig bestätigt werden.
Ein wichtiger Schritt für die Alzheimer-Forschung aus Halle
Mit ihrer Studie zeigen die Wissenschaftler der Universitätsmedizin Halle, dass nicht allein die Höhe eines bestimmten Blutwertes entscheidend ist.
Ebenso wichtig kann sein, welche Form eines Proteins gemessen wird und aus welchem Gewebe sie stammt.
Die gezielte Unterscheidung verschiedener Tau-Formen eröffnet neue Möglichkeiten, Bluttests genauer und aussagekräftiger zu gestalten.
Für die Alzheimer-Forschung ist dies ein vielversprechender Ansatz.
Ob daraus ein neuer diagnostischer Standard entsteht, werden weitere klinische Untersuchungen zeigen müssen.
Schon jetzt verdeutlicht die Veröffentlichung jedoch, welchen Beitrag die medizinische Forschung in Sachsen-Anhalt zur Entwicklung zukünftiger Diagnoseverfahren leisten kann.