Die Zahl der Menschen, die jährlich neu an Demenz erkranken, könnte sich bis zum Jahr 2050 weltweit mehr als verdoppeln. Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Meta-Studie, an der Wissenschaftler der Universität Leipzig beteiligt waren. Bereits heute erkranken nach den Berechnungen jährlich rund 11,4 Millionen Menschen an Demenz. Besonders betroffen sind Frauen und Menschen in wirtschaftlich weniger wohlhabenden Ländern. Die Forscher betonen deshalb die Bedeutung wirksamer Präventionsmaßnahmen.
Jährlich 11,4 Millionen neue Demenzerkrankungen
Demenz gehört weltweit zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft.
Eine aktuelle internationale Untersuchung, die im Fachjournal „JAMA Neurology“ veröffentlicht wurde, zeigt nun, wie stark die Zahl der Neuerkrankungen in den kommenden Jahrzehnten steigen könnte.
Nach den Berechnungen des Forschungsteams erkranken derzeit weltweit schätzungsweise 11,4 Millionen Menschen pro Jahr neu an einer Demenz.
Bis 2050 könnte sich diese Zahl mehr als verdoppeln.
Als wesentlichen Grund nennen die Wissenschaftler den demografischen Wandel. In vielen Ländern steigt die Zahl älterer Menschen, während gleichzeitig die Lebenserwartung zunimmt.
Da das Risiko einer Demenzerkrankung mit höherem Lebensalter deutlich steigt, ist auch mit einer zunehmenden Zahl von Neuerkrankungen zu rechnen.
Die prognostizierte Verdopplung bedeutet allerdings nicht, dass sich das individuelle Erkrankungsrisiko jedes Menschen verdoppeln muss. Entscheidend ist vor allem die wachsende Zahl älterer Menschen in der Weltbevölkerung.
Universität Leipzig an internationaler Untersuchung beteiligt
An der Studie waren Forschende des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Universität Leipzig beteiligt.
Für die Untersuchung wurden Daten aus 22 Langzeitstudien zusammengeführt und ausgewertet.
Insgesamt berücksichtigte das internationale Forschungsteam Informationen von mehr als 38.000 Personen im Alter von mindestens 60 Jahren.
Die untersuchten Menschen stammten aus 18 Ländern beziehungsweise Territorien in Europa, Asien, Nord- und Lateinamerika, Afrika sowie Ozeanien.
Die zugrunde liegenden Studien erfassten Zeiträume seit 1992.
Für die Auswertung nutzten die Wissenschaftler klinisch festgestellte Demenzerkrankungen und Ergebnisse späterer Folgeuntersuchungen.
Anschließend übertrugen sie die ermittelten Erkrankungsraten mithilfe demografischer Prognosen auf die erwartete Bevölkerungsstruktur im Jahr 2050.
Damit liefert die Untersuchung eine internationale Einschätzung zur möglichen künftigen Entwicklung der Demenzneuerkrankungen.
Frauen erkranken häufiger als Männer
Ein weiteres Ergebnis betrifft Unterschiede zwischen Frauen und Männern.
Das Forschungsteam stellte fest, dass vergleichsweise mehr Frauen neu an Demenz erkranken als Männer.
Die Untersuchung zeigt damit, dass sich die Erkrankungshäufigkeit zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterscheidet.
Die Ergebnisse lassen allerdings nicht automatisch erkennen, welche einzelnen biologischen, sozialen oder demografischen Faktoren für diese Unterschiede verantwortlich sind.
Auch die Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt eine höhere Lebenserwartung besitzen, muss bei der Bewertung der weltweiten Krankheitslast berücksichtigt werden.
Für die medizinische Forschung bleibt deshalb wichtig, die Ursachen geschlechtsspezifischer Unterschiede genauer zu untersuchen.
Ärmeren Ländern droht eine besonders hohe Belastung
Besonders deutlich fallen die Unterschiede zwischen wirtschaftlich wohlhabenden und weniger wohlhabenden Ländern aus.
Nach den Ergebnissen der Studie ist die Demenzinzidenz in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Pro-Kopf-Bruttonationaleinkommen höher als in wirtschaftlich reicheren Staaten.
Die Inzidenz beschreibt dabei die Häufigkeit neuer Erkrankungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums.
Für die betroffenen Länder könnte diese Entwicklung erhebliche Auswirkungen auf ihre Gesundheitssysteme haben.
Menschen mit Demenz benötigen häufig über längere Zeit medizinische Betreuung, Unterstützung im Alltag und gegebenenfalls umfassende Pflege.
Damit wächst nicht nur die Belastung für Gesundheitseinrichtungen, sondern auch für Familien und Angehörige.
Besonders problematisch kann dies in Regionen sein, in denen medizinische Versorgungsangebote und soziale Sicherungssysteme nur eingeschränkt zur Verfügung stehen.
Warum eine Demenzerkrankung Familien stark belasten kann
Der Begriff Demenz beschreibt verschiedene Erkrankungen, die mit einem fortschreitenden Verlust geistiger Fähigkeiten verbunden sein können.
Dazu gehören beispielsweise Störungen des Gedächtnisses, der Orientierung und des Denkvermögens.
Zu den häufigsten Formen zählt die Alzheimer-Krankheit.
Für Betroffene verändern sich mit zunehmendem Krankheitsverlauf häufig alltägliche Fähigkeiten und die Möglichkeiten, selbstständig zu leben.
Auch Angehörige stehen vor erheblichen Herausforderungen.
Sie übernehmen vielfach organisatorische Aufgaben, unterstützen bei der medizinischen Versorgung oder leisten selbst Pflege.
Mit einer steigenden Zahl von Demenzerkrankungen wächst daher auch der Bedarf an qualifizierten Pflegekräften, Beratungsangeboten und geeigneten Betreuungsformen.
Wissenschaftler betonen Bedeutung der Prävention
Die an der Untersuchung beteiligten Forschenden unterstreichen, dass wirksame Prävention angesichts der erwarteten Entwicklung unverzichtbar ist.
Zwar lässt sich nicht jede Demenzerkrankung verhindern, doch können bestimmte gesundheitliche und gesellschaftliche Faktoren das Erkrankungsrisiko beeinflussen.
Aus der bisherigen Demenzforschung ist bekannt, dass unter anderem körperliche Aktivität, die Behandlung von Bluthochdruck und Diabetes sowie die Vermeidung von Rauchen eine Rolle bei der Verringerung beeinflussbarer Risiken spielen können.
Auch Bildung, soziale Teilhabe und die frühzeitige Behandlung bestimmter Erkrankungen werden in der Forschung berücksichtigt.
Solche Maßnahmen bieten jedoch keinen garantierten Schutz vor Demenz.
Umso wichtiger ist es, Vorsorge, Früherkennung und die Versorgung bereits erkrankter Menschen gemeinsam zu betrachten.
Bedeutung für Deutschland und Ostdeutschland
Auch Deutschland ist von der Alterung der Bevölkerung betroffen.
Gerade in zahlreichen ländlichen Regionen Ostdeutschlands steigt die Bedeutung einer wohnortnahen medizinischen Versorgung und ausreichender Pflegeangebote.
Wenn die Zahl älterer Menschen zunimmt, können auch die Anforderungen an Pflegeeinrichtungen, ambulante Dienste und Angehörige wachsen.
Für die Gesundheitspolitik ergibt sich daraus die Aufgabe, Versorgungsstrukturen langfristig auf den demografischen Wandel vorzubereiten.
Die internationale Studie enthält allerdings keine gesonderte Prognose für einzelne ostdeutsche Bundesländer.
Aus den weltweiten Berechnungen lässt sich deshalb nicht unmittelbar ableiten, wie viele zusätzliche Demenzerkrankungen künftig beispielsweise in Sachsen oder Thüringen auftreten werden.
Langfristige Herausforderung für Gesundheitssysteme
Die Untersuchung macht deutlich, welche Bedeutung der demografische Wandel für die weltweite Gesundheitsversorgung besitzt.
Sollten sich die Modellrechnungen bestätigen, müssten sich Gesundheitssysteme bis 2050 auf wesentlich mehr neue Demenzerkrankungen pro Jahr einstellen.
Dabei handelt es sich um eine wissenschaftliche Prognose, nicht um eine feststehende zukünftige Zahl.
Die tatsächliche Entwicklung kann unter anderem durch Fortschritte bei Prävention, Diagnostik und Behandlung beeinflusst werden.
Mit der Beteiligung an der internationalen Studie trägt die Universität Leipzig dazu bei, die weltweite Verbreitung von Demenzerkrankungen besser zu verstehen.
Die Ergebnisse sollen eine Grundlage für weitere Forschung und gesundheitspolitische Entscheidungen schaffen.
Die zentrale Botschaft der Wissenschaftler lautet: Angesichts einer alternden Weltbevölkerung müssen Prävention und Versorgung von Menschen mit Demenz stärker in den Mittelpunkt rücken.