Wer durch die Täler des Erzgebirges oder die Hügel Ostthüringens fährt, begegnet ihr auf Schritt und Tritt: einer tief verwurzelten Bergbautradition, die mit einem ehrfürchtigen „Glück auf!“ im Alltag weiterlebt. Doch neben dem historischen Silber- und Zinnbergbau des Mittelalters war es vor allem ein Kapitel des 20. Jahrhunderts, das die Menschen, die Landschaft und die Identität der Region bis heute maßgeblich formt: der Uranabbau der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut.
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges war der Betrieb im Erzgebirge und rund um Ronneburg der viertgrößte Uranproduzent der Erde. Für das sowjetische Atomprogramm schufteten unter Tage zehntausende Männer – oft unter harten Bedingungen, aber verschweißt durch einen einzigartigen Zusammenhalt.
Inhaltsübersicht
Ein Staat im Staate: Der geheime Riese der DDR
„Kumpel sein“: Der Kern der erzgebirgischen Identität
Die Wende 1990: Das Ende der Förderung und das Milliarden-Wunder
Das grüne Wunder: Von der Schuttlandschaft zum UNESCO-Welterbe
Besucher-Tipp: Auf den Spuren der Kumpel vor Ort
Leser-Aufruf: Habt ihr Familiengeschichten aus der Wismut-Zeit?
Ein Staat im Staate: Der geheime Riese der DDR
Die Geschichte begann 1946 in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Als die Sowjetunion händeringend nach Uran für ihr Kernwaffenprogramm suchte, wurde man im Erzgebirge fündig. Was folgte, war ein Boom vergleichbar mit dem Goldrausch: Aus dem gesamten Bundesgebiet und der sowjetischen Besatzungszone wurden Arbeiter angeworben oder zwangsverpflichtet.
Um den strategisch kriegswichtigen Rohstoff zu verschleiern, wählte man den irreführenden Decknamen „Wismut“. In den Folgejahrzehnten wuchs der Betrieb zu einem wahren „Staat im Staate“ heran:
Eigene Infrastruktur: Die Wismut betrieb eigene Krankenhäuser, Polikliniken, Erholungsheime, Verkaufsstellen mit sonst rar gesäten Mangelwaren („Wismut-Kaufhallen“) und sogar eigene Sportvereine wie die BSG Wismut Aue.
Privilegien & Härte: Die Bezahlung lag weit über dem DDR-Durchschnitt. Doch dieser Lohn war hart erkauft: In den Anfangsjahren fehlten Atemschutz und ausreichende Belüftung, was bei vielen Bergleuten zu schweren Berufskrankheiten wie der Staublunge oder Lungenkrebs führte.
„Kumpel sein“: Der Kern der erzgebirgischen Identität
Wer die Menschen im Erzgebirge verstehen will, muss den Begriff des Kumpels begreifen. Unter Tage gab es keine langen Diskussionen – dort hing das Leben des Einzelnen direkt vom Vertrauen in den Schichtkollegen ab.
Aus dieser Arbeitswelt erwuchs ein tiefes Gemeinschaftsgefühl, eine ausgeprägte Pragmatik und ein eigener Humor, der die Region über den Zusammenbruch der DDR hinaus zusammenhielt. Wer bei der Wismut gearbeitet hatte, gehörte dazu. Diese Haltung – anpacken, nicht jammern und zusammenstehen, wenn es hart auf hart kommt – gilt bis heute als ein Grundpfeiler der ostdeutschen DNA im Revier.
Die Wende 1990: Das Ende der Förderung und das Milliarden-Wunder
Mit dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges kam 1990 das schlagartige Aus für die Uranförderung. Was zurückblieb, schien auf den ersten Blick eine gigantische ökologische Katastrophe zu sein: hunderte Halden, offene Tagebaue, radioaktiv belastete Schlammteiche und zerrissene Landschaften rund um Aue, Bad Schlema und Ronneburg.
Doch statt die Region aufzugeben, begann eines der größten Umweltsanierungsprojekte der Weltgeschichte. Die Bundesrepublik Deutschland übernahm die Verantwortung und investierte über die bundeseigene Wismut GmbH bis heute Milliarden Euro in die Renaturierung.
Sicherung der Schächte: Hunderte Kilometer Grubenbaue wurden geflutet und dauerhaft gesichert.
Abdeckung der Halden: Riesige Gesteinsmassen wurden umgeformt, abgedichtet und begrünt.
Rückkehr der Natur: Aus zerstörten Tagebauen entstanden neue Landschaften – wie die Ausstellungsflächen der Bundesgartenschau 2007 in Ronneburg.
Das grüne Wunder: Von der Schuttlandschaft zum UNESCO-Welterbe
Heute zeigt sich der Wandel eindrucksvoll: Orte wie Bad Schlema, die einst unter Staub und Lärm litten, sind heute anerkannte Kurorte mit modernen Radon-Bädern, blühenden Kurparks und hoher Lebensqualität.
Seit 2019 gehört die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří offiziell zum UNESCO-Welterbe. Dabei geht es längst nicht mehr nur um das Silber der Renaissance, sondern ausdrücklich auch um die Bauwerke, Schächte und Technkmale der Wismut-Ära. Das einst spottend als „Uran-Revier“ abgetane Gebiet hat sich seine Würde zurückgeholt.
Besucher-Tipp: Auf den Spuren der Kumpel vor Ort
Wer das Wismut-Erbe hautnah erleben möchte, findet im Erzgebirge und in Thüringen fantastische Ausflugsziele:
Besucherbergwerk Markus-Semmler (Bad Schlema): Hier fahren Gäste selbst unter Tage ein und erleben die Welt der Bergleute hautnah.
Museum Uranbergbau (Bad Schlema): Zeigt eindrucksvoll die Technik, die Arbeitsbedingungen und die Geologie der SDAG Wismut.
Neue Landschaft Ronneburg: Das umgestaltete Areal der einstigen Tagebaue lädt heute zu ausgedehnten Rad- und Wandertouren ein.
Leser-Aufruf: Habt ihr Familiengeschichten aus der Wismut-Zeit?
War euer Vater, Großvater oder wart ihr selbst unter Tage bei der Wismut im Einsatz? Welche Erinnerungen, Anekdoten oder Erinnerungsstücke liegen bei euch zu Hause im Schrank?
Schickt uns eure persönlichen Geschichten und Fotos per E-Mail an redaktion@ostdeutsche-zeitung.de !