Wer heute durch den beschaulichen Erholungsort Großschönau im Zittauer Gebirge spaziert, ahnt kaum, dass dieses Dorf einst das pulsierende Herz einer globalen Luxusindustrie war. In den Umgebindehäusern entlang der Mandau klapperten jahrhundertelang tausende Webstühle, die Stoffe von beispielloser Eleganz fertigten. Hier entstand der Großschönauer Damast – ein Gewebe, dessen kunstvolle, schimmernde Bildmuster nicht aufgedruckt, sondern durch eine hochkomplexe Webtechnik direkt in den Stoff eingearbeitet wurden.
Was heute wie ein vergessenes Kunsthandwerk wirkt, war vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ein sächsischer Exportschlager von Weltruf, der die Festtafeln der europäischen Königshäuser schmückte und Großschönau zur wohlhabendsten Webermühle der Oberlausitz machte.
Inhaltsübersicht
Ein Geheimnis aus Holland: Die Geburtsstunde des sächsischen Damasts
Die Physik des Schimmers: Wie Damast seine Muster webt
Der Jacquard-Webstuhl: Eine technische Revolution verändert das Handwerk
Der Niedergang und die Rettung: Ein Museum bewahrt das Erbe
Ortspunkt Großschönau: Wo du die Webkunst hautnah erlebst
Leser-Aufruf: Welche textilen Schätze liegen bei dir zu Hause?
Ein Geheimnis aus Holland: Die Geburtsstunde des sächsischen Damasts
Der Begriff „Damast“ leitet sich ursprünglich von der syrischen Stadt Damaskus ab, einem historischen Zentrum des Seidenhandels. Die Kunst, Muster allein durch den Wechsel von Kett- und Schussfäden zu erzeugen, war in Europa lange Zeit unbekannt und die Stoffe ein unbezahlbarer Luxusimport.
Die Großschönauer Erfolgsgeschichte begann im Jahr 1666 mit einem Industriespionage-Krimi. Die Brüder Friedrich und Christoph Lange, zwei engagierte Leineweber aus dem Dorf, reisten inkognito nach Holland, dem damaligen Zentrum der europäischen Musterweberei. Dort heuerten sie als einfache Knechte an, lernten heimlich die komplexe Technik des Damastwebens und stahlen – so die Legende – die Baupläne für die spezialisierten Webstühle. Zurück in der Heimat, bauten sie die Stühle nach und legten den Grundstein für eine einzigartige Monopolstellung in Sachsen.
Die Physik des Schimmers: Wie Damast seine Muster webt
Das Besondere am Damast ist sein Lichtspiel. Im Gegensatz zu bedruckten Stoffen sind Kette (Längsfäden) und Schuss (Querfäden) oft in derselben Farbe gehalten, traditionell in strahlendem Weiß.
Das Muster entsteht ausschließlich durch die Webtechnik: In bestimmten Bereichen des Stoffes dominieren die Kettfäden, in anderen die Schussfäden. Da Fäden das Licht je nach ihrer Ausrichtung unterschiedlich reflektieren, erscheint das Muster je nach Blickwinkel und Lichteinfall matt oder glänzend. Es ist eine Textilkunst, die Geduld, mathematische Präzision und ein tiefes Verständnis für Materialästhetik erfordert. Ein einziger Handweber benötigte oft Wochen, um nur wenige Meter eines königlichen Tafeltuchs zu fertigen.
Der Jacquard-Webstuhl: Eine technische Revolution verändert das Handwerk
Im 19. Jahrhundert revolutionierte eine Erfindung aus Frankreich das mühsame Handwerk: der Jacquard-Webstuhl. Durch die Einführung von Lochkarten konnten die Weber nun jeden einzelnen Kettfaden mechanisch steuern. Dies ermöglichte unendlich komplexere Muster – von Jagdszenen über biblische Geschichten bis hin zu detaillierten Familienwappen –, die viel schneller und präziser gewebt werden konnten.
Großschönau passte sich an und wurde zum Zentrum der Jacquard-Weberei in der Region. Die Webstühle wurden größer, die Fabriken entstanden, und der Damast wurde zwar erschwinglicher, blieb aber ein Inbegriff sächsischer Qualitätsarbeit.
Der Niedergang und die Rettung: Ein Museum bewahrt das Erbe
Mit dem Aufkommen billigerer Kunstfasern, automatisierten Webmaschinen und dem Wandel der Tischkultur im 20. Jahrhundert ging die Nachfrage nach klassischem Handweb-Damast drastisch zurück. Nach 1990 brach die traditionsreiche Großschönauer Textilindustrie fast vollständig zusammen.
Doch das unschätzbare Wissen um die Webtechnik ging nicht verloren. Engagierte ehemalige Weber und Heimatfreunde gründeten den Verein für das Deutsches Damast- und Frottiermuseum. Sie retteten historische Jacquard-Handwebstühle, Lochkarten-Schlagmaschinen und unzählige Mustergewebe vor der Verschrottung.
Ortspunkt Großschönau: Wo du die Webkunst hautnah erlebst
Wer die Faszination der Textilgeschichte in der Oberlausitz (Bundesland: Sachsen) entdecken möchte, findet in Großschönau ein einzigartiges Erlebniszentrum:
Deutsches Damast- und Frottiermuseum: In einem prachtvollen barocken Umgebindehaus (Kupferhaus) wird die Geschichte lebendig. Besucher können funktionstüchtige historische Jacquard-Webstühle in Aktion sehen und den komplexen Prozess der Musterentstehung verstehen.
Schauwerkstatt: Der Museumsverein führt regelmäßig Webvorführungen durch und hält die Tradition des Handwebens aktiv aufrecht.
Leser-Aufruf: Welche textilen Schätze liegen bei dir zu Hause?
Besitzt du noch vererbte Tafeltücher oder Bettwäsche aus echtem Großschönauer Damast, schätzt du das Handwerk der Oberlausitz oder hast du das Damastmuseum selbst schon besucht?
Schickt uns eure Fotos und Geschichten per E-Mail an redaktion@ostdeutsche-zeitung.de!