Künstliche Intelligenz verändert Büroarbeit, Produktion, Kundenservice und Qualitätskontrolle. Doch viele ostdeutsche Betriebe nutzen die neue Technik weiterhin deutlich seltener als ihre Wettbewerber im Westen.
Nur 38,7 Prozent der Unternehmen im Osten nutzen KI
Nach einer regionalisierten Auswertung der Konjunkturumfragen des ifo Instituts setzen 38,7 Prozent der Unternehmen in Ostdeutschland einschließlich Berlins künstliche Intelligenz aktiv ein. In Westdeutschland liegt der Anteil bei 55,9 Prozent.
Damit befindet sich die ostdeutsche Wirtschaft beim Einsatz künstlicher Intelligenz ungefähr auf dem Stand, den westdeutsche Unternehmen bereits ein Jahr zuvor erreicht hatten. Bundesweit nutzt inzwischen mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen entsprechende Anwendungen.
Der Rückstand besteht nach Angaben der Forscher nicht nur in einzelnen Branchen. Er zeigt sich in allen untersuchten Wirtschaftsbereichen und in sämtlichen ostdeutschen Bundesländern. Besonders deutlich fällt die Lücke im Bauhauptgewerbe und im Einzelhandel aus.
Sachsen liegt im Osten deutlich vorn
Innerhalb Ostdeutschlands gibt es erhebliche Unterschiede. In Sachsen nutzen nach der Auswertung rund 48 Prozent der Unternehmen künstliche Intelligenz. Thüringen erreicht 39 Prozent, Sachsen-Anhalt 37 Prozent.
Als möglicher Vorteil Sachsens gilt die vergleichsweise starke Forschungs- und Technologielandschaft. Universitäten, außeruniversitäre Institute sowie Unternehmen aus Mikroelektronik, Maschinenbau und Softwareentwicklung können die Einführung neuer Anwendungen erleichtern.
Trotzdem bleibt selbst Sachsen hinter dem westdeutschen Durchschnitt zurück.
Betriebsgröße erklärt den Abstand nicht vollständig
Ostdeutschlands Wirtschaft wird stärker von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt. Gerade kleinere Betriebe verfügen häufig nicht über eigene IT-Abteilungen, große Datenbestände oder ausreichend Personal, um neue Systeme zu testen und dauerhaft in bestehende Abläufe einzubauen.
Dass die Unternehmensstruktur eine Rolle spielt, zeigt auch die bundesweite Statistik: 2025 nutzten 23 Prozent der Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten künstliche Intelligenz. Bei Unternehmen mit mindestens 250 Beschäftigten waren es bereits 57 Prozent.
Die Größe der Betriebe und die Branchenstruktur reichen nach Einschätzung der ifo-Forscher jedoch nicht aus, um den gesamten Ost-West-Unterschied zu erklären. Auch bei Vergleichen ähnlicher Unternehmensgrößen und Wirtschaftsbereiche blieb die KI-Nutzung im Westen stärker verbreitet.
Zurückhaltung kann langfristig teuer werden
Künstliche Intelligenz kann Routineaufgaben übernehmen, Texte und Daten auswerten, Produktionsfehler erkennen oder bei Wartung, Planung und Kundenbetreuung unterstützen.
Unternehmen, die solche Systeme sinnvoll einsetzen, können Arbeitsabläufe beschleunigen und ihre Beschäftigten von wiederkehrenden Aufgaben entlasten. Gerade angesichts des Fachkräftemangels kann das zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil werden.
Ifo-Forscher Joachim Ragnitz warnt deshalb davor, dass eine dauerhaft langsamere Einführung die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Unternehmen belasten könnte. Die entscheidende Rolle komme dabei den kleinen und mittleren Betrieben zu.
Nicht jede KI-Anwendung ist eine sinnvolle Investition
Ein vorsichtiger Umgang mit neuer Technik muss allerdings nicht automatisch falsch sein. Viele Anwendungen sind teuer, benötigen hochwertige Daten und bringen nicht sofort den versprochenen Nutzen.
Ein vom MDR vorgestelltes Beispiel aus einer Dresdner Bäckerei zeigt, wie groß der Aufwand sein kann. Dort kontrolliert ein KI-System Stollen auf Fremdkörper. Anlage und Software kosteten nach Angaben des Unternehmens einen niedrigen sechsstelligen Betrag. Das System musste zudem über einen längeren Zeitraum mit jeder Rezeptur trainiert werden. Die Zahl der Reklamationen sei anschließend deutlich gesunken.
Für kleine Betriebe wäre eine vergleichbare Investition ohne klare Erfolgsaussicht kaum zu tragen.
Abwarten kann Fehler vermeiden – aber nicht zum Dauerzustand werden
Martin Folz vom Mittelstand-Digital-Zentrum Chemnitz sieht in der ostdeutschen Zurückhaltung deshalb auch eine mögliche Stärke. Unternehmen könnten zunächst beobachten, welche Anwendungen sich tatsächlich bewähren, statt viel Geld in unausgereifte Lösungen zu investieren.
Entscheidend sei, nicht einfach irgendeine KI einzukaufen. Betriebe müssten zuerst festlegen, welches konkrete Problem gelöst werden soll und ob künstliche Intelligenz dafür überhaupt das geeignete Werkzeug ist.
Aus vorsichtigem Abwarten darf jedoch kein dauerhafter Stillstand entstehen. Sobald sich Anwendungen in einer Branche bewährt haben, müssen Unternehmen in der Lage sein, sie schnell zu übernehmen.
Weiterbildung wird zur zentralen Aufgabe
Für den Einsatz künstlicher Intelligenz braucht es nicht nur Software, sondern Beschäftigte, die Ergebnisse beurteilen, Daten schützen und mögliche Fehler erkennen können.
Besonders kleinen und mittleren Unternehmen fehlt nach Einschätzung wirtschaftswissenschaftlicher Untersuchungen häufig das notwendige Daten- und KI-Wissen. Neben Investitionen in Technik werden deshalb Weiterbildung, Beratung und leicht zugängliche Erprobungsangebote benötigt.
Hochschulen, Kammern und öffentlich geförderte Mittelstandszentren können dabei helfen. Wichtig ist allerdings, dass Förderprogramme nicht in allgemeinen Informationsveranstaltungen stecken bleiben, sondern konkrete betriebliche Anwendungen ermöglichen.
Ostdeutschland braucht eine eigene Aufholstrategie
Die Region verfügt mit Hochschulen, Forschungsinstituten und Technologieunternehmen über wichtige Voraussetzungen. Dieses Wissen erreicht bislang jedoch nicht alle Betriebe.
Eine wirksame Strategie müsste kleine Unternehmen bei der Auswahl geeigneter Anwendungen beraten, Beschäftigte qualifizieren und gemeinsame technische Lösungen ermöglichen. Nicht jeder Handwerksbetrieb, Händler oder mittelständische Hersteller kann eine eigene KI-Abteilung aufbauen.
Der aktuelle Rückstand ist noch aufholbar. Die Nutzung künstlicher Intelligenz ist auch im Osten seit 2023 deutlich gestiegen. Bleibt der Abstand zum Westen jedoch dauerhaft bestehen, könnte aus der heutigen KI-Lücke ein langfristiger Produktivitätsnachteil werden.
Quellen
Ifo Institut Dresden – „Künstliche Intelligenz in ost- und westdeutschen Unternehmen: Nutzung steigt, Abstand bleibt“, veröffentlicht 2026
Ifo Institut – „Nutzung Künstlicher Intelligenz in Ostdeutschland geringer als in Westdeutschland“, veröffentlicht am 20. Juli 2026
Statistisches Bundesamt – Nutzung künstlicher Intelligenz in Unternehmen nach Beschäftigtengröße, Datenstand 2025