Ostdeutschland verändert sich demografisch mit zunehmender Geschwindigkeit. Während einzelne Großstädte und ihr Umland wachsen, verlieren zahlreiche ländliche Regionen Einwohner und altern. Die Folgen reichen längst weit über sinkende Bevölkerungszahlen hinaus: Unternehmen finden schwieriger Beschäftigte, Pflegekräfte werden knapper, Schulen und öffentliche Einrichtungen müssen neu organisiert werden und Kommunen stehen vor der Frage, welche Infrastruktur sie langfristig noch finanzieren können.
Neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes verdeutlichen die Entwicklung.
2025 ging die Bevölkerung Deutschlands insgesamt leicht um 0,1 Prozent zurück.
Besonders stark traf der Rückgang jedoch zwei ostdeutsche Länder.
Thüringen verlor innerhalb eines Jahres rund 1,0 Prozent seiner Bevölkerung.
In Sachsen-Anhalt waren es 0,7 Prozent.
Damit gehörten beide Länder bundesweit zu den Regionen mit dem stärksten Bevölkerungsrückgang.
Ostdeutschland altert schneller
Der langfristige Trend ist noch deutlicher.
1990 war die Bevölkerung der ostdeutschen Länder im Durchschnitt sogar jünger als jene im Westen.
Heute hat sich dieses Verhältnis umgekehrt.
Der Anteil älterer Menschen ist in den ostdeutschen Flächenländern deutlich gestiegen.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kamen 2024 in den ostdeutschen Flächenländern auf 100 Menschen im Alter zwischen 20 und 66 Jahren bereits 42 Menschen ab 67 Jahren.
Damit liegt Ostdeutschland demografisch ungefähr dort, wo die westdeutschen Flächenländer voraussichtlich erst Anfang der 2030er-Jahre stehen werden.
Der Osten erlebt die Alterung der Gesellschaft also mehrere Jahre früher und stärker.
Folgen des Geburteneinbruchs nach 1990
Ein wesentlicher Grund liegt mehr als drei Jahrzehnte zurück.
Nach der deutschen Wiedervereinigung brachen die Geburtenzahlen in den neuen Bundesländern massiv ein.
Die Jahrgänge, die in den frühen 1990er-Jahren geboren wurden, sind deshalb deutlich kleiner als ihre Vorgängergenerationen.
Heute erreichen genau diese vergleichsweise kleinen Jahrgänge das Alter, in dem sie Familien gründen, Unternehmen übernehmen oder zentrale Positionen auf dem Arbeitsmarkt besetzen könnten.
Gleichzeitig gehen die geburtenstarken älteren Jahrgänge zunehmend in den Ruhestand.
Damit öffnet sich auf dem Arbeitsmarkt eine demografische Lücke.
Bis 2035 fehlen immer mehr Erwerbstätige
Das ifo Institut Dresden warnt deshalb ausdrücklich vor den wirtschaftlichen Folgen.
Bis 2035 dürfte die Zahl der Menschen im Erwerbsalter in Ostdeutschland um etwa sieben Prozent sinken.
In Sachsen-Anhalt und Thüringen könnte der Rückgang sogar deutlich stärker ausfallen.
Damit wird der demografische Wandel zunehmend zu einem wirtschaftlichen Standortfaktor.
Unternehmen können investieren und neue Aufträge erhalten – doch ohne genügend Beschäftigte lässt sich zusätzliches Wachstum nur schwer realisieren.
Der Fachkräftemangel wird damit vom Personalproblem einzelner Firmen zu einer strukturellen Herausforderung ganzer Regionen.
Junge Menschen ziehen weiterhin weg
Hinzu kommt die Abwanderung.
Seit der deutschen Wiedervereinigung haben die ostdeutschen Länder viele junge Erwachsene an westdeutsche Regionen verloren.
Zwischen 1990 und 2016 zogen insgesamt deutlich mehr Menschen aus den neuen in die alten Bundesländer als umgekehrt.
Zwar drehte sich diese Entwicklung zwischen 2017 und 2022 zeitweise.
Doch 2024 verzeichnete Ostdeutschland ohne Berlin erneut einen negativen Binnenwanderungssaldo.
Besonders problematisch ist dabei, dass über Jahrzehnte viele junge Menschen gingen.
Damit fehlen nicht nur Einwohner, sondern auch potenzielle Eltern, Fachkräfte und Unternehmensgründer.
Die zehn ältesten Arbeitsmärkte liegen alle im Osten
Wie groß die Unterschiede inzwischen sind, zeigen Daten auf Kreisebene.
Die zehn deutschen Kreise beziehungsweise kreisfreien Städte mit dem niedrigsten Anteil von Menschen im Erwerbsalter liegen allesamt in Ostdeutschland.
Besonders ausgeprägt war die Situation beim Zensus 2022 in Dessau-Roßlau.
Dort waren nur 53,4 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahre alt.
Im Erzgebirgskreis waren es 53,5 Prozent, im Landkreis Görlitz 53,8 Prozent.
Zum Vergleich: In den westdeutschen Bundesländern lag der Anteil der Menschen im Erwerbsalter durchschnittlich bei 61,6 Prozent.
In den ostdeutschen Ländern ohne Berlin waren es lediglich 57,5 Prozent.
Berlin zeigt die andere Seite des Ostens
Doch Ostdeutschland schrumpft nicht überall.
Berlin besitzt eine deutlich jüngere Bevölkerung und zieht weiterhin Menschen aus dem In- und Ausland an.
Nach dem Zensus 2022 waren dort 63,9 Prozent der Einwohner zwischen 18 und 64 Jahre alt.
Auch Teile Brandenburgs profitieren von der Nähe zur Hauptstadt.
Der Berliner Speckgürtel wächst teilweise, während weiter entfernte Regionen deutlich stärker altern.
Ähnliche Unterschiede gibt es in Sachsen.
Leipzig und Dresden ziehen Studierende, Fachkräfte und junge Familien an.
Ländliche Gebiete, insbesondere weiter entfernt von den großen Zentren, kämpfen dagegen stärker mit Alterung und Einwohnerverlust.
Ostdeutschland entwickelt sich innerhalb seiner Grenzen auseinander
Damit verläuft die entscheidende Trennlinie zunehmend nicht mehr ausschließlich zwischen Ost und West.
Auch innerhalb Ostdeutschlands wachsen die Unterschiede.
Auf der einen Seite stehen wachsende Großstadtregionen mit Universitäten, neuen Unternehmen und Zuwanderung.
Auf der anderen Seite liegen Städte und Gemeinden, in denen Bevölkerung und Erwerbspersonenzahl kontinuierlich sinken.
Für die Politik entsteht daraus ein schwieriges Problem.
Denn Infrastruktur lässt sich nicht beliebig an sinkende Einwohnerzahlen anpassen.
Straßen, Wasserleitungen, Krankenhäuser oder öffentliche Verwaltungen müssen auch dann funktionieren, wenn weniger Menschen sie nutzen.
Pflegebedarf steigt deutlich
Besonders spürbar wird die Alterung im Gesundheits- und Pflegebereich.
Wenn der Anteil älterer Menschen zunimmt, wächst langfristig auch der Bedarf an medizinischer Versorgung und Pflege.
Gleichzeitig werden gerade dort Arbeitskräfte knapp.
Damit treffen zwei Entwicklungen aufeinander: mehr Menschen benötigen Unterstützung, während weniger Beschäftigte zur Verfügung stehen.
Das betrifft nicht nur Pflegeheime.
Auch ambulante Pflege, Hausärzte, Krankenhäuser, Apotheken und Rettungsdienste müssen sich auf eine ältere Bevölkerung einstellen.
Gerade in dünn besiedelten ländlichen Regionen kann dies zu langen Wegen und neuen Versorgungsproblemen führen.
Schulen und Kitas müssen sich ebenfalls verändern
Demografischer Wandel bedeutet aber nicht nur mehr ältere Menschen.
Wo weniger Kinder geboren werden, verändert sich auch die Bildungsinfrastruktur.
Kitas und Schulen können langfristig kleinere Jahrgänge erhalten.
Für Gemeinden stellt sich dann die Frage, welche Einrichtungen erhalten bleiben können.
Schulschließungen oder Zusammenlegungen führen jedoch wiederum zu längeren Wegen für Familien.
Damit kann ein Kreislauf entstehen: Sinkende Einwohnerzahlen führen zu weniger Angeboten – und weniger Angebote machen eine Region für junge Familien wiederum weniger attraktiv.
Unternehmen müssen stärker automatisieren
Aus wirtschaftlicher Sicht wird deshalb Produktivität entscheidend.
Wenn weniger Beschäftigte verfügbar sind, müssen Unternehmen mit weniger Personal mehr leisten können.
Automatisierung, Digitalisierung, Robotik und künstliche Intelligenz gewinnen dadurch besonders für ostdeutsche Betriebe an Bedeutung.
Auch Zuwanderung kann den Rückgang abfedern.
Sie wird nach Einschätzung der Statistiker jedoch nicht ausreichen, um die Alterung der ostdeutschen Flächenländer vollständig zu stoppen.
Selbst bei hoher Nettozuwanderung wird die Bevölkerung im Erwerbsalter dort zurückgehen.
Deutschlands demografische Zukunft beginnt im Osten
Was heute in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern sichtbar wird, könnte in einigen Jahren auch viele westdeutsche Regionen erreichen.
Ostdeutschland ist deshalb in gewisser Weise ein Vorläufer des bundesweiten demografischen Wandels.
Alterung, Fachkräftemangel, schrumpfende Gemeinden und steigende Pflegebedarfe treten hier früher und teilweise stärker auf.
Damit könnten ostdeutsche Regionen zugleich zu einem Labor für neue Lösungen werden.
Dazu gehören flexible Mobilitätsangebote, digitale Verwaltung, Telemedizin, automatisierte Produktion und neue Wohnformen für ältere Menschen.
Eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte
Der demografische Wandel vollzieht sich langsam.
Gerade deshalb wird seine Wirkung häufig unterschätzt.
Doch über Jahre verändern wenige Prozentpunkte ganze Regionen.
Sinkt die Zahl der Erwerbstätigen, verändert sich die Wirtschaft. Steigt der Anteil älterer Einwohner, wächst der Pflegebedarf. Ziehen junge Menschen in die Städte, verändert sich der ländliche Raum.
Für Ostdeutschland entscheidet sich deshalb in den kommenden Jahren, ob schrumpfende Regionen lediglich verwaltet werden – oder ob es gelingt, sie trotz geringerer Bevölkerungszahl wirtschaftlich und gesellschaftlich attraktiv zu halten.
Die Unterschiede zwischen boomenden Zentren und alternden Regionen dürften dabei zu einer der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Fragen des Ostens werden.
Quellen
Statistisches Bundesamt – Bevölkerungsentwicklung in Ost- und Westdeutschland zwischen 1990 und 2024
Statistisches Bundesamt – Bevölkerung Deutschlands sinkt im Jahr 2025 um 0,1 Prozent, Juni 2026
Statistisches Bundesamt – 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung 2025 bis 2070
Statistisches Bundesamt – Wanderungsbewegungen in Ost- und Westdeutschland
Statistisches Bundesamt – Abwanderung junger Menschen aus ostdeutschen Bundesländern
ifo Institut Dresden – Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026
ifo Institut Dresden – Künftige Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland, Februar 2026