Jedes zweite befragte Chemie- und Pharmaunternehmen in Ostdeutschland plant, seine Investitionen in Deutschland in den Jahren 2026 und 2027 zu reduzieren. Mehr als jedes dritte Unternehmen will geplante Investitionen ganz oder teilweise ins Ausland verlagern. Das geht aus einer am 27. Juli veröffentlichten Umfrage des Verbandes der Chemischen Industrie Nordost hervor.
Nur jedes zehnte Unternehmen will mehr investieren
Die Umfrage zeichnet ein deutliches Bild: Während rund die Hälfte der Betriebe weniger Kapital in deutsche Standorte stecken möchte, plant lediglich jedes zehnte Unternehmen eine Ausweitung seiner Investitionen im Inland.
Das ist für die Region besonders problematisch. Investitionen entscheiden darüber, ob Produktionsanlagen modernisiert, neue Technologien eingeführt und Arbeitsplätze langfristig gesichert werden. Werden Vorhaben verschoben oder ins Ausland verlagert, verliert der Standort schrittweise an industrieller Substanz.
Hohe Kosten sind das größte Investitionshemmnis
Als größte Belastung nennen die Unternehmen die hohen Kosten am Standort Deutschland. Neun von zehn Befragten bewerten sie als eher oder stark negativen Einfluss auf ihre Investitionsentscheidungen. Drei Viertel beurteilen auch die Energie- und Klimapolitik kritisch.
Gerade die Chemieindustrie benötigt große Mengen Strom und Gas. Steigende oder international nicht wettbewerbsfähige Energiepreise wirken sich deshalb stärker aus als in vielen anderen Wirtschaftsbereichen.
Hinzu kommen hohe Arbeits-, Bau- und Finanzierungskosten. Neue Anlagen müssen sich über viele Jahre rechnen. Unternehmen vergleichen daher genau, ob eine Investition in Leuna, Schkopau, Bitterfeld-Wolfen oder Schwarzheide wirtschaftlicher ist als ein neues Werk in Nordamerika, Asien oder anderen Teilen Europas.
Bürokratie und Genehmigungen bremsen Vorhaben
Neben den Kosten beklagt die Branche komplizierte Vorschriften und langwierige Genehmigungsverfahren. Neue Produktionsanlagen oder Erweiterungen müssen zahlreiche Anforderungen aus Umwelt-, Bau-, Energie- und Sicherheitsrecht erfüllen.
Strenge Sicherheits- und Umweltstandards sind für eine Chemieanlage notwendig. Problematisch wird es jedoch, wenn Verfahren über Jahre dauern, Zuständigkeiten unklar bleiben oder Unternehmen keine verlässlichen Entscheidungen erhalten.
Kapital wird dann nicht zwingend vollständig gestrichen. Es fließt möglicherweise an einen Standort, an dem Planung, Genehmigung und Bau schneller abgeschlossen werden können.
56.000 Arbeitsplätze hängen an der Ost-Chemie
Die chemisch-pharmazeutische Industrie beschäftigt in den sechs ostdeutschen Ländern rund 56.000 Menschen. Nach Angaben der Nordostchemie gehören etwa 405 Betriebe zur Branche. Rund ein Drittel der Beschäftigten arbeitet in Sachsen-Anhalt, etwa ein Fünftel in Sachsen.
Chemieprodukte werden zudem von zahlreichen weiteren Wirtschaftszweigen benötigt. Sie stecken in Arzneimitteln, Düngemitteln, Lacken, Kunststoffen, Waschmitteln, Fahrzeugen und Baustoffen.
Ein Rückgang der Chemieproduktion trifft deshalb nicht nur die großen Werke. Betroffen wären auch Logistikunternehmen, Handwerksbetriebe, technische Dienstleister, Zulieferer und kommunale Einnahmen an wichtigen Industriestandorten.
Der industrielle Abwärtstrend hält an
Die Investitionswarnung kommt nicht überraschend. Die deutsche Chemiebranche arbeitet bereits seit mehreren Jahren unter erheblichem Druck. Ende 2025 waren die Produktionsanlagen bundesweit nur zu rund 70 Prozent ausgelastet. Die Chemieproduktion war gegenüber dem Vorjahr um 2,5 Prozent zurückgegangen, während jedes zweite Unternehmen über zu wenige Aufträge klagte.
Für das erste Halbjahr 2026 wird erneut ein Produktionsrückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum gemeldet. Gleichzeitig gehen die Brancheninvestitionen bereits seit mehreren Jahren zurück.
Damit droht ein Kreislauf: Sinkende Produktion führt zu geringeren Erträgen, geringere Erträge begrenzen Investitionen und ausbleibende Investitionen verschlechtern langfristig die Wettbewerbsfähigkeit.
Einzelne Unternehmen investieren weiterhin
Die Umfrage bedeutet nicht, dass sämtliche Unternehmen ihre ostdeutschen Standorte aufgeben. Auch 2026 werden einzelne Anlagen erweitert und neue Projekte geplant. Die Branche verfügt über moderne Chemieparks, qualifizierte Beschäftigte und eine lange industrielle Tradition.
Sachsen-Anhalt, Unternehmen, Gewerkschaften und Verbände haben im April einen Chemie- und Raffineriepakt unterzeichnet. Damit wollen sie Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit der ostdeutschen Standorte sichern.
Die entscheidende Frage ist jedoch, ob solche politischen Erklärungen schnell genug zu niedrigeren Kosten, verlässlichen Energiebedingungen und kürzeren Genehmigungsverfahren führen.
Politik darf Warnung nicht erneut überhören
Unternehmen verlagern große Chemieanlagen nicht über Nacht. Entscheidungen über neue Investitionen bestimmen jedoch, wo in fünf, zehn oder zwanzig Jahren produziert wird.
Wird eine neue Anlage heute in einem anderen Land gebaut, fehlen morgen Modernisierung, Wertschöpfung und möglicherweise auch Arbeitsplätze in Ostdeutschland. Eine schleichende Deindustrialisierung beginnt nicht erst mit der Schließung eines Werkstores. Sie beginnt häufig mit der Entscheidung, die nächste Anlage nicht mehr am bestehenden Standort zu errichten.
Die Umfrage ist deshalb mehr als eine weitere Klage eines Wirtschaftsverbandes. Sie ist ein Warnsignal für einen industriellen Kern Ostdeutschlands. Die Bundesregierung und die Länder müssen nun zeigen, ob sie die Rahmenbedingungen tatsächlich verbessern – oder ob Investitionen und gut bezahlte Arbeitsplätze weiter abwandern.
Quellen
Verband der Chemischen Industrie Nordost, „Jedes zweite Chemieunternehmen im Osten will weniger in Deutschland investieren“, veröffentlicht am 27. Juli 2026.
Verband der Chemischen Industrie Nordost, Angaben zu Beschäftigung, Betrieben und wirtschaftlicher Bedeutung der Chemie- und Pharmaindustrie in Ostdeutschland, Stand August 2026.
Verband der Chemischen Industrie, Jahresbilanz zur wirtschaftlichen Lage der chemisch-pharmazeutischen Industrie, veröffentlicht am 11. Dezember 2025.
Land Sachsen-Anhalt, VCI Nordost, Arbeitgeberverband Nordostchemie, IGBCE und en2x, gemeinsamer Chemie- und Raffineriepakt Ostdeutschland, unterzeichnet am 14. April 2026.