Die lange Phase steigender Beschäftigung ist vorerst beendet. In zahlreichen ostdeutschen Regionen dürfte die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze 2026 sinken. Gleichzeitig gibt es weniger offene Stellen und mehr Menschen, die um einen neuen Arbeitsplatz konkurrieren.
Sachsen-Anhalt trifft der Rückgang besonders stark
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartet 2026 erstmals seit 2009 bundesweit einen Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. In zehn der 16 Bundesländer soll die Zahl der Beschäftigten sinken.
Besonders deutlich fällt die Prognose für Sachsen-Anhalt aus. Dort rechnet das IAB mit einem Rückgang um 1,0 Prozent. Nur im Saarland wird ein noch stärkeres Minus erwartet.
Bereits die aktuellen Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen die Entwicklung: Im Januar 2026 waren in Sachsen-Anhalt rund 781.800 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das waren 8.400 weniger als ein Jahr zuvor.
Brandenburg bildet eine Ausnahme
Von einem gleichmäßigen Arbeitsplatzabbau in ganz Ostdeutschland kann dennoch nicht gesprochen werden. Brandenburg gehört zu den wenigen Bundesländern, für die das IAB 2026 noch einen leichten Beschäftigungszuwachs von 0,1 Prozent erwartet.
Neben Brandenburg werden nur für Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen steigende Beschäftigtenzahlen prognostiziert.
Das leichte Plus dürfte allerdings regional sehr unterschiedlich ausfallen. Vor allem das Berliner Umland profitiert von neuen Ansiedlungen und dem Wachstum der Hauptstadtregion. In dünn besiedelten ländlichen Kreisen geht die Beschäftigung dagegen laut IAB-Prognose weiter zurück.
Arbeitslosigkeit im Osten steigt
Für Ostdeutschland erwartet das IAB 2026 einen Anstieg der Arbeitslosenquote um 0,2 Prozentpunkte auf 8,0 Prozent. In Westdeutschland soll sie bei 6,0 Prozent stagnieren.
Besonders deutlich könnte die Zahl der Arbeitslosen in Berlin und Sachsen steigen. Für Berlin wird ein Zuwachs von 3,3 Prozent, für Sachsen von 3,0 Prozent prognostiziert. Einen Rückgang der Arbeitslosenquote erwartet das Institut in keinem Bundesland.
Damit verschärft sich der Wettbewerb um freie Stellen. Gleichzeitig bleiben viele Arbeitsplätze unbesetzt, weil die Qualifikationen der Bewerber nicht zu den Anforderungen der Unternehmen passen.
Weniger offene Stellen in Ostdeutschland
Im ersten Quartal 2026 gab es in Ostdeutschland nach Angaben des IAB rund 234.200 offene Stellen. Bundesweit sank das Stellenangebot gegenüber dem vorherigen Quartal um etwa acht Prozent.
Auf 100 offene Stellen kamen in Ostdeutschland durchschnittlich 301 arbeitslos gemeldete Menschen. In Westdeutschland waren es 254. Damit ist es für Arbeitssuchende im Osten im Durchschnitt schwieriger, eine neue Stelle zu finden.
Ein Teil des Problems liegt jedoch nicht allein in der Zahl der Arbeitsplätze. Viele Arbeitslose suchen Tätigkeiten im Helferbereich, während ein großer Teil der offenen Stellen eine abgeschlossene Berufsausbildung oder höhere Qualifikation voraussetzt.
Industrie und Produktion verlieren Personal
Besonders unter Druck steht das produzierende Gewerbe. Das IAB prognostiziert bundesweit für 2026 einen weiteren Rückgang um rund 70.000 Beschäftigte in diesem Bereich.
Als Gründe nennt das Institut die industrielle Transformation, den schwachen Außenhandel und die Belastungen durch internationale Handelskonflikte.
Diese Entwicklung trifft Ostdeutschland besonders, weil zahlreiche Regionen stark von Industrie, Maschinenbau, Automobilzulieferern, Chemie und energieintensiven Betrieben abhängig sind.
Hinzu kommen hohe Energiepreise, schwache Investitionen und zurückhaltende Personalplanungen. Das ifo-Beschäftigungsbarometer fiel im April 2026 auf den niedrigsten Stand seit Mai 2020. Die Unternehmen planten zu diesem Zeitpunkt häufiger Stellenabbau als Neueinstellungen.
Vollzeitstellen verschwinden
Der Beschäftigungsrückgang zeigt sich auch bei der Art der Arbeitsplätze. Im ersten Quartal 2026 sank die Zahl der Erwerbstätigen bundesweit um 160.000 auf 45,64 Millionen Menschen.
Nach Berechnungen des IAB gingen innerhalb eines Jahres rund 270.000 Vollzeitstellen verloren. Gleichzeitig kamen etwa 150.000 Teilzeitstellen hinzu. Die Teilzeitquote stieg erstmals in einem ersten Quartal auf mehr als 40 Prozent.
Damit steigt die Beschäftigung nicht nur langsamer – sie verändert auch ihre Struktur. Während gut bezahlte Vollzeitstellen vor allem in der Industrie zurückgehen, wächst die Beschäftigung stärker in sozialen und öffentlichen Dienstleistungen.
Gesundheitswesen und öffentlicher Dienst wachsen
Nicht alle Branchen bauen Personal ab. Das IAB erwartet für 2026 bundesweit rund 130.000 zusätzliche Stellen bei öffentlichen Dienstleistern, in Erziehung und im Gesundheitswesen.
Ursachen sind vor allem der Ausbau der Kinderbetreuung und der wachsende Bedarf durch die alternde Bevölkerung.
Damit entsteht ein widersprüchliches Bild: Während Unternehmen weiterhin über fehlende Fachkräfte klagen, gehen gleichzeitig Arbeitsplätze in Industrie und Produktion verloren. Gesucht werden häufig andere Qualifikationen als jene, die bei entlassenen Beschäftigten vorhanden sind.
Demografie verschärft die Lage
Die sinkende Beschäftigung ist nicht ausschließlich eine Folge von Betriebsschließungen oder Entlassungen. Viele ältere Beschäftigte erreichen das Rentenalter, während weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachrücken.
Das IAB geht davon aus, dass das deutsche Erwerbspersonenpotenzial 2026 erstmals um etwa 40.000 Menschen sinkt. Dadurch wird es auch bei einer wirtschaftlichen Erholung schwieriger, die Beschäftigung deutlich auszuweiten.
Für Ostdeutschland ist diese Entwicklung besonders relevant. Viele ländliche Regionen verlieren seit Jahren jüngere Einwohner und damit potenzielle Fachkräfte, Auszubildende und Unternehmensnachfolger.
Die wichtigsten Zahlen
- Arbeitslosenquote Ostdeutschland 2026: voraussichtlich 8,0 Prozent
- Beschäftigungsprognose Sachsen-Anhalt: minus 1,0 Prozent
- Beschäftigungsprognose Brandenburg: plus 0,1 Prozent
- Offene Stellen in Ostdeutschland: rund 234.200 im ersten Quartal
- Arbeitslose je 100 offene Stellen im Osten: 301
- Bundesweiter Stellenabbau im produzierenden Gewerbe: rund 70.000
- Verlust von Vollzeitstellen: rund 270.000 im Vorjahresvergleich
- Zuwachs bei Teilzeitstellen: rund 150.000
Einordnung
Die Überschrift „Ostdeutsche Wirtschaft verliert weiter Arbeitsplätze“ trifft die Entwicklung in mehreren Ländern und Regionen, darf aber nicht pauschal verstanden werden. Brandenburg könnte 2026 noch leicht zulegen. Besonders stark betroffen sind Sachsen-Anhalt und zahlreiche ländliche Gebiete.
Kurzmeldung
Der Arbeitsmarkt in Ostdeutschland gerät weiter unter Druck. Für Sachsen-Anhalt erwartet das IAB 2026 einen Beschäftigungsrückgang von einem Prozent. Gleichzeitig steigt die ostdeutsche Arbeitslosenquote voraussichtlich auf acht Prozent. Brandenburg könnte dagegen noch ein kleines Beschäftigungsplus erreichen.
Quellen und Datenbasis
- Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Regionale Arbeitsmarktprognose 2026.
- Bundesagentur für Arbeit: Arbeitsmarktentwicklung in Sachsen-Anhalt, März 2026.
- IAB: Stellenerhebung für das erste Quartal 2026.
- IAB: Prognose zur Beschäftigungsentwicklung und zu den Wirtschaftsbereichen.
- ifo Institut: Beschäftigungsbarometer, April 2026.