Deutschlands Unternehmen müssten dringend in neue Maschinen, digitale Technik, Energieeffizienz und moderne Produktionsanlagen investieren. Doch ausgerechnet in einer wirtschaftlich schwierigen Phase wird der Zugang zu dem dafür benötigten Kapital immer komplizierter.
Im zweiten Quartal 2026 berichteten 40,5 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen, die Kreditgespräche mit Banken geführt hatten, von einer restriktiven Vergabe. Gegenüber dem ersten Quartal stieg der Anteil um 6,5 Prozentpunkte. Es ist der höchste Wert seit Beginn der KfW-ifo-Erhebung im Jahr 2017.
Damit werden Finanzierungsprobleme zunehmend zu einem weiteren Hemmnis für den Mittelstand. Unternehmen müssen höhere Anforderungen erfüllen, mehr Unterlagen vorlegen und mit strengeren vertraglichen Bedingungen rechnen. Für risikoreichere Kredite verlangen Banken zudem höhere Margen und damit zusätzliche Aufschläge.
Schwache Wirtschaft verschlechtert die Bewertungen
Die Banken begründen ihre vorsichtigere Kreditvergabe vor allem mit gestiegenen Risiken. Die anhaltend schwache Wirtschaftslage hinterlässt Spuren in den Bilanzen vieler Unternehmen. Eigenkapitalquoten und Bonitätsbewertungen haben sich bei einem Teil der Betriebe verschlechtert.
Nach einer KfW-Unternehmensbefragung meldeten 31 Prozent der Betriebe im Frühjahr 2026 eine gesunkene Eigenkapitalquote. Bei einem Viertel hatte sich die Ratingnote im Jahr 2025 verschlechtert. Eine bessere Bewertung verzeichneten lediglich 14 Prozent.
Aus Sicht der Banken steigt damit das Risiko, dass Kredite verspätet oder gar nicht zurückgezahlt werden. Besonders betroffen sind Unternehmen aus Branchen, die bereits unter einer schwachen Nachfrage, hohen Kosten oder strukturellen Problemen leiden.
Die Bundesbank berichtet, dass die Kreditrichtlinien in den vergangenen sechs Monaten insbesondere gegenüber dem Immobiliensektor, dem Verarbeitenden Gewerbe und dem Handel verschärft wurden. Innerhalb der Industrie waren die Autohersteller und energieintensive Unternehmen besonders betroffen.
Einzelhandel besonders stark betroffen
Am schwierigsten ist die Lage nach den Zahlen von KfW und ifo im Einzelhandel. Mehr als die Hälfte der kreditinteressierten Unternehmen dieser Branche berichtete von Einschränkungen bei der Finanzierung.
Viele Händler kämpfen weiterhin mit zurückhaltenden Verbrauchern, hohen Personalkosten, steigenden Mieten und zusätzlichen Ausgaben für Energie und Logistik. Gleichzeitig müssen sie in ihre Geschäfte, digitale Vertriebskanäle und moderne Warenwirtschaftssysteme investieren.
Auch im Verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich erreichten die Finanzierungshürden historische Höchststände. Im Mittelstand des Verarbeitenden Gewerbes bezeichneten 40,8 Prozent der Unternehmen das Verhalten ihrer Banken als restriktiv. Bei den Dienstleistern waren es 42,4 Prozent.
Viele Unternehmen verzichten inzwischen auf Kredite
Die hohen Hürden führen nicht nur dazu, dass Kredite abgelehnt werden. Immer mehr Mittelständler verzichten von vornherein darauf, eine Finanzierung anzufragen.
Nur noch 27 Prozent der mittelständischen Unternehmen würden grundsätzlich einen Bankkredit zur Finanzierung von Investitionen in Betracht ziehen. Im Jahr 2023 waren es noch 42 Prozent, 2017 sogar 66 Prozent. Die Bereitschaft zur Kreditaufnahme befindet sich damit auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren.
Besonders deutlich ist der Rückgang bei Kleinstunternehmen mit höchstens zehn Beschäftigten. Von ihnen ziehen ebenfalls nur noch 27 Prozent eine Kreditfinanzierung in Betracht. Im Jahr 2017 lag der Anteil bei 69 Prozent.
Viele Unternehmer wollen zusätzliche Schulden vermeiden. Andere sehen sich durch umfangreiche Offenlegungspflichten abgeschreckt. Rund 30 Prozent kritisieren, Banken und Sparkassen verlangten zu viele Informationen und Nachweise. 2023 hatte dieser Anteil noch bei 17 Prozent gelegen.
Investitionsbedarf ist vorhanden
Die Zurückhaltung steht in einem deutlichen Gegensatz zum tatsächlichen Modernisierungsbedarf. In einer gemeinsamen Befragung der KfW und mehrerer Wirtschaftsverbände gaben 92 Prozent der Unternehmen an, grundsätzlich investieren zu müssen.
Für die kommenden zwölf Monate planten jedoch nur 61 Prozent konkrete Projekte. Besonders häufig sehen die Betriebe Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Dennoch bleiben neue Software, automatisierte Produktionsabläufe und moderne Kommunikationssysteme vielfach in der Warteschleife.
Nur 24 Prozent der befragten Unternehmen bezeichneten die Aufnahme eines Kredits als leicht. Zwei Jahre zuvor waren es noch 32 Prozent. Etwa jedes vierte Unternehmen bewertete den Kreditzugang bereits als schwierig. Je kleiner der Betrieb, desto größer waren die Finanzierungsprobleme.
Digitalisierung hängt von eigenen Rücklagen ab
Gerade bei digitalen Projekten verlassen sich Mittelständler besonders stark auf das eigene Geld. Solche Vorhaben sind für Banken schwerer zu bewerten als der Kauf einer Maschine oder eines Firmengebäudes.
Eine Maschine kann im Notfall verkauft und als Sicherheit verwertet werden. Bei Software, Schulungen, Datenprojekten oder der Neugestaltung betrieblicher Abläufe ist das erheblich schwieriger.
Nach einer KfW-Untersuchung werden Digitalisierungsvorhaben deshalb zu einem größeren Anteil aus internen Mitteln und zu einem geringeren Anteil über Bankkredite finanziert als klassische Sachinvestitionen. Fehlen ausreichende Rücklagen oder ein stabiler Geldfluss, werden digitale Projekte verkleinert, verschoben oder vollständig gestrichen.
Ablehnungsquote für Unternehmenskredite steigt
Auch die Bundesbank bestätigt eine strengere Kreditvergabe. Die im Bank Lending Survey befragten Institute verschärften im zweiten Quartal ihre internen Richtlinien für Unternehmenskredite.
Neben gestiegenen Zinsen und höheren Margen für risikoreichere Finanzierungen wurden auch vertragliche Zusatzbedingungen verschärft. Solche Vereinbarungen können Unternehmen beispielsweise dazu verpflichten, bestimmte Eigenkapitalquoten, Verschuldungsgrenzen oder Geschäftszahlen einzuhalten.
Gleichzeitig stieg die Ablehnungsquote für Unternehmenskredite erneut an. Bei kleinen und mittleren Unternehmen ging die Nachfrage nach Krediten nach Angaben der Banken etwas zurück. Der insgesamt gemeldete Nachfrageanstieg im Firmenkundengeschäft ging ausschließlich auf große Unternehmen zurück.
Aus Vorsicht droht ein gefährlicher Kreislauf
Dass Banken bei steigenden Risiken genauer prüfen, ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar. Für die Gesamtwirtschaft kann daraus dennoch ein problematischer Kreislauf entstehen.
Unternehmen investieren weniger, weil Kredite schwerer zu erhalten oder zu teuer sind. Ohne Investitionen bleiben Produktivitätssteigerungen aus, Maschinen veralten und notwendige Digitalisierungsprojekte werden verschoben. Dadurch sinkt die Wettbewerbsfähigkeit, was wiederum die wirtschaftliche Lage und die Bonität der Betriebe verschlechtert.
Besonders für den Mittelstand ist diese Entwicklung gefährlich. Viele Familienunternehmen besitzen keinen direkten Zugang zum Kapitalmarkt und können keine Anleihen oder neuen Aktien ausgeben. Sie sind bei größeren Investitionen auf ihre Hausbank, Sparkasse oder Förderkredite angewiesen.
Bleibt der Kreditzugang dauerhaft schwierig, drohen nicht nur einzelne Modernisierungsprojekte auszufallen. Die Finanzierungsschwäche könnte den ohnehin verhaltenen wirtschaftlichen Aufschwung zusätzlich bremsen und den Abstand zu international stärker investierenden Wettbewerbern vergrößern.
Quellen
KfW Research – „Vier von zehn Mittelständlern beklagen schweren Zugang zu Krediten“, veröffentlicht am 7. Juli 2026.
Deutsche Bundesbank – „Juli-Ergebnisse der Umfrage zum Kreditgeschäft in Deutschland“, veröffentlicht am 21. Juli 2026.
KfW Research – „Unternehmen vermelden hohe Investitionsbedarfe, aber niedrige Investitionsplanungen“, veröffentlicht am 1. Juli 2026.
KfW Research – „Immer weniger mittelständische Unternehmen wollen einen Kredit aufnehmen“, veröffentlicht am 14. April 2026.
KfW Research – „Finanzierung von Digitalisierungsvorhaben: starke Abhängigkeit von der Verfügbarkeit interner Mittel“, veröffentlicht am 22. Juli 2026.