Die wirtschaftliche Lage der ostdeutschen Chemieindustrie verschärft sich. Nach einer aktuellen Umfrage des Verbandes der Chemischen Industrie Nordost plant jedes zweite befragte Chemie- und Pharmaunternehmen, seine Investitionen in Deutschland in den Jahren 2026 und 2027 zu reduzieren. Mehr als jedes dritte Unternehmen erwägt, Investitionen teilweise oder vollständig ins Ausland zu verlagern.

Nur jedes zehnte Unternehmen will mehr investieren

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Vertrauensverlust in den Standort Deutschland. Lediglich jedes zehnte befragte Unternehmen plant, seine Investitionen im Inland auszuweiten.

Als größtes Hindernis gelten die hohen Kosten. Neun von zehn Unternehmen bewerten sie als eher oder stark negativen Einfluss auf ihre Investitionsentscheidungen. Drei Viertel sehen auch die deutsche Energie- und Klimapolitik kritisch.

Das ist für Ostdeutschland besonders problematisch. Chemieanlagen werden für Jahrzehnte geplant und erfordern hohe Anfangsinvestitionen. Werden neue Produktionslinien, Labore oder Anlagen nicht mehr in Deutschland gebaut, fehlen später nicht nur Arbeitsplätze. Auch Aufträge für regionale Handwerker, Anlagenbauer, Logistiker und Dienstleister gehen verloren.

Bürokratie wird zum Innovationshemmnis

Besonders deutlich fällt die Kritik an Regulierung und Verwaltungsverfahren aus. 85 Prozent der Unternehmen empfinden Bürokratie und Regulierung als schwere oder sehr schwere Belastung.

Sieben von zehn Betrieben sehen darin zugleich das größte Hemmnis für Innovationen. 55 Prozent nennen die Genehmigungspraxis als Belastung. Hohe Rohstoffkosten sowie Steuern und Abgaben werden jeweils von 60 Prozent der Unternehmen genannt, Energiekosten von 50 Prozent.

Für Unternehmen bedeutet das: Selbst wenn Kapital und technische Konzepte vorhanden sind, können Projekte durch lange Verfahren, wechselnde Vorgaben und zusätzliche Berichtspflichten verzögert werden. Im internationalen Wettbewerb kann bereits ein mehrjähriger Genehmigungsvorsprung darüber entscheiden, in welchem Land eine neue Anlage entsteht.

Nur gut 20 ostdeutsche Unternehmen ausgewertet

Die Zahlen müssen dennoch eingeordnet werden. An der bundesweiten VCI-Umfrage beteiligten sich rund 250 Chemie- und Pharmaunternehmen. Für die regionale Auswertung wurden die Antworten von gut 20 ostdeutschen Teilnehmern gesondert betrachtet.

Die Umfrage ist damit ein deutliches Warnsignal, aber keine vollständige Erhebung aller ostdeutschen Chemiebetriebe. Welche Unternehmen konkret Investitionen streichen oder eine Verlagerung prüfen, gab der Verband nicht bekannt.

Die Ergebnisse passen allerdings zu den Warnungen, die aus der Branche seit Monaten zu hören sind. Besonders energieintensive Unternehmen berichten von erheblichen Wettbewerbsnachteilen gegenüber Standorten mit günstigeren Strom- und Gaspreisen.

Sachsen-Anhalt besonders abhängig von der Branche

Die Chemie- und Pharmaindustrie gehört zu den wichtigsten Industriezweigen Ostdeutschlands. Nach Angaben der Nordostchemie arbeiten rund 55.600 Menschen in etwa 405 ostdeutschen Chemie- und Pharmabetrieben.

Ein Drittel der Beschäftigten arbeitet in Sachsen-Anhalt, etwa ein Fünftel in Sachsen. Die ostdeutschen Betriebe stehen für rund 14 Prozent des deutschen Branchenumsatzes und zwölf Prozent der Beschäftigung.

Besonders groß ist die Bedeutung in Sachsen-Anhalt. Dort erwirtschaften Chemie, Pharma und Raffinerien nach Angaben des Landes und der Verbände rund zwei Fünftel des industriellen Gesamtumsatzes. Ganze Regionen sind von den Standorten in Leuna, Schkopau, Bitterfeld-Wolfen und Wittenberg abhängig.

Eine Investitionsschwäche würde deshalb nicht nur einzelne Unternehmen treffen. Sie könnte sich auf Kommunalfinanzen, Zulieferer, Ausbildungsplätze und den regionalen Arbeitsmarkt auswirken.

Sachsen und Brandenburg ebenfalls betroffen

Auch Sachsen verfügt über wichtige Chemie- und Pharmastandorte. Dazu gehören Unternehmen in Dresden, Nünchritz, Schwarzheide, Böhlen und weiteren Industriezentren.

In Brandenburg ist vor allem der Standort Schwarzheide von großer Bedeutung. Dort hängen Industriearbeitsplätze, Zulieferbetriebe und Infrastruktur eng mit der Chemieproduktion zusammen.

Gerade kleinere ostdeutsche Standorte sind häufig besonders verletzlich. Fällt ein großer Arbeitgeber aus oder verlagert eine Produktionslinie, gibt es vor Ort kaum vergleichbare Ersatzarbeitsplätze mit ähnlichem Lohnniveau.

Die Pharmabranche zeigt ein anderes Bild

Nicht alle Teile der Branche befinden sich in derselben Lage. Während Grundstoffchemie und besonders energieintensive Produktion stark unter Kosten leiden, zeigt sich die Pharmasparte teilweise robuster.

So kündigte der Pharmakonzern Merz eine Investition von mehr als 100 Millionen Euro am Standort Dessau-Roßlau an. Dort sollen rund 150 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

Das Beispiel zeigt, dass Investitionen in Ostdeutschland weiterhin möglich sind. Entscheidend sind jedoch die jeweilige Kostenstruktur, das Produkt, die internationale Nachfrage und die Planungssicherheit am Standort.

Jedes zweite Unternehmen erwartet sinkende Erträge

Auch der wirtschaftliche Ausblick bleibt schwach. Die Hälfte der befragten Unternehmen rechnet mit sinkenden Erträgen. Nur jedes fünfte erwartet eine Verbesserung.

Beim Umsatz halten sich Optimisten und Pessimisten nahezu die Waage. Bundesweit lag die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie im ersten Halbjahr 2026 drei Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Investitionen gingen bereits das dritte Jahr in Folge zurück.

Sinkende Erträge schränken die Fähigkeit der Unternehmen ein, neue Anlagen, Forschung oder klimafreundlichere Produktionsverfahren zu finanzieren. Damit kann aus einer kurzfristigen Ertragsschwäche ein langfristiger Standortnachteil werden.

Scharfe Kritik an Bundesregierung und EU

Die ostdeutschen Teilnehmer bewerten die Wirtschaftspolitik ausgesprochen kritisch. 65 Prozent geben der Bundesregierung die Noten „mangelhaft“ oder „ungenügend“. Bei der EU-Kommission liegt dieser Anteil sogar bei 75 Prozent.

Acht von zehn Unternehmen sind der Ansicht, die Bundesregierung nehme die Gefahr einer Deindustrialisierung nicht ausreichend ernst. Bei der EU-Kommission teilen neun von zehn Befragten diese Einschätzung.

Der Verband fordert weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen und international wettbewerbsfähige Energiepreise. Ohne verlässliche Rahmenbedingungen werde Kapital künftig häufiger an anderen Standorten eingesetzt.

Chemie ist Grundlage vieler Wertschöpfungsketten

Die Bedeutung der Branche reicht weit über Chemieparks hinaus. Chemische Grundstoffe werden für Medikamente, Kunststoffe, Farben, Baustoffe, Düngemittel, Batterien und zahlreiche industrielle Produkte benötigt.

Wird die Produktion ins Ausland verlagert, steigt zugleich die Abhängigkeit von Importen. Das kann bei Lieferkettenstörungen oder geopolitischen Konflikten zu neuen Risiken führen.

Eine industrielle Strategie muss deshalb nicht nur Klimaziele betrachten. Sie muss auch Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherung regionaler Wertschöpfung berücksichtigen.

Chemie- und Raffineriepakt soll Standorte sichern

Im April unterzeichneten Vertreter der Industrie, Gewerkschaften, Verbände und des Landes Sachsen-Anhalt einen Chemie- und Raffineriepakt für Ostdeutschland.

Zu den Zielen gehören die Sicherung von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung, eine zuverlässige Energieversorgung, schnellere Genehmigungsverfahren und ein systematischer Abbau von Bürokratie.

Ob daraus rasch konkrete Entlastungen entstehen, bleibt offen. Für Investitionsentscheidungen benötigen Unternehmen nicht nur politische Erklärungen, sondern berechenbare Preise, verbindliche Verfahren und dauerhaft gültige Regeln.

Abwanderung beginnt oft schleichend

Eine industrielle Verlagerung geschieht selten durch die sofortige Schließung eines gesamten Werkes. Häufig beginnt sie damit, dass eine neue Anlage nicht mehr am bestehenden Standort gebaut wird.

Später folgen Forschung, Wartung und weitere Produktionsschritte dem neuen Standort. Das alte Werk verliert schrittweise an Bedeutung, bis größere Einschnitte kaum noch zu verhindern sind.

Genau deshalb ist die Investitionszurückhaltung der Unternehmen so ernst zu nehmen. Heute nicht gebaute Anlagen können in einigen Jahren fehlende Arbeitsplätze und geringere Steuereinnahmen bedeuten.

Ostdeutschland braucht wettbewerbsfähige Industriepolitik

Ostdeutschland hat sich nach den massiven industriellen Brüchen der Nachwendezeit neue leistungsfähige Chemie- und Pharmastandorte aufgebaut. Diese Entwicklung darf nicht erneut durch dauerhaft ungünstige Standortbedingungen gefährdet werden.

Die Unternehmen verlangen keine Garantie auf Gewinne. Sie erwarten jedoch, dass Investitionen in Deutschland wirtschaftlich kalkulierbar bleiben.

Günstigere und verlässlichere Energie, schnellere Genehmigungen, weniger Berichtspflichten und ein wettbewerbsfähiges Steuersystem wären deshalb keine Sonderhilfen für einzelne Konzerne. Sie wären eine Voraussetzung dafür, dass industrielle Wertschöpfung und gut bezahlte Arbeitsplätze im Osten erhalten bleiben.

Quellen

  1. VCI Nordost: „Jedes zweite Chemieunternehmen im Osten will weniger in Deutschland investieren“, 27. Juli 2026.
  2. Nordostchemie: Zahlen und Fakten zur Chemie- und Pharmaindustrie in Ostdeutschland.
  3. VCI Nordost, Arbeitgeberverband Nordostchemie, IGBCE, en2x und Land Sachsen-Anhalt: Chemie- und Raffineriepakt Ostdeutschland, 14. April 2026.