Seifhennersdorf ist bis heute ein Zentrum des deutschen Klavierbaus. In der Oberlausitzer Stadt entstehen Instrumente von C. Bechstein, deren Fertigung auf eine lange örtliche Tradition zurückgreift. Die heutige Manufaktur verbindet damit Industriegeschichte, hoch spezialisiertes Handwerk und eine der international bekanntesten deutschen Klaviermarken.
Seifhennersdorfs Klaviergeschichte begann vor Bechstein
Die Geschichte der Klavierproduktion in Seifhennersdorf ist älter als die Verbindung mit C. Bechstein. Eine entscheidende Rolle spielte die Marke Zimmermann.
Max und Richard Zimmermann gründeten ihre Pianofortefabrik 1884 zunächst in der Nähe von Leipzig. Das Unternehmen wuchs stark und eröffnete später weitere Produktionsstandorte, darunter ein Werk in Seifhennersdorf. Nach Darstellung von C. Bechstein gehörte Zimmermann bereits rund zwei Jahrzehnte nach seiner Gründung zu den bedeutenden europäischen Klavierherstellern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Seifhennersdorfer Betrieb 1946 zum VEB Sächsische Pianofortefabrik Seifhennersdorf. Auch in der DDR blieb die Stadt damit ein bedeutender Standort für den Bau von Klavieren. Zimmermann-Instrumente aus Seifhennersdorf wurden auch in Westdeutschland und Westeuropa verkauft.
C. Bechstein kommt 1992 nach Seifhennersdorf
C. Bechstein selbst wurde nicht in der Oberlausitz gegründet. Der Instrumentenbauer Carl Bechstein eröffnete seine eigene Werkstatt am 1. Oktober 1853 in Berlin. Bereits wenige Jahre später entwickelte sich die Firma zu einem international bekannten Hersteller von Klavieren und Konzertflügeln.
Die entscheidende Verbindung zu Seifhennersdorf entstand nach der deutschen Wiedervereinigung. 1992 übernahm C. Bechstein die ehemalige Sächsische Pianofortefabrik sowie die Marke Zimmermann. Schrittweise wurde anschließend die deutsche Produktion nach Sachsen verlagert.
Damit trafen zwei große Traditionen aufeinander: die seit dem 19. Jahrhundert gewachsene Klavierbaugeschichte Seifhennersdorfs und die 1853 in Berlin begründete Geschichte von C. Bechstein.
Nach Unternehmensangaben wurden mehr als 20 Millionen Euro in die Qualifizierung der Mitarbeiter sowie in Modernisierung und Ausbau der sächsischen Manufaktur investiert. Seifhennersdorf entwickelte sich damit zum zentralen deutschen Fertigungsstandort des Unternehmens.
Rund 150 Fachleute bauen Klaviere und Flügel
Ein hochwertiger Flügel entsteht nicht an einem einzigen Arbeitsplatz. Holzverarbeitung, akustischer Anlagenbau, Mechanik, Klaviatur, Regulierung und Intonation greifen ineinander.
C. Bechstein nennt für die Manufaktur in Seifhennersdorf ein Team von rund 150 spezialisierten Handwerkern und Technikern. Dabei verbindet der Hersteller traditionelle Arbeitsschritte mit moderner Fertigungs- und Entwicklungstechnik.
Vom akustischen Körper über Klaviatur und Mechanik bis zur abschließenden Regulierung von Anschlag und Klang werden zahlreiche Arbeitsschritte innerhalb der eigenen Fertigung ausgeführt. Das Unternehmen setzt bewusst auf eine hohe Fertigungstiefe und will seine Unabhängigkeit von Zulieferern weiter erhöhen.
Auch Entwicklung findet in Seifhennersdorf statt. Nach Angaben von C. Bechstein wurden beispielsweise die aktuellen Klavier- und Flügelkonstruktionen der Marke W. Hoffmann im Kompetenz- und Produktionszentrum Seifhennersdorf entwickelt.
Bechstein baut den Standort weiter aus
Die Geschichte der Pianofortefabrik ist nicht abgeschlossen. Beim 170-jährigen Unternehmensjubiläum 2023 kündigte C. Bechstein einen deutlichen weiteren Ausbau der Manufaktur an.
Vorstandschef Stefan Freymuth sprach damals davon, die Produktionsfläche in Seifhennersdorf um mehr als drei Viertel der vorhandenen Fläche erweitern zu wollen. Dafür seien Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe vorgesehen.
Auch architektonisch soll der Standort aufgewertet werden. Das mit der Planung beteiligte Büro GRAFT führt derzeit eine Erweiterung der Seifhennersdorfer Manufaktur als laufendes Projekt. Vorgesehen sind unter anderem zusätzliche Produktionskapazitäten, ein repräsentativer Eingangsbereich und ein zweigeschossiger Präsentationsraum, der sich auch für Konzerte nutzen lässt.
Damit setzt Bechstein ein deutliches Zeichen für den Standort in der Oberlausitz. Aus einer traditionsreichen Fabrik soll nicht nur weiterhin produziert werden; auch Entwicklung, Präsentation und Musik sollen stärker miteinander verbunden werden.
Warum Seifhennersdorf eine Klavierstadt ist
Die Bedeutung des Klaviers endet in Seifhennersdorf nicht am Werkstor. C. Bechstein veranstaltet am Standort regelmäßig Konzerte und kulturelle Veranstaltungen. Mit der VielHarmonie an der Mandau besitzt das Unternehmen zudem einen eigenen Veranstaltungsort in der Stadt.
Hinzu kommt die Ausbildung von Fachkräften. Die Manufaktur ist Ausbildungs- und Wissensstandort für den Klavierbau; auch die C. Bechstein Technikerakademie führt 2026 wieder Fachveranstaltungen in Seifhennersdorf durch.
Seifhennersdorf ist also nicht der Geburtsort von C. Bechstein. Die Stadt ist heute aber einer der wichtigsten Orte dieser mehr als 170 Jahre alten deutschen Klaviertradition. Hier trifft die Geschichte von Zimmermann und der Sächsischen Pianofortefabrik auf modernes Bechstein-Handwerk.
Gerade deshalb passt der Begriff Klavierstadt Seifhennersdorf: In einer kleinen Stadt unmittelbar an der deutsch-tschechischen Grenze entstehen Instrumente, die ihren Weg von der Oberlausitz zu Pianisten, Musikhochschulen und Konzertsälen weit über Deutschland hinaus finden.
Quelle: C. Bechstein Pianoforte AG, C. Bechstein Pianofortemanufaktur GmbH, GRAFT Gesellschaft von Architekten mbH