Auf den Feldern Mecklenburg-Vorpommerns läuft die Ernte, doch gute Erträge allein entscheiden längst nicht darüber, ob sich ein Jahr für die Bauern rechnet. Niedrige Preise für Getreide und andere Agrarprodukte treffen auf weiterhin hohe Kosten für Dünger, Energie, Technik und Investitionen. Landwirtschaftsminister Till Backhaus zieht am heutigen Dienstag in Schwerin Bilanz über die aktuelle Lage der Branche.

Die Landwirtschaft gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Flächenlandes. Gerade außerhalb der größeren Städte prägen Betriebe, Verarbeiter und Lebensmittelunternehmen ganze Regionen.

Doch die wirtschaftlichen Bedingungen haben sich verändert.

Getreidepreise deutlich unter früherem Niveau

Ein zentrales Problem sind die Erlöse.

Für Brotweizen wurden in Mecklenburg-Vorpommern zuletzt rund 172 Euro je Tonne genannt. 2023 waren es noch etwa 225 Euro.

Auch andere Getreidesorten verloren deutlich an Wert. Qualitätsweizen sank im Vergleich von rund 237 auf 176 Euro je Tonne, Eliteweizen von 253 auf etwa 188 Euro.

Besonders drastisch war die Entwicklung bei Kartoffeln. Dort fiel der durchschnittliche Erzeugerpreis von etwa 35 Euro je Dezitonne im Jahr 2023 auf rund 13 Euro.

Für einen Landwirtschaftsbetrieb bedeutet das: Selbst eine mengenmäßig gute Ernte kann wirtschaftlich enttäuschen, wenn der Marktpreis gleichzeitig deutlich niedriger liegt.

Dünger bleibt teuer

Auf der Kostenseite zeigt sich teilweise die entgegengesetzte Entwicklung.

Kalkammonsalpeter verteuerte sich nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums von durchschnittlich 309 Euro je Tonne im Jahr 2024 auf rund 366 Euro Anfang 2026.

Harnstoff stieg im gleichen Zeitraum von etwa 447 auf mehr als 530 Euro je Tonne.

Die Bauern geraten dadurch in eine schwierige wirtschaftliche Schere.

Sie erhalten für einzelne Produkte weniger Geld, müssen gleichzeitig aber für wichtige Betriebsmittel mehr bezahlen.

Diesel, Maschinen und Personal kommen hinzu

Dünger ist nur ein Teil der Rechnung.

Landwirte müssen Saatgut, Pflanzenschutz, Diesel, Maschinen, Reparaturen, Versicherungen, Personal und Finanzierungskosten bezahlen.

Moderne Landwirtschaft benötigt zudem erhebliche Investitionen.

Traktoren, Mähdrescher und andere Spezialmaschinen kosten schnell mehrere hunderttausend Euro. Stallanlagen oder neue Umwelttechnik können Investitionen in Millionenhöhe erforderlich machen.

Schon moderate Preisveränderungen wirken sich deshalb bei großen Betrieben erheblich auf das Jahresergebnis aus.

Wetter wird immer schwerer kalkulierbar

Hinzu kommt ein Faktor, den kein Landwirt beeinflussen kann: das Wetter.

Längere Trockenphasen können Erträge reduzieren. Starkregen wiederum kann Erntearbeiten verzögern oder die Qualität des Getreides beeinträchtigen.

Hohe Temperaturen erhöhen zusätzlich das Risiko von Feld- und Erntebränden.

Für Bauern bedeutet das immer größere Schwankungen.

Was bei Aussaat und Düngung noch nach einem guten Jahr aussieht, kann wenige Monate später durch Trockenheit, Starkregen oder extreme Temperaturen völlig anders bewertet werden.

Mehr als 100.000 Arbeitsplätze hängen an der Branche

Landwirtschaft ist in Mecklenburg-Vorpommern weit mehr als ein Zusammenschluss einzelner Bauernhöfe.

Entlang der gesamten Land- und Ernährungswirtschaft hängen nach Angaben der Landesregierung mehr als 100.000 Arbeitsplätze an der Branche.

Dazu gehören neben den landwirtschaftlichen Betrieben unter anderem Molkereien, Schlachthöfe, Lebensmittelproduzenten, Landtechnikunternehmen, Speditionen und Händler.

Gerade im ländlichen Raum ist diese Wertschöpfung besonders wichtig.

Wenn größere Landwirtschaftsbetriebe wirtschaftlich unter Druck geraten, spüren das deshalb häufig auch andere Unternehmen und Gemeinden.

Auch die Tierhaltung befindet sich im Wandel

Besonders sichtbar ist der Strukturwandel bei der Rinderhaltung.

Zwischen 2015 und 2025 sank der Rinderbestand in Mecklenburg-Vorpommern von rund 561.000 auf etwa 444.000 Tiere.

Das entspricht einem Rückgang um ungefähr ein Fünftel.

Gleichzeitig gehören die verbliebenen Milchviehbetriebe zu den leistungsstärkeren in Deutschland.

Im Frühjahr 2026 wurden im Land rund 145.000 Milchkühe gehalten. Die durchschnittliche Milchleistung lag bei etwa 10.500 bis 10.800 Kilogramm je Kuh und Jahr.

Damit zeigt sich ein grundlegender Trend: weniger Tiere, höhere Leistung und größere Anforderungen an die einzelnen Betriebe.

Landwirtschaft wird zunehmend zur politischen Frage

Die Lage der Bauern bekommt 2026 zusätzliche politische Bedeutung.

Mecklenburg-Vorpommern wählt im September einen neuen Landtag.

Landwirtschaft, Bürokratie, Energiepreise, Flächenpolitik und die Zukunft des ländlichen Raumes dürften deshalb im Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen.

Der Bauernverband hat bereits angekündigt, die Zukunft von Acker, Stall und Dorf stärker zum politischen Thema zu machen.

Dabei geht es nicht nur um einzelne Förderprogramme.

Viele Betriebe verlangen vor allem langfristig verlässliche Rahmenbedingungen.

Bauern beklagen wachsende Bürokratie

Neben Marktpreisen und Kosten gehört Bürokratie zu den häufigsten Kritikpunkten der Landwirtschaft.

Betriebe müssen zahlreiche Dokumentations-, Umwelt-, Tierwohl- und Fördervorgaben erfüllen.

Viele dieser Regeln verfolgen nachvollziehbare Ziele.

Für kleinere Betriebe kann der Verwaltungsaufwand jedoch erheblich sein.

Zeit, die in Dokumentation und Anträge fließt, steht nicht für die eigentliche Arbeit auf Hof und Feld zur Verfügung.

Gerade deshalb fordern Landwirtschaftsverbände seit Jahren einfachere und langfristig verlässliche Regeln.

EU-Agrarpolitik sorgt für zusätzliche Unsicherheit

Auch die zukünftige Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union beschäftigt Mecklenburg-Vorpommerns Bauern.

Noch ist offen, wie die Förderung ab 2028 genau aussehen wird.

Diskutiert werden unter anderem mögliche Kürzungen großer Zahlungen, stärkere Umweltauflagen und veränderte Förderbedingungen.

Für Mecklenburg-Vorpommern ist das besonders relevant.

Viele ostdeutsche Landwirtschaftsbetriebe bewirtschaften vergleichsweise große Flächen. Änderungen bei flächenbezogenen Zahlungen können sie deshalb stärker treffen als kleinteilige Betriebe in anderen Regionen.

Landesregierung besucht morgen mehrere Höfe

Auf die heutige politische Bilanz folgt bereits am Mittwoch der direkte Blick in die Betriebe.

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig will gemeinsam mit Landwirtschaftsminister Till Backhaus und Bauernverbandspräsident Karsten Trunk mehrere Landwirtschaftsunternehmen besuchen.

Geplant sind Stationen in Hagenow, Vielank und Neu Kaliß.

Damit rückt die wirtschaftliche Realität auf den Höfen unmittelbar in den Mittelpunkt.

Gute Ernte bedeutet längst nicht automatisch gutes Jahr

Genau darin liegt die zentrale Herausforderung der Landwirtschaft im Nordosten.

Es reicht nicht, möglichst viel Getreide, Kartoffeln oder Milch zu produzieren.

Entscheidend ist, welcher Preis am Ende dafür bezahlt wird und welche Kosten zuvor entstanden sind.

Sinkende Erzeugerpreise, hohe Betriebsmittelkosten, Wetterrisiken, politische Vorgaben und der Strukturwandel treffen gleichzeitig aufeinander.

Deshalb kann selbst ein Feld voller Getreide am Ende wirtschaftlich ein schlechtes Jahr bedeuten.

Für Mecklenburg-Vorpommern ist diese Entwicklung besonders relevant.

Landwirtschaft prägt große Teile des Landes, sichert Arbeitsplätze und hält wirtschaftliche Strukturen auch dort aufrecht, wo andere Branchen nur schwach vertreten sind.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie gut die diesjährige Ernte ausfällt.

Sie lautet:

Wie können Bauern im Nordosten dauerhaft wirtschaftlich arbeiten, wenn ihre Produkte billiger werden, während viele Kosten weiter steigen?

Quellen

Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern

Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern

Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern

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Überregionaler Wirtschaftsbeitrag zur aktuellen Lage der Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Schwerpunkt sind Erzeugerpreise, Kosten, Wetterrisiken, Tierhaltung und wirtschaftliche Perspektiven.