Seit sechs Jahrzehnten verlassen Trettraktoren, Gokarts und Kinderfahrzeuge das Werk in Neustadt bei Coburg. Ende 2026 soll damit Schluss sein: Der Hersteller Franz Schneider schließt seinen Stammsitz. Für 113 Beschäftigte bedeutet das den Verlust ihres Arbeitsplatzes – für die traditionsreiche Spielzeugregion an der Grenze zwischen Oberfranken und Südthüringen endet ein weiteres Kapitel deutscher Industriegeschichte.

Rettungsversuche im Insolvenzverfahren gescheitert

Die Franz Schneider GmbH & Co. KG stellt die Produktion in Neustadt bei Coburg zum 31. Dezember 2026 ein. Das Unternehmen ist vor allem durch die Marke Rolly Toys und seine Trettraktoren bekannt. Sämtliche zuletzt 113 Beschäftigten sind von der Schließung betroffen.

Bereits Anfang 2026 hatte das Familienunternehmen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Der Betrieb sollte saniert und möglichst am bisherigen Standort fortgeführt werden. Das Amtsgericht Coburg eröffnete das Verfahren am 30. April 2026 und ordnete die Eigenverwaltung an.

Bis zuletzt liefen nach Branchenangaben Gespräche mit möglichen Investoren. Eine Lösung, die den Produktionsstandort erhalten hätte, kam jedoch nicht zustande.

Geschäftsführer Frank Schneider erklärte gegenüber dem „Fränkischen Tag“:

„Die Produktion in Neustadt ist nicht mehr zu retten. Damit geht ein Stück Spielzeuggeschichte verloren.“

Noch offen ist, wer die Marke und Teile des Geschäfts übernimmt. Zwei Interessenten sollen weiterhin im Rennen sein. Die Produktion könnte deshalb an einem anderen Standort fortgesetzt werden – allerdings nicht mehr im bisherigen Werk.

Eine Marke mit fast 90 Jahren Geschichte

Das Unternehmen wurde 1938 gegründet. Die ersten Trettraktoren entstanden 1966. Zuletzt wurden auf einem rund 36.000 Quadratmeter großen Betriebsgelände jährlich etwa 250.000 Kinderfahrzeuge produziert. Dazu gehörten:

  • Trettraktoren und Anhänger,
  • Gokarts und Rutschfahrzeuge,
  • Spielzeug-Baufahrzeuge,
  • Schlitten,
  • lizenzierte Kinderfahrzeuge.

Die Firma warb bis zuletzt mit der Produktion „Made in Germany“ und ihrer engen Verwurzelung im Coburger Land.

Mit der Schließung verschwindet jedoch nicht zwangsläufig die Marke Rolly Toys. Denkbar ist, dass ein Käufer Namen, Formen, Produktrechte und Vertriebsstrukturen übernimmt und die Herstellung an einen günstigeren Standort verlagert.

Für die Beschäftigten in Neustadt bietet eine solche Markenrettung allerdings kaum Sicherheit. Ihre Arbeitsplätze hängen am Werk – nicht allein am Fortbestand des Namens.

Schließung trifft gemeinsame Spielzeugregion

Neustadt bei Coburg liegt nur wenige Kilometer von Sonneberg entfernt. Obwohl das Werk politisch zu Bayern gehört, bilden beide Städte seit Jahrzehnten eine zusammenhängende Wirtschafts- und Kulturregion.

Sonneberg galt bereits im 19. Jahrhundert als Zentrum der deutschen Spielzeugproduktion. Auch Neustadt, Rödental und weitere Orte im Coburger Land entwickelten sich zu wichtigen Standorten für Puppen, Plüschtiere, Modelle und Kinderfahrzeuge.

Die Werksschließung trifft damit eine Region, die bereits mehrfach traditionelle Hersteller verloren oder Produktionsverlagerungen erlebt hat. Betroffen sind nicht nur die unmittelbar Beschäftigten, sondern möglicherweise auch:

  • regionale Zulieferer,
  • Werkzeug- und Formenbauer,
  • Speditionen und Verpackungsfirmen,
  • technische Dienstleister,
  • Einzelhandel und Gastronomie,
  • kommunale Steuereinnahmen.

Wie groß die indirekten Auswirkungen sein werden, ist bislang nicht beziffert. Klar ist jedoch: Mehr als 100 Industriearbeitsplätze sind für eine Stadt mit rund 15.000 Einwohnern ein erheblicher Verlust.

Warum konnte das Werk nicht gerettet werden?

Eine vollständige öffentliche Darstellung der wirtschaftlichen Ursachen liegt bislang nicht vor. Berichte zur Insolvenz nennen schwierige Rahmenbedingungen, steigende Kosten und Wettbewerbsdruck. Zu prüfen bleibt, welchen Anteil Energie, Personal, Rohstoffe, Handelsspannen und günstigere internationale Produktionsstandorte an der Krise hatten.

Gerade Hersteller langlebiger Spielwaren stehen vor einem schwierigen Markt:

  • Kunststoff, Energie und Transporte sind teurer geworden.
  • Händler verlangen wettbewerbsfähige Einkaufspreise.
  • Billigprodukte erhöhen den Preisdruck.
  • Gebrauchte, langlebige Kinderfahrzeuge werden häufig weiterverkauft.
  • Geburtenrückgang und zurückhaltender Konsum begrenzen die Nachfrage.
  • Investitionen in Maschinen und Formen binden viel Kapital.

Diese Faktoren erklären allerdings noch nicht, warum kein tragfähiges Sanierungskonzept gefunden wurde. Von öffentlichem Interesse ist insbesondere, ob potenzielle Investoren wegen des Standorts, der Kostenstruktur oder der notwendigen Investitionen abgesprungen sind.

Ebenso offen bleibt, ob Wirtschaftsförderer und Politik konkrete Möglichkeiten zur Sicherung des Werkes geprüft haben und an welchen Bedingungen diese scheiterten.

Für die Beschäftigten beginnt die schwierigste Phase

Die Produktion soll noch bis Ende Dezember weiterlaufen. Für die Belegschaft bedeutet das mehrere Monate zwischen laufender Arbeit und absehbarer Kündigung.

Viele Beschäftigte verfügen über spezialisiertes Wissen in Kunststoffverarbeitung, Werkzeugbau, Montage, Logistik und Qualitätssicherung. Dieses Wissen könnte für andere Industriebetriebe in Oberfranken und Südthüringen interessant sein.

Entscheidend wird sein, ob Arbeitsagenturen, Kommunen und regionale Unternehmen frühzeitig reagieren. Notwendig sind:

  • gemeinsame Jobbörsen in Bayern und Thüringen,
  • Vermittlung an Industriebetriebe auf beiden Seiten der Landesgrenze,
  • Weiterbildungen für neue Produktionsverfahren,
  • Unterstützung älterer Beschäftigter,
  • Übernahme von Auszubildenden,
  • Beratung bei Arbeitslosigkeit und beruflicher Neuorientierung.

Die Landesgrenze darf dabei kein Hindernis sein. Der Arbeitsmarkt zwischen Sonneberg, Neustadt und Coburg funktioniert längst grenzüberschreitend.

Die Marke bleibt vielleicht – das Werk verschwindet

Die mögliche Fortführung von Rolly Toys verhindert zwar das vollständige Verschwinden einer bekannten Spielzeugmarke. Sie ändert aber nichts am industriellen Verlust vor Ort.

Wenn Produkte künftig andernorts hergestellt werden, bleiben Name und Modelle erhalten. Verloren gehen jedoch Maschinenarbeitsplätze, handwerkliches Wissen und regionale Wertschöpfung.

Für Neustadt und Sonneberg stellt sich deshalb eine größere Frage: Wie kann eine traditionsreiche Industrieregion ihre Unternehmen halten, wenn selbst bekannte Marken und technisch erfahrene Betriebe dem Kostendruck nicht mehr standhalten?

Das Ende von Rolly Toys am bisherigen Standort ist mehr als eine einzelne Insolvenz. Es zeigt, wie schnell aus einer wirtschaftlichen Krise ein dauerhafter Strukturverlust werden kann – selbst dann, wenn die Produkte bundesweit bekannt und weiterhin gefragt sind.

Quellen und Datenbasis

  • Spielwarenmesse: Insolvenzverfahren, gescheiterte Rettungsversuche und 113 betroffene Beschäftigte.
  • Rolly Toys: Unternehmensgeschichte, Standort und bisheriges Bekenntnis zur Produktion in Deutschland.
  • KunststoffWeb: Eröffnung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung durch das Amtsgericht Coburg am 30. April 2026.