Tausende Simson-Fahrer kamen nach Quedlinburg, und AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund führte die Ausfahrt an, während die Gründerfamilie die politische Vereinnahmung ablehnt.
Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD eine große Simson-Ausfahrt in Quedlinburg veranstaltet. Teilnehmer versammelten sich mit Mopeds aus DDR-Produktion auf der Festwiese Kleers.
Nach Angaben von Beobachtern und AfD-Vertretern kamen mehrere Tausend Menschen zu der Veranstaltung. Einzelne Angaben nennen mehr als 5.000 Teilnehmer und Besucher.
Siegmund setzt auf ostdeutsche Identität
Ulrich Siegmund führte die Ausfahrt als Spitzenkandidat der AfD an. Die Partei bewirbt das Simson-Moped als Symbol für Gemeinschaft, Freiheit und ostdeutsches Selbstbewusstsein.
Für viele Besitzer sind Schwalbe, S 50 und S 51 weit mehr als historische Fahrzeuge. Sie erinnern an Jugend, handwerkliche Eigenarbeit und eine Technik, die bis heute auf ostdeutschen Straßen sichtbar ist.
Die AfD greift diese Bindung gezielt auf. Statt einer klassischen Kundgebung verbindet sie Politik mit einer gemeinsamen Ausfahrt und einem regionalen Kulturgut.
Vierte Simson-Ausfahrt im Wahlkampf
Die Veranstaltung in Quedlinburg war bereits die vierte Ausfahrt dieser Art. Vorherige Treffen hatten ebenfalls zahlreiche Fahrer angezogen.
Die Partei verbreitet Bilder und Videos der Touren vor allem über soziale Netzwerke. Dort erreichen historische Fahrzeuge, gemeinsame Ausfahrten und regionale Themen auch junge Nutzer, die die DDR nicht selbst erlebt haben.
Siegmund positioniert die AfD damit als politische Kraft, die ostdeutsche Erfahrungen und Symbole offensiv in den Mittelpunkt stellt. Die Strategie unterscheidet sich deutlich von Wahlkampfauftritten, die fast ausschließlich auf Reden und Parteiprogramme setzen.
Simson-Erben widersprechen der AfD
Die Nachfahren der jüdischen Gründerfamilie Simson lehnen die Verbindung ihres Namens mit der AfD ab. Ihr Sprecher Dennis Baum erklärte bereits öffentlich, die Familie empfinde diese politische Vereinnahmung als Beleidigung.
Die Geschichte des Unternehmens begann lange vor der DDR. Moses und Loeb Simson bauten im 19. Jahrhundert in Suhl einen Industrie- und Fahrzeugbetrieb auf.
Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde die jüdische Familie verfolgt, enteignet und zur Flucht gezwungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand am Standort ein volkseigener Betrieb, der die späteren Kultmopeds produzierte.
Die Familie sieht deshalb nicht nur ein DDR-Erbe, sondern auch eine verdrängte jüdische Unternehmensgeschichte. Aus ihrer Sicht blendet die politische Inszenierung einen wesentlichen Teil dieser Vergangenheit aus.
Simson wird zum politischen Symbol
Der Streit geht über eine einzelne Wahlkampfveranstaltung hinaus. Er berührt die Frage, wem historische Marken, Erinnerungen und Symbole gehören.
Die AfD verweist auf die heutige Bedeutung der Fahrzeuge für viele Ostdeutsche. Ihre Gegner kritisieren den Versuch, ein weit verbreitetes Kulturgut mit einer einzelnen Partei zu verbinden.
Die zahlreichen Teilnehmer in Quedlinburg zeigen, dass das Format Menschen erreicht. Nicht jeder Fahrer muss deshalb ein AfD-Anhänger sein. Die Veranstaltung verschafft der Partei jedoch starke Bilder und große Aufmerksamkeit.
Landtagswahl findet am 6. September statt
Sachsen-Anhalt wählt am 6. September einen neuen Landtag. Die AfD tritt mit Siegmund als Spitzenkandidaten an und will erstmals eine Landesregierung führen.
Die Simson-Ausfahrten gehören zu den auffälligsten Elementen ihres Wahlkampfes. Sie verbinden politische Botschaften mit einem ostdeutschen Alltagsgegenstand, der parteiübergreifend beliebt ist.
Genau darin liegt die Wirkung, aber auch der Konflikt. Die AfD gewinnt Bilder von Gemeinschaft und Heimat, während die Nachfahren der Gründerfamilie gegen die Verbindung ihres Namens mit der Partei protestieren.
Quelle: Veranstaltungsankündigung der AfD Sachsen-Anhalt; öffentliches Statement der Familie Simson; Reuters-Bericht vom 24. August 2026