Mehr als 35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ist die Frage nach einer eigenen ostdeutschen Identität politisch und gesellschaftlich weiterhin präsent. FDP-Vizechefin Linda Teuteberg stellt nun ausgerechnet kurz vor dem Jahrestag des Mauerbaus eine provokante These in den Raum: Die heutige Ostidentität sei nachträglich entstanden. Gleichzeitig wirft die frühere Bundestagsabgeordnete politischen Kräften vor, bestehende Unterschiede zwischen Ost und West für eigene Zwecke zu nutzen.

Teuteberg, die aus Brandenburg stammt und stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP ist, äußerte sich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zu den weiterhin bestehenden Konflikten zwischen Ost- und Westdeutschen.

Ihre zentrale Aussage dürfte dabei weit über die eigene Partei hinaus Diskussionen auslösen: „Die Ostidentität wurde nachträglich erfunden.“

Nach Auffassung Teutebergs hätten sich die Menschen in der DDR vor der deutschen Wiedervereinigung überwiegend nicht als eigenständige gesellschaftliche Gruppe verstanden, sondern als Deutsche innerhalb eines geteilten Landes.

Teuteberg spricht von politischer „Ressentimentpolitik“

Die FDP-Politikerin geht noch weiter. Ihrer Ansicht nach werden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland von politischen Kräften gezielt hervorgehoben und verstärkt.

Teuteberg verweist dabei zunächst auf die PDS, die sich nach der Wiedervereinigung als Interessenvertreterin vieler Ostdeutscher positioniert habe. Heute sieht sie auch die AfD als politische Kraft, die mit ostdeutschen Unzufriedenheiten arbeite.

Die entscheidende Frage sei für sie deshalb, wer tatsächliche oder vermeintliche Unterschiede zwischen Ost und West politisch nutze und daraus ein Geschäftsmodell mache.

Damit berührt die FDP-Vizechefin einen Punkt, der seit Jahren zu den sensibelsten politischen Fragen in den neuen Bundesländern gehört.

Denn obwohl die staatliche Einheit Deutschlands inzwischen mehr als drei Jahrzehnte zurückliegt, zeigen sich bei Einkommen, Vermögen, Unternehmensbesitz und der Besetzung von Führungspositionen weiterhin Unterschiede zwischen Ost und West.

40 Jahre Teilung haben Spuren hinterlassen

Teuteberg bestreitet solche Unterschiede nicht. Sie erkennt ausdrücklich an, dass vier Jahrzehnte deutscher Teilung unterschiedliche Erfahrungen und gesellschaftliche Prägungen hervorgebracht haben.

Nach ihrer Einschätzung benötigen die Folgen dieser jahrzehntelangen Trennung entsprechend Zeit, um überwunden zu werden.

Auch die weiterhin unterschiedlichen Vermögensverhältnisse zwischen Ost und West führt die FDP-Politikerin teilweise auf Entwicklungen vor der Wiedervereinigung zurück.

Während der DDR-Zeit habe es deutlich weniger Möglichkeiten zum privaten Vermögensaufbau gegeben. Diese Ausgangslage wirke bis heute nach.

Teuteberg warnt jedoch davor, sämtliche heutigen Unterschiede ausschließlich als Ergebnis der Entwicklung nach 1990 zu betrachten.

Was bedeutet „ostdeutsch“ heute?

Genau an diesem Punkt dürfte die politische Diskussion beginnen.

Denn Untersuchungen und öffentliche Debatten der vergangenen Jahre zeigen zugleich, dass eine ostdeutsche Identität auch für Menschen eine Rolle spielen kann, die die DDR selbst kaum oder überhaupt nicht erlebt haben.

Noch im Mai 2026 beschäftigte sich die Kinderkommission des Deutschen Bundestages ausdrücklich mit der Frage, welche Bedeutung ostdeutsche Identität für Kinder und Jugendliche besitzt.

Sachverständige kamen dort zu dem Ergebnis, dass die Herkunft aus Ostdeutschland auch mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung identitätsstiftend sein könne. Gleichzeitig sei sie jedoch nur einer von mehreren Bestandteilen persönlicher Identität.

Damit steht Teutebergs These einer gesellschaftlichen Realität gegenüber, in der regionale Herkunft, familiäre Erfahrungen und die Folgen der Transformationsjahre weiterhin eine Rolle spielen.

Landtagswahlen verstärken die Debatte

Politische Brisanz erhält die Diskussion zusätzlich durch die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschlands.

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt, zwei Wochen später folgen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Gerade in den ostdeutschen Bundesländern sind Fragen nach wirtschaftlicher Angleichung, politischer Repräsentation und der Wahrnehmung durch westdeutsch geprägte Institutionen seit Jahren Bestandteil politischer Auseinandersetzungen.

Parteien versuchen dabei auf sehr unterschiedliche Weise, an vorhandene Erfahrungen und Unzufriedenheit anzuknüpfen.

Teutebergs Vorwurf, politische Kräfte würden eine ostdeutsche Identität gezielt für ihre Interessen einsetzen, trifft deshalb mitten in einen ohnehin intensiven Wahlkampf.

Mauerbau jährt sich zum 65. Mal

Der Zeitpunkt ihrer Äußerungen ist bewusst gewählt.

Am 13. August 2026 jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 65. Mal. Am 13. August 1961 begann die DDR-Führung mit der Abriegelung der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin.

Teuteberg bezeichnet den SED-Staat in diesem Zusammenhang als Diktatur und erinnert daran, dass Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit seien.

Sie fordert zugleich, deutlicher zwischen einem demokratischen Rechtsstaat und einer totalitären Diktatur zu unterscheiden.

Bereits in den vergangenen Monaten hatte die FDP-Politikerin wiederholt eine stärkere Auseinandersetzung mit dem SED-Unrecht gefordert. Im Juli sprach sie sich unter anderem dafür aus, die Geschichte der SED-Diktatur stärker in schulischen Lehrplänen sowie in Forschung und Lehre zu verankern.

Eine Debatte, die weit über die FDP hinausgeht

Politisch gehört die FDP gegenwärtig nicht zu den stärksten Kräften in Ostdeutschland. Die von Teuteberg aufgeworfene Frage reicht jedoch weit über die aktuelle Stärke ihrer Partei hinaus.

Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt offen, wie lange gesellschaftliche Unterschiede noch sinnvoll mit den Kategorien Ost und West beschrieben werden können – und ab welchem Punkt diese Unterscheidung selbst dazu beiträgt, bestehende Grenzen aufrechtzuerhalten.

Gleichzeitig lassen sich unterschiedliche Lebensgeschichten und Erfahrungen von Millionen Menschen nicht allein durch den Verweis auf die staatliche Einheit auflösen.

Teutebergs Satz von der „nachträglich erfundenen“ Ostidentität dürfte deshalb Widerspruch ebenso hervorrufen wie Zustimmung.

Die entscheidende Frage hinter der aktuellen Auseinandersetzung lautet letztlich nicht nur, ob es eine eigenständige ostdeutsche Identität gibt. Sondern auch, wer heute bestimmt, was „ostdeutsch“ eigentlich bedeutet.

Quellen

Deutsche Presse-Agentur (dpa), 7. August 2026

Linda Teuteberg / FDP

Deutscher Bundestag, Kinderkommission – Fachgespräch zur ostdeutschen Identität, Mai 2026