Machtkampf um Schloss Bellevue

Ilse Aigner als Bundespräsidentin? CSU feiert ihre Wunschkandidatin – Merz schweigt

CSU erhöht Druck auf Merz

Von Sebastian Krüger 8 Min. Lesezeit

Teilen
Kein Titelbild — Beitrag läuft als Text.  Alt-Text: Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner wird auf dem CSU-Parteitag am 24. Oktober 2026 in München von den Delegierten gefeiert. Sie gilt als Wunschkandidatin der CSU für das Bundespräsidentenamt.
Kein Titelbild — Beitrag läuft als Text. Alt-Text: Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner wird auf dem CSU-Parteitag am 24. Oktober 2026 in München von den Delegierten gefeiert. Sie gilt als Wunschkandidatin der CSU für das Bundespräsidentenamt. Foto: Brecheis / Bayerischer Landtag

Auf dem CSU-Parteitag in München steht ausgerechnet eine Politikerin im Mittelpunkt, die keine große Rede halten muss, um den Saal zu begeistern: Ilse Aigner. Die Präsidentin des Bayerischen Landtags wird von den Delegierten mit stehenden Ovationen gefeiert. CSU-Chef Markus Söder möchte sie zur nächsten Bundespräsidentin machen. Doch Bundeskanzler Friedrich Merz hält sich auffällig zurück. Obwohl der CDU-Vorsitzende Aigner demonstrativ begrüßt, verliert er in seiner Rede kein Wort über ihre mögliche Kandidatur. Damit entwickelt sich die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu einer neuen Machtfrage innerhalb der Union.

Stehende Ovationen für Ilse Aigner

Es ist einer der bemerkenswertesten Momente des CSU-Parteitags am Samstag, 24. Oktober 2026, in München.

Bundeskanzler Friedrich Merz tritt ans Rednerpult. Er beginnt seine Ansprache mit der Begrüßung von CSU-Chef Markus Söder und Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner.

Doch bevor er seine Rede fortsetzen kann, reagieren die Delegierten.

Lautstarker Beifall erfüllt die Halle. Zahlreiche Teilnehmer erheben sich von ihren Plätzen. Aigner steht ebenfalls auf und winkt den Delegierten zu.

Der Jubel dauert ungewöhnlich lange.

Die Botschaft ist unübersehbar: Die CSU möchte Ilse Aigner als Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue sehen.

Dabei hält Aigner selbst auf dem Parteitag keine große Bewerbungsrede.

Ihre mögliche Kandidatur wird vor allem durch die Unterstützung ihrer Partei und ihres Vorsitzenden vorangetrieben.

Merz begrüßt Aigner – und sagt anschließend nichts mehr

Besondere Aufmerksamkeit erhält die Reaktion von Friedrich Merz.

Der Bundeskanzler begrüßt die bayerische Landtagspräsidentin demonstrativ herzlich. Beide kennen sich seit vielen Jahren.

Bei seiner Ankunft kommt es zu einer persönlichen Begrüßung.

Auch die prominent platzierte Erwähnung Aigners zu Beginn seiner Rede bleibt nicht unbemerkt.

Doch wer nach dem lang anhaltenden Applaus mit einer öffentlichen Unterstützung ihrer Kandidatur gerechnet hat, wird enttäuscht.

Merz spricht anschließend über wirtschaftspolitische Herausforderungen, Reformen, internationale Entwicklungen und den politischen Wettbewerb.

Die Frage nach der künftigen Besetzung des Bundespräsidentenamtes lässt er aus.

Weder legt er sich auf Ilse Aigner fest, noch nennt er eine alternative Kandidatin oder einen alternativen Kandidaten.

Dieses Schweigen ist politisch bedeutsam.

Denn während die CSU ihre Wunschkandidatin öffentlich präsentiert, beansprucht auch die CDU weiterhin Einfluss auf die Besetzung des höchsten Staatsamtes.

Söder macht Aigner zur Kandidatin seiner Partei

Markus Söder hatte bereits am Freitag auf dem CSU-Parteitag erneut für Ilse Aigner geworben.

Der bayerische Ministerpräsident unterstützt ihre mögliche Kandidatur seit Monaten.

Aus seiner Sicht verfügt die Landtagspräsidentin über die politische Erfahrung und die persönliche Eignung für das Amt.

Dass der CSU-Parteitag seine Unterstützung mit starkem Beifall begleitet, dürfte Söders Position innerhalb der eigenen Partei zusätzlich stärken.

Der CSU-Vorsitzende weiß allerdings, dass seine Partei die Entscheidung nicht allein treffen kann.

Eine gemeinsame Kandidatur des Regierungslagers müsste zwischen CDU, CSU und SPD abgestimmt werden.

Die politische Ausgangslage ist deshalb komplizierter, als der Jubel in München vermuten lässt.

CDU will das Bundespräsidentenamt nicht einfach der CSU überlassen

Innerhalb der CDU gibt es erhebliche Vorbehalte dagegen, das Amt des Bundespräsidenten an die kleinere Schwesterpartei abzugeben.

Die Christdemokraten stellen mit Friedrich Merz den Bundeskanzler und bilden die mit Abstand größere Partei der Union.

Aus den Reihen der CDU wird deshalb der Anspruch erhoben, selbst eine Persönlichkeit für das Amt vorzuschlagen.

Dabei spielt auch die parteipolitische Machtverteilung eine Rolle.

Die CSU ist ausschließlich in Bayern organisiert, verfügt aber durch ihre bundespolitische Stellung über erheblichen Einfluss.

Sollte mit Ilse Aigner erstmals eine CSU-Politikerin Bundespräsidentin werden, wäre dies ein außergewöhnlicher Erfolg für die bayerische Schwesterpartei.

Zugleich würde die CDU auf ein Amt verzichten, das sie ebenfalls gerne mit einer eigenen Persönlichkeit besetzen würde.

Hinter der öffentlichen Debatte über Eignung und Erfahrung steht deshalb auch ein Konflikt über politischen Einfluss.

Diese Namen werden in der CDU gehandelt

Während die CSU geschlossen hinter Ilse Aigner steht, gibt es aufseiten der CDU bislang keine vergleichbar eindeutige Festlegung.

Als mögliche Kandidatinnen werden unter anderem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und Bundesbildungsministerin Karin Prien genannt.

Auch die frühere CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer gehört zu den Persönlichkeiten, deren Namen in der Debatte auftauchen.

Daneben wird über den hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein sowie weitere mögliche Bewerber gesprochen.

Eine offizielle Nominierung liegt bislang nicht vor.

Für CDU-Chef Friedrich Merz ist die Entscheidung deshalb heikel.

Unterstützt er Aigner, könnte er innerhalb seiner eigenen Partei Widerstand auslösen.

Entscheidet er sich dagegen, riskiert er einen neuen Konflikt mit Markus Söder und der CSU.

Erstmals könnte eine Frau Bundespräsidentin werden

Über die parteipolitischen Interessen hinaus besitzt die bevorstehende Wahl eine historische Dimension.

Seit Einführung des Amtes im Jahr 1949 hat Deutschland noch nie eine Frau als Bundespräsidentin gehabt.

Bislang wurde das Staatsoberhaupt ausschließlich von Männern gestellt.

Mit Ilse Aigner könnte sich das ändern.

Auch innerhalb der SPD wird die Forderung unterstützt, das höchste Staatsamt künftig mit einer Frau zu besetzen.

Der SPD-Politiker Dirk Wiese hat sich für eine Bundespräsidentin ausgesprochen.

Aigner könnte damit grundsätzlich auch außerhalb der Union Zustimmung erhalten.

Vertreter der Grünen haben ebenfalls erkennen lassen, dass sie ihre Person für geeignet halten.

Ob daraus eine tatsächliche Unterstützung bei der Wahl entstehen würde, hängt allerdings von der endgültigen Kandidatenentscheidung und den politischen Verhandlungen ab.

Was qualifiziert Ilse Aigner für das Amt?

Ilse Aigner gehört zu den erfahrensten Politikerinnen der CSU.

Die 61-Jährige ist seit Jahrzehnten in der bayerischen und bundesdeutschen Politik aktiv.

Von 2008 bis 2013 war sie Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Kabinett von Angela Merkel.

Anschließend wechselte sie zurück in die bayerische Landespolitik.

Dort übernahm sie verschiedene Regierungsämter, unter anderem als Wirtschaftsministerin.

Seit 2018 steht sie an der Spitze des Bayerischen Landtags.

Als Landtagspräsidentin nimmt Aigner eine besondere parlamentarische Funktion wahr.

Sie leitet Sitzungen, repräsentiert das Parlament und vertritt dessen institutionelle Interessen.

Damit verfügt sie über Erfahrungen, die für das stärker repräsentativ geprägte Amt des Bundespräsidenten von Bedeutung sein könnten.

Gleichzeitig ist die politische Bewertung einer möglichen Kandidatur nicht allein von beruflichen Stationen abhängig.

Entscheidend wird auch sein, ob Aigner über Parteigrenzen hinweg ausreichend Unterstützung erhält.

Aigner selbst hält sich auffällig zurück

Während Markus Söder offensiv für sie wirbt, vermeidet Ilse Aigner bislang eine förmliche Erklärung ihrer Kandidatur.

Am Rande des Parteitags zeigte sie sich erfreut über den Rückhalt ihrer Partei.

Sie bezeichnete die Reaktion der Delegierten als Bestätigung ihrer jahrzehntelangen politischen Arbeit.

Zugleich stellte sie klar, dass die Entscheidung über eine gemeinsame Kandidatur nicht auf dem CSU-Parteitag getroffen werde.

Dafür seien die Vorsitzenden der beteiligten Parteien zuständig.

Diese Zurückhaltung ist bemerkenswert.

Aigner tritt nicht als offiziell nominierte Bewerberin auf, sondern als Politikerin, deren Kandidatur von einflussreichen Parteifreunden vorangetrieben wird.

Auch eine ausdrückliche persönliche Bewerbung um das Amt ist bislang nicht erfolgt.

Die öffentliche Unterstützung der CSU darf deshalb nicht mit einer bereits beschlossenen Kandidatur verwechselt werden.

Welche Rolle spielt Markus Söders eigene Zukunft?

Die Debatte hat noch eine weitere politische Dimension.

Markus Söder wird immer wieder als möglicher zukünftiger Kanzlerkandidat der Union gehandelt.

Sollte Ilse Aigner Bundespräsidentin werden, könnte dies Söders eigene bundespolitischen Ambitionen erschweren.

Denn eine gleichzeitige Besetzung des Bundespräsidentenamtes und des Kanzleramtes durch zwei CSU-Politiker wäre innerhalb der CDU politisch kaum durchzusetzen.

Andererseits könnte Söder mit einer erfolgreichen Nominierung Aigners seine Durchsetzungsfähigkeit innerhalb der Union demonstrieren.

Für den CSU-Chef ist die Frage deshalb mit mehreren strategischen Überlegungen verbunden.

Die Unterstützung Aigners stärkt seinen Einfluss innerhalb der eigenen Partei.

Ob sie langfristig auch seinen bundespolitischen Interessen dient, ist dagegen offen.

Bundesversammlung wählt am 30. Januar 2027

Die Entscheidung über die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fällt am 30. Januar 2027.

An diesem Tag tritt die Bundesversammlung zusammen.

Sie besteht aus den 630 Mitgliedern des Deutschen Bundestages und einer ebenso großen Zahl von Delegierten, die von den Landesparlamenten gewählt werden.

Damit werden insgesamt 1.260 Mitglieder zur Wahl des neuen Staatsoberhauptes zusammenkommen.

In den ersten beiden Wahlgängen ist die absolute Mehrheit der Mitglieder erforderlich.

Kommt diese nicht zustande, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit.

Die Wahl erfolgt geheim.

Eine Person muss dafür nicht Bundestagsabgeordnete oder Mitglied einer Regierung sein.

Bundespräsident oder Bundespräsidentin kann grundsätzlich werden, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, das Wahlrecht zum Bundestag hat und mindestens 40 Jahre alt ist.

Ilse Aigner würde diese persönlichen Voraussetzungen erfüllen.

Ostdeutschland und die Frage nach politischer Repräsentation

Die Diskussion über die Nachfolge Steinmeiers betrifft nicht nur das Verhältnis zwischen CDU und CSU.

Sie wirft auch die Frage auf, welche Regionen und politischen Erfahrungen an der Spitze des deutschen Staates vertreten sind.

Mehr als 36 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung hat bislang keine in Ostdeutschland politisch verwurzelte Persönlichkeit das Amt des Bundespräsidenten übernommen.

Auch deshalb wird regelmäßig darüber diskutiert, ob die regionale Herkunft bei der Auswahl des Staatsoberhauptes eine größere Rolle spielen sollte.

Allerdings ist das Amt nicht als Interessenvertretung einzelner Bundesländer angelegt.

Der Bundespräsident repräsentiert die gesamte Bundesrepublik und soll parteipolitische wie regionale Gegensätze überbrücken.

Die Herkunft einer Kandidatin oder eines Kandidaten kann deshalb ein politischer Gesichtspunkt sein, ersetzt aber keine Bewertung der persönlichen Eignung.

Mit Ilse Aigner würde eine langjährige Politikerin aus Bayern in das Schloss Bellevue einziehen.

Die ostdeutsche Repräsentation wäre damit erneut nicht unmittelbar gegeben.

Die Union muss sich entscheiden

Der CSU-Parteitag hat gezeigt, wie groß die Unterstützung für Ilse Aigner innerhalb ihrer Partei ist.

Der begeisterte Empfang am Samstag dürfte auch Friedrich Merz deutlich gemacht haben, dass die CSU ihre Wunschkandidatin nicht ohne Weiteres aufgeben wird.

Gleichzeitig bestehen innerhalb der CDU eigene Vorstellungen über die Nachfolge Steinmeiers.

Für die Regierungsparteien kommt hinzu, dass eine gemeinsame Kandidatur politisch abgestimmt werden muss.

Noch ist offen, ob sich CDU, CSU und SPD auf Ilse Aigner einigen können.

Ebenso offen bleibt, ob eine andere Persönlichkeit bessere Chancen auf eine breite Mehrheit erhält.

Fest steht jedoch: Aus einer zunächst parteiinternen Personaldebatte ist eine bundespolitische Machtfrage geworden.

Und während Markus Söder seine Kandidatin öffentlich feiern lässt, setzt Friedrich Merz bislang auf Zurückhaltung.

Der CSU-Parteitag vom 24. Oktober hat deshalb noch keine Bundespräsidentin hervorgebracht.

Er hat aber deutlich gemacht, wie entschlossen die bayerische Schwesterpartei ist, Ilse Aigner auf den Weg ins Schloss Bellevue zu bringen.

Themen: CDUFriedrich MerzBundesregierungCSUMarkus SöderBundesversammlungFrank-Walter SteinmeierUnionIlse AignerBundespräsidentenwahl 2027Schloss BellevuePolitik Deutschland

Teilen

Lesen Sie als Nächstes

Bundesweiter Protesttag am 24. Oktober Proteste an deutschen Flughäfen: Hunderte demonstrieren gegen Abschiebungen nach Afghanistan Abschiebepolitik löst Protestwelle aus

Ihre Meinung

Schreiben Sie uns einen Leserbrief an leserbriefe@ostdeutsche-zeitung.de. Bitte mit vollständigem Namen und Anschrift; veröffentlicht werden nur Name und Wohnort.

Meistgelesen

Politik

Alle Beiträge