Die islamistische Szene in Brandenburg ist nach Einschätzung des Verfassungsschutzes größer geworden. Für das Jahr 2025 ordnet die Behörde rund 260 Personen dem islamistischen Spektrum zu. Im Jahr zuvor waren es noch 225.

Besonders schwer wiegt, dass nach Angaben der Sicherheitsbehörden etwa 200 Personen zum gewaltorientierten Spektrum gezählt werden. Das entspricht mehr als drei Vierteln des gesamten islamistischen Personenpotenzials im Land.

Der Leiter des Brandenburger Verfassungsschutzes, Wilfried Peters, verwies gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg auf einen längerfristigen Anstieg. Demnach lag das Personenpotenzial 2021 noch bei rund 210 Menschen. Inzwischen seien es etwa 260.

Soziale Netzwerke werden zum Einfallstor

Besonders aufmerksam beobachten die Behörden die Radikalisierung junger Menschen im Internet. Islamistische Akteure verbreiten ihre Inhalte über soziale Netzwerke, Messenger-Dienste und Videoplattformen.

Dabei geht es häufig nicht sofort um offene Gewaltaufrufe. Jugendliche werden zunächst mit emotionalen Videos, religiös aufgeladenen Botschaften und einfachen Erklärungen für persönliche oder gesellschaftliche Probleme angesprochen.

Der Verfassungsschutz warnt davor, dass junge Nutzer schrittweise in abgeschottete digitale Gruppen hineingezogen werden können. Dort werden demokratische Werte infrage gestellt, Feindbilder aufgebaut und extremistische Weltanschauungen als vermeintlich einzig richtige Lebensweise dargestellt.

Nach Einschätzung der Behörde zielen solche Botschaften besonders auf Jugendliche, die nach Orientierung, Anerkennung oder Zugehörigkeit suchen. Teilweise erstellen junge Anhänger später selbst Propaganda und verbreiten sie weiter.

Gewaltorientiertes Spektrum bildet die größte Gruppe

Von den rund 260 erfassten Personen werden 200 als gewaltorientiert eingestuft. Weitere 60 Personen ordnet der Verfassungsschutz einem demokratieunterwandernden Spektrum zu.

Das bedeutet nicht automatisch, dass jede als gewaltorientiert eingestufte Person unmittelbar eine Straftat vorbereitet. Die Einordnung beschreibt vielmehr eine grundsätzliche Zustimmung zu Gewalt, eine entsprechende ideologische Ausrichtung oder die Zugehörigkeit zu einem Umfeld, in dem Gewalt gebilligt wird.

Die Polizei geht nach Angaben des RBB derzeit von einer mittleren einstelligen Zahl islamistischer Gefährder in Brandenburg aus. Als Gefährder werden Personen bezeichnet, denen die Behörden schwere politisch motivierte Straftaten bis hin zu Anschlägen zutrauen.

Nordkaukasische Szene im besonderen Fokus

Eine wichtige Rolle spielt in Brandenburg die sogenannte islamistisch-nordkaukasische Szene. Sie ist vor allem innerhalb eines kleinen Teils der tschetschenischen Gemeinschaft entstanden und wird dem salafistischen Spektrum zugerechnet.

Von den 200 gewaltorientierten Islamisten in Brandenburg ordnet der Verfassungsschutz rund 110 Personen dieser nordkaukasischen Szene zu. Die Behörde betont zugleich, dass nur ein sehr kleiner Teil der insgesamt mehrere Tausend Menschen umfassenden tschetschenischen Gemeinschaft in Brandenburg im Fokus des Verfassungsschutzes steht.

Feste Vereine oder klar erkennbare Organisationen dieser Szene seien in Brandenburg bislang nicht vorhanden. Es gebe jedoch Einzelpersonen und Netzwerke, die bundesweit und teilweise international miteinander verbunden seien.

Als Szenemerkmale nennt der Verfassungsschutz unter anderem eine hohe Nähe zu Kampfsport und Waffen, kriminelle Aktivitäten sowie eine teils ausgeprägte Gewaltbereitschaft.

Propaganda auch auf Deutsch und Englisch

Islamistische Propaganda aus dem nordkaukasischen Umfeld wurde lange vor allem auf Russisch oder Tschetschenisch verbreitet. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes konsumieren jüngere Anhänger inzwischen zunehmend auch deutsch- und englischsprachige Inhalte.

Dadurch wächst die Reichweite extremistischer Angebote. Die Inhalte können von Jugendlichen verstanden und weiterverbreitet werden, die kaum oder gar keine Verbindung zum Nordkaukasus besitzen.

Häufig werden religiöse Aussagen mit emotionalen Bildern, kurzen Videos und einer jugendlichen Sprache verbunden. So wirken die Beiträge weniger wie politische Propaganda und eher wie gewöhnliche Inhalte aus dem Alltag sozialer Netzwerke.

Gerade diese unauffällige Verpackung macht die Ansprache für Eltern, Lehrer und Freunde schwerer erkennbar.

Verfassungsschutz sieht sich beim Onlinemonitoring gut aufgestellt

Der Brandenburger Verfassungsschutz erklärt, im Bereich der Beobachtung sozialer Medien gut aufgestellt zu sein. Die Behörde analysiert öffentlich zugängliche Beiträge, Netzwerke, Symbole und Entwicklungen innerhalb extremistischer Szenen.

Für Maßnahmen gegen einzelne Gefährder ist allerdings die Polizei zuständig. Sie kann abhängig von der jeweiligen Gefahrenlage unter anderem Personen ansprechen, überwachen oder weitere Sicherheitsmaßnahmen einleiten.

Die Sicherheitsbehörden stehen dabei vor einem schwierigen Spagat. Einerseits müssen sie Gefahren frühzeitig erkennen. Andererseits dürfen religiöse Überzeugungen oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Herkunftsgruppe nicht pauschal mit Extremismus gleichgesetzt werden.

Islamismus bezeichnet keine Religion, sondern eine politische Ideologie, die religiöse Vorstellungen zur Bekämpfung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nutzt.

Warnzeichen sollten ernst genommen werden

Der Verfassungsschutz nennt verschiedene Veränderungen, die auf eine beginnende Radikalisierung hinweisen können. Dazu gehören eine starke Abschottung vom bisherigen Umfeld, ein plötzliches Schwarz-Weiß-Denken, die Abwertung Andersdenkender oder die intensive Verwendung extremistischer Symbole.

Ein einzelnes Merkmal ist jedoch noch kein Beweis für eine Radikalisierung. Entscheidend ist häufig das Zusammenspiel mehrerer Veränderungen über einen längeren Zeitraum.

Eltern, Lehrer und Freunde sollten deshalb nicht vorschnell verurteilen, auffällige Entwicklungen aber auch nicht ignorieren. Bei konkreten Sorgen empfiehlt der Verfassungsschutz, Beratung und fachliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Prävention muss Jugendliche früh erreichen

Die steigenden Zahlen zeigen, dass Sicherheitsmaßnahmen allein nicht ausreichen. Radikalisierung beginnt häufig lange bevor eine Person als Gefährder eingestuft wird oder eine Straftat begeht.

Jugendarbeit, Schulen, Familien und Beratungsstellen spielen deshalb eine wichtige Rolle. Jugendliche brauchen Ansprechpartner, die extremistische Erzählungen verständlich widerlegen können und gleichzeitig ihre persönlichen Sorgen ernst nehmen.

Besonders wichtig ist Medienkompetenz. Junge Menschen müssen lernen, wie Propaganda funktioniert, wie Inhalte manipuliert werden und warum vermeintlich einfache Antworten häufig dazu dienen, Hass und Abgrenzung zu fördern.

Auch glaubwürdige Stimmen aus muslimischen Gemeinden können helfen, extremistische Deutungen von Religion zurückzuweisen.

Keine pauschale Verdächtigung von Muslimen

Die Entwicklung darf nicht dazu führen, Muslime in Brandenburg unter Generalverdacht zu stellen. Der weit überwiegende Teil der muslimischen Bevölkerung steht nicht im Fokus der Sicherheitsbehörden und lehnt Gewalt sowie Extremismus ab.

Der Verfassungsschutz beobachtet nicht den Islam, sondern islamistische Bestrebungen gegen die demokratische Ordnung.

Diese Trennung ist entscheidend. Pauschale Verdächtigungen können Ausgrenzung fördern und damit genau jene Konflikte verschärfen, die Extremisten für ihre Propaganda nutzen.

Sicherheitsbehörden bleiben gefordert

Mit dem Anstieg von 225 auf rund 260 Personen innerhalb eines Jahres hat sich das islamistische Personenpotenzial in Brandenburg deutlich vergrößert.

Besonders die hohe Zahl der als gewaltorientiert eingestuften Personen und die digitale Ansprache junger Menschen stellen die Sicherheitsbehörden vor wachsende Herausforderungen.

Neben konsequenter Beobachtung und polizeilichem Handeln wird es darauf ankommen, Radikalisierung frühzeitig zu erkennen. Denn wenn Jugendliche erst vollständig in geschlossenen extremistischen Netzwerken angekommen sind, wird es wesentlich schwieriger, sie wieder zu erreichen.

Quellen

Verfassungsschutzbericht des Landes Brandenburg 2025, Ministerium des Innern und für Kommunales Brandenburg, Informationsblatt zur islamistisch-nordkaukasischen Szene sowie Berichterstattung des Rundfunks Berlin-Brandenburg.