Noch vor wenigen Jahren dominierten fehlende Kita-Plätze, lange Wartelisten und Personalmangel die Debatte. In Teilen Ostdeutschlands dreht sich die Situation inzwischen in die entgegengesetzte Richtung. Die Zahl der Kinder fällt so deutlich, dass Einrichtungen um ihre Existenz kämpfen. Besonders sichtbar ist der Umbruch derzeit in Thüringen und Sachsen-Anhalt.
Die Zahlen aus Thüringen zeigen das Ausmaß: Zum 1. März 2025 wurden insgesamt 82.139 Kinder unter 14 Jahren in Kindertageseinrichtungen oder öffentlich geförderter Tagespflege betreut. Das waren 5.023 Kinder beziehungsweise 5,8 Prozent weniger als nur ein Jahr zuvor – der stärkste Rückgang seit Beginn der entsprechenden Statistik im Jahr 2006.
Noch deutlicher fiel die Entwicklung bei den unter Dreijährigen aus. Dort sank die Zahl der betreuten Kinder innerhalb eines Jahres um 10,4 Prozent.
In Gera müssen rund 600 Plätze verschwinden
Wie sich Statistik im Alltag auswirkt, lässt sich bereits in Gera beobachten.
Dort sollen bis 2030 rund 600 Kita-Plätze abgebaut werden. Der DRK-Kindergarten „Kinderwelt“ im Stadtteil Lusan gehört zu den Einrichtungen, die schließen. Kinder und Beschäftigte wechseln in eine andere Kita.
Damit beginnt ein Prozess, der sich in weiteren Thüringer Kommunen wiederholen könnte.
Rund 650 der etwa 1.400 Kindergärten im Freistaat betreuen weniger als 50 Kinder. Gerade solche kleinen Einrichtungen gelten wegen sinkender Belegungszahlen als besonders gefährdet.
Das Problem betrifft vor allem ländliche Regionen.
Schließt dort die einzige Kita, müssen Eltern ihre Kinder möglicherweise täglich mehrere Kilometer in den nächsten Ort fahren.
Aus einem demografischen Problem wird damit schnell ein Standortproblem.
Thüringen versucht kleine Kitas zu retten
Der Thüringer Landtag reagierte Ende Juni mit einer Reform des Kindergartengesetzes.
Kleinere Einrichtungen erhalten zusätzliche finanzielle Unterstützung. Für 2026 und 2027 sind jeweils rund fünf Millionen Euro vorgesehen. Einrichtungen mit weniger als 51 Plätzen können einen zusätzlichen Zuschlag erhalten.
Parallel wird ab dem Kindergartenjahr 2027/28 ein drittes Kindergartenjahr beitragsfrei.
Die Politik versucht damit zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen: Familien sollen entlastet und kleinere Einrichtungen trotz sinkender Kinderzahlen erhalten werden.
Ob das dauerhaft funktioniert, bleibt offen.
Kommunalverbände warnen bereits davor, dass Einmalzahlungen beziehungsweise begrenzte Zuschüsse strukturelle Finanzierungsprobleme nicht lösen. Der Gemeinde- und Städtebund fordert eine stärkere Anpassung der Landesfinanzierung an tatsächliche Kostensteigerungen.
Sachsen-Anhalt erreicht historischen Geburten-Tiefstand
Noch dramatischer entwickelt sich langfristig die Geburtenzahl in Sachsen-Anhalt.
2025 kamen dort nur noch 11.978 Kinder zur Welt.
Das waren 548 beziehungsweise 4,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Seit neun Jahren sinkt die Zahl der Geburten ununterbrochen. Gegenüber 2016 wurden 2025 sogar 6.114 Kinder weniger geboren – ein Rückgang von 33,8 Prozent.
Das Statistische Landesamt spricht vom niedrigsten Geburtenstand seit der Wiedervereinigung.
Gleichzeitig starben 34.865 Menschen. Das Geburtendefizit erreichte damit 22.887 Personen – den höchsten negativen Saldo seit 1990.
Diese Entwicklung wird Kitas noch über Jahre beschäftigen.
Kinder, die 2025 nicht geboren wurden, fehlen ab 2026 und 2027 zunächst in Krippen und später in Kindergärten und Schulen.
Bereits 2.749 weniger betreute Kinder
Schon zum 1. März 2025 sank die Zahl der betreuten Kinder in Sachsen-Anhalt deutlich.
151.543 Kinder besuchten eine der 1.807 Kindertageseinrichtungen. Das waren 2.677 weniger als ein Jahr zuvor. Hinzu kamen 72 Kinder weniger in der öffentlich geförderten Tagespflege. Insgesamt betrug der Rückgang damit 2.749 Kinder innerhalb eines Jahres.
Besonders stark traf die Entwicklung die jüngeren Jahrgänge.
Bei den unter Dreijährigen wurden 2.626 Kinder weniger betreut, bei den Drei- bis unter Sechsjährigen weitere 937 weniger.
Genau diese Altersgruppen bestimmen die Auslastung klassischer Kitas.
Sachsen-Anhalt stellt 26,6 Millionen Euro bereit
Auch Sachsen-Anhalt versucht, Schließungen zu verhindern.
Der Landtag verabschiedete im Januar einstimmig das Gesetz „Kita STABIL“. Allein 2026 erhalten Landkreise und kreisfreie Städte zusätzlich 26,6 Millionen Euro, um das Kita-Netz zu stabilisieren, Personal zu halten und Einrichtungen insbesondere im ländlichen Raum zu sichern.
Die Landesregierung formuliert das Ziel ausdrücklich: Kitas auf dem Land sollen nicht einfach von der Karte verschwinden.
Doch Träger und Gewerkschaften weisen auf einen grundlegenden Widerspruch hin.
Weniger Kinder könnten theoretisch zu kleineren Gruppen und besserer Betreuung führen. Tatsächlich wird Finanzierung jedoch häufig an Kinderzahlen gekoppelt. Sinkt die Belegung, sinken damit auch Einnahmen und Personalbedarf.
Die Folge kann sein, dass aus der eigentlich möglichen Qualitätsverbesserung Stellenabbau oder eine Schließung wird.
Aus Personalmangel könnte Personalüberschuss werden
Noch vor wenigen Jahren suchten Kitas verzweifelt Erzieherinnen und Erzieher.
Jetzt entsteht regional ein völlig neues Problem.
Wenn Einrichtungen weniger Kinder betreuen, werden rechnerisch auch weniger Personalstunden benötigt.
Das kann dazu führen, dass gut ausgebildete Fachkräfte ihre Stellen verlieren oder in andere Regionen wechseln.
Sollten sich die Geburtenzahlen später stabilisieren, könnten genau diese Mitarbeiter wieder fehlen.
Politiker und Träger sprechen deshalb zunehmend von einer „demografischen Rendite“: Frei werdende Personalressourcen könnten genutzt werden, um Gruppen kleiner zu machen und die Betreuung zu verbessern, anstatt Fachkräfte abzubauen.
Der Landesjugendhilfeausschuss Sachsen-Anhalt hat bereits gefordert, sinkende Kinderzahlen für einen verbesserten Personalschlüssel zu nutzen.
Kleine Dorf-Kitas erfüllen mehr als Betreuungsaufgaben
Besonders schwer wiegt die Entwicklung in kleinen Gemeinden.
Eine Kita ist dort häufig mehr als eine Betreuungseinrichtung.
Sie entscheidet darüber, ob ein Ort für junge Familien attraktiv bleibt.
Sie ist Arbeitgeber, sozialer Treffpunkt und teilweise eine der letzten öffentlichen Einrichtungen im Dorf.
Schließt die Kita, verlieren Familien einen Grund, dort zu wohnen oder hinzuziehen.
Damit kann der demografische Wandel einen selbstverstärkenden Effekt entwickeln: weniger Kinder führen zur Schließung der Kita – und eine fehlende Kita macht den Ort wiederum unattraktiver für Familien.
Ostdeutschland steht vor einem historischen Umbau
Thüringen und Sachsen-Anhalt zeigen besonders deutlich, was in den kommenden Jahren auch andere Regionen beschäftigen dürfte.
Der Geburtenrückgang verändert nicht nur Kitas.
Weniger Kindergartenkinder bedeuten einige Jahre später weniger Grundschüler, anschließend kleinere weiterführende Schulen und langfristig weniger Auszubildende und Berufseinsteiger.
Kommunen müssen deshalb entscheiden, welche Infrastruktur sie trotz sinkender Bevölkerungszahlen erhalten wollen.
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr allein, wie viele Kita-Plätze gebraucht werden.
Es geht zunehmend darum, ob Ostdeutschland die sinkenden Kinderzahlen nutzt, um Betreuung qualitativ zu verbessern – oder ob aus dem Geburtenrückgang eine Welle aus Kita-Schließungen, Arbeitsplatzverlusten und längeren Wegen für Familien entsteht.
Quellen
Thüringer Landesamt für Statistik: Kindertagesbetreuung in Thüringen zum 1. März 2025, veröffentlicht am 16. September 2025
Thüringer Landtag: Reform des Kindergartengesetzes, beschlossen am 25. Juni 2026
Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt: Kindertagesbetreuung zum 1. März 2025
Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt: Geburtenentwicklung 2025, veröffentlicht am 29. Mai 2026
Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung Sachsen-Anhalt: Gesetz „Kita STABIL“, 28. Januar 2026
Landesjugendhilfeausschuss Sachsen-Anhalt: Beschluss zur Nutzung sinkender Kinderzahlen für bessere Kita-Qualität