Wer durch die hügelige Landschaft im südlichsten Zipfel des sächsischen Vogtlands reist, ahnt zunächst nicht, dass er sich in einem weltweiten Epizentrum der Musikgeschichte befindet. Das Städtedreieck rund um Markneukirchen, Klingenthal, Bad Brambach und Schöneck wird seit Generationen ehrfurchtsvoll als der sächsische Musikwinkel bezeichnet.

Hier existierte über Jahrhunderte eine beispiellose Konzentration an hochspezialisierten Werkstätten: Nirgendwo sonst auf der Welt wurden auf so engem Raum fast alle Gattungen von Orchester- und Konzertinstrumenten gefertigt – von Streich- und Zupfinstrumenten über Holz- und Metallblasinstrumente bis hin zu Harmonikas und Schlagwerken.

Inhaltsübersicht

  1. Zuflucht und Neubeginn: Wie die Geigenbauer ins Vogtland kamen

  2. Das „Cremona des Nordens“: Der Aufstieg Markneukirchens zur Weltmarke

  3. Von Mundharmonika bis Akkordeon: Die Zungeninstrumente aus Klingenthal

  4. Zwischen DDR-Kombinat und Meisterwerkstatt: Der Wandel im Musikwinkel

  5. Ortspunkte: Auf den Spuren der Töne im Vogtland

  6. Leser-Aufruf: Welches Instrument aus dem Musikwinkel begleitete dich?

Zuflucht und Neubeginn: Wie die Geigenbauer ins Vogtland kamen

Die Geburtsstunde des Musikwinkels liegt im 17. Jahrhundert. Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges und der Gegenreformation mussten viele protestantische Geigenbauer aus dem böhmischen Graslitz (Kraslice) fliehen. Sie fanden im nahegelegenen sächsischen Markneukirchen eine neue Heimat.

Im Jahr 1677 schlossen sich zwölf dieser Exil-Handwerker zur ersten Geigenbauerinnung Deutschlands zusammen. Die Kombination aus reichlich vorhandenem, feinjährigem Bergfichten- und Ahornholz aus den umliegenden Mittelgebirgswäldern und einer extrem ausgeprägten Arbeitsteilung führte rasch zu einem rasanten Aufschwung. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts lieferten die Meister aus Markneukirchen Tausende Violinen, Celli und Kontrabässe in das gesamte europäische Ausland.

Das „Cremona des Nordens“: Der Aufstieg Markneukirchens zur Weltmarke

Um 1900 erlebte Markneukirchen eine Blütezeit von gewaltigem Ausmaß. Der Ort galt als reichste Kleinstadt Deutschlands und verzeichnete prozentual mehr Millionäre als Berlin oder Dresden.

Aufgrund des gigantischen Exportgeschäfts – vor allem in die USA – unterhielten amerikanische Handelshäuser eigene Konsulate in der Kleinstadt. Namhafte Marken und Händler verschifften vogtländische Instrumente tagesaktuell über den Atlantik. Ob einfache Schulinstrumente in Serienfertigung oder edle Meistervioline für Konzerthäuser: Das „Cremona des Nordens“ belieferte die ganze Welt.

Von Mundharmonika bis Akkordeon: Die Zungeninstrumente aus Klingenthal

Während Markneukirchen die klassische Geigen- und Blasinstrumentenbau-Krone trug, entwickelte sich das benachbarte Klingenthal zum Welthandelszentrum für Zungeninstrumente.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hielt der Bau von Mundharmonikas und später von Akkordeons (Handharmonikas) Einzug im Oberen Vogtland. Marken wie Weltmeister prägten das Straßenbild und wurden zu weltweiten Verkaufsschlagern. Das regelmäßige Internationales Akkordeonwettbewerb Klingenthal zieht bis heute die Weltspitze der Harmonika-Virtuosen in die Stadt.

Zwischen DDR-Kombinat und Meisterwerkstatt: Der Wandel im Musikwinkel

Nach 1945 wurden die vielen Hundert privaten Kleinwerkstätten schrittweise in Produktionsgenossenschaften (PGH) und schließlich im VEB Musima (Musikinstrumentenbau Markneukirchen) bzw. VEB Klingenthaler Harmonikawerke zusammengefasst. Die Betriebe sicherten der DDR wichtige Deviseneinnahmen und belieferten Musikschulen im gesamten Ostblock.

Nach der Wende 1990 brach die Massenproduktion ein, da Billigkonkurrenz aus Asien den Markt überschwemmte. Doch die Region besann sich auf ihre stärkste Wurzel: höchste handwerkliche Qualität und individuelle Meisteranfertigungen.

Heute sichern hochspezialisierte Familienbetriebe, Instrumentenbaumeister und die renommierten Studiengänge der Westsächsischen Hochschule Zwickau (Studiengang Musikinstrumentenbau in Markneukirchen) das jahrhundertealte Wissen für künftige Generationen.

Ortspunkte: Auf den Spuren der Töne im Vogtland

Wer den geheimnisvollen Klangwelten im Vogtland (Bundesland: Sachsen) nachgehen möchte, findet faszinierende Ausflugsziele:

  • Musikinstrumenten-Museum Markneukirchen: Das im prachtvollen Paulus-Schlössel untergebrachte Museum zeigt über 3.000 Instrumente aus aller Welt – darunter Riesengeigen, Zwerginstrumente und historische Kostbarkeiten.

  • Musikinstrumenten-Garten & Schauwerkstätten: In Markneukirchen und Umgebung bieten Meisterbetriebe Einblicke in das Aufschneiden, Leimen, Lackieren und Intonieren von Instrumenten.

  • Akkordeonstadt Klingenthal: Bietet mit der Harmona Akkordeon GmbH (Hersteller der Weltmeister-Akkordeons) und dem Musik- und Wintersportmuseum spannende Einblicke in die Geschichte der Zungeninstrumente.

Leser-Aufruf: Welches Instrument aus dem Musikwinkel begleitete dich?

Hast du selbst auf einer Geige aus Markneukirchen gelernt, spielst du ein Weltmeister-Akkordeon aus Klingenthal oder hast du das Musikinstrumenten-Museum besucht?

Schickt uns eure Fotos und Geschichten per E-Mail an redaktion@ostdeutsche-zeitung.de oder teilt eure Anekdoten unten in den Kommentaren!