Das Auge der Wissenschaft: Die Erfindungen aus der Thüringer Optik-Metropole Jena prägen das Weltwissen seit Generationen. Foto: ODZ/Symbolbild

Wer durch die lebendige Universitätsstadt Jena an der Saale blickt, merkt sofort, dass hier ein ganz besonderer Geist weht. Die Silhouette des Jentowers, die modernen Forschungsinstitute auf dem Beutenberg und die geschichtssträchtigen Fabrikareale im Stadtzentrum künden von einer Tradition, die weltweit ihresgleichen sucht. Jena ist nicht nur eine Stadt im Saaletal – sie ist die unangefochtene „Lichtstadt“, die Geburtsstätte der modernen Optik und Feinmechanik.

Die Grundlagen dafür legten vor rund 180 Jahren drei Männer, deren Zusammenspiel als Sternstunde der deutschen Industrie- und Wissenschaftsgeschichte gilt: der Mechaniker Carl Zeiss, der Physiker und Mathematiker Ernst Abbe und der Glaschemiker Otto Schott.

Inhaltsübersicht

  1. Das magische Trio: Handwerk, Physik und die Chemie des Glases

  2. Die Sozialrevolution von Ernst Abbe: Das Wunder der Carl-Zeiss-Stiftung

  3. Das Herz der DDR-Industrie: Das Kombinat VEB Carl Zeiss Jena

  4. Nach dem Mauerfall: Die Teilung, die Wiedervereinigung und der High-Tech-Boom

  5. Ortspunkt Jena: Auf den Spuren des Lichts vor Ort

  6. Leser-Aufruf: Welche Verbindung hast du zur Optikstadt Jena?

Das magische Trio: Handwerk, Physik und die Chemie del Glases

Als Carl Zeiss im Jahr 1846 seine Feinmechaniker-Werkstatt in der Jenaer Neugasse eröffnete, fertigte er einfache Mikroskope in reiner Handarbeit. Linsen wurden damals nach der Methode „Versuch und Irrtum“ geschliffen und ausprobiert – eine zeitraubende und ungenaue Arbeit.

Zeiss erkannte, dass Spitzenqualität nur durch exakte wissenschaftliche Berechnung möglich war, und holte den jungen Physiker Ernst Abbe an seine Seite. Abbe berechnete ab 1866 erstmals mathematisch die optische Gesetzmäßigkeit für den Bau von Mikroskop-Objektiven (das berühmte Abbe’sche Sinusgesetz).

Doch die besten Formeln nützten wenig ohne das passende Rohmaterial. Hier trat 1879 der Glaschemiker Otto Schott auf den Plan. In Jena gründeten die drei Erfinder das Glastechnische Laboratorium Schott & Genossen. Damit stand die unschlagbare Formel für Weltruhm: Abbe berechnete, Schott schmolz das Spezialglas, und Zeiss baute die hochpräzisen Instrumente.

Die Sozialrevolution von Ernst Abbe: Das Wunder der Carl-Zeiss-Stiftung

Nach dem Tod von Carl Zeiss schuf Ernst Abbe im Jahr 1889 ein gesellschaftliches Meisterwerk, das weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Schlagzeilen machte: die Carl-Zeiss-Stiftung.

Abbe übertrug seine Geschäftsanteile an die Stiftung und verankerte im Stiftungsstatut Grundsätze, die für die damalige Zeit geradezu revolutionär waren:

  • Pionierleistungen für die Belegschaft: Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages (als eines der ersten Unternehmen weltweit), Anspruch auf bezahlten Urlaub, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall und eine betriebliche Altersversorgung.

  • Wissenschaftsförderung: Ein fester Teil der Unternehmensgewinne musste unfallfrei an die Universität Jena und für gemeinnützige Zwecke der Stadt fließen.

  • Verbot von Eigentümer-Willkür: Das Unternehmen durfte nicht mehr an Einzelpersonen oder Erben verkauft werden. Es gehörte sich gewissermaßen selbst und diente dem Wohl der Mitarbeiter und der Wissenschaft.

Das Herz der DDR-Industrie: Das Kombinat VEB Carl Zeiss Jena

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlitt das Werk schwere Schläge durch Demontagen und die Verschleppung von Spezialisten. Die deutsche Teilung führte zur doppelten Existenz: Es gab fortan ein Carl Zeiss im westdeutschen Oberkochen und den VEB Carl Zeiss Jena im Osten.

In der DDR entwickelte sich Carl Zeiss Jena zum absoluten Vorzeigebetrieb und zum größten Industrie-Kombinat des Landes. Mit über 60.000 Beschäftigten fertigte das Kombinat nicht nur Mikroskope, Ferngläser, medizinische Geräte und Kamera-Objektive (etwa für die Praktica), sondern auch hochspezialisierte Weltraum-Kameras für die sowjetische Salyut- und Mir-Raumstationen sowie Spezialoptiken für die Chipfertigung im gesamten Ostblock.

Das Werk war der stolze Motor der Stadt Jena – mit eigenen Wohnvierteln, Erholungsheimen, Polikliniken und dem Traditions-Fußballverein FC Carl Zeiss Jena.

Nach dem Mauerfall: Die Teilung, die Wiedervereinigung und der High-Tech-Boom

Der Fall der Mauer 1989/90 brachte für den Riesenbetrieb tiefgreifende Erschütterungen. Wie bei vielen Kombinaten führte der Übergang in die freie Marktwirtschaft zu harten Restrukturierungen und massivem Stellenabbau.

Doch die Substanz an technischem Know-how war zu stark, um unterzugehen. In einem historischen Einigungsprozess fanden Carl Zeiss in Oberwieschen/Oberkochen und Jena wieder unter dem Dach der alten Carl-Zeiss-Stiftung zusammen.

Heute ist Jena ein weltweites Synonym für Spitzentechnologie:

  • Jenoptik AG: Das aus Teilen des Alt-Kombinats hervorgegangene Photonik-Unternehmen ist ein globaler Player für Laser, Sensorik und Verkehrssicherheit.

  • ZEISS und SCHOTT: Beide Stiftungsunternehmen investieren heute wieder Hunderte Millionen Euro in den Ausbau ihrer Standorte in Jena.

  • Wissenschaftsdichte: Universität, Fachhochschulen und Max-Planck-Institute machen Jena zu einem der forschungsstärksten Zentren Deutschlands.

Ortspunkt Jena: Auf den Spuren des Lichts vor Ort

Wer die Optikstadt Jena (Sachsen-Anhalt/Thüringen – Standort: Thüringen) besucht, kann die Geschichte der Präzisionskunst hautnah entdecken:

  • Deutsches Optisches Museum (DOM) Jena: Beherbergt eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen optischer Instrumente aus fünf Jahrhunderten.

  • Schott Glasmuseum und Villa Schott: Zeigt die faszinierende Geschichte der Spezialglas-Entwicklung und das Leben der Gründerfamilie.

  • Zeiss-Planetarium Jena: Eröffnet 1926, ist es das älteste ununterbrochen betriebene Projektions-Planetarium der Welt.

Leser-Aufruf: Welche Verbindung hast du zur Optikstadt Jena?

Hast du selbst bei Carl Zeiss oder Jenoptik gearbeitet, nutzt du bis heute Kameras oder Ferngläser mit den berühmten Linsen aus Jena oder hast du das Planetarium besucht?

Schickt uns eure Erinnerungen und Fotos per E-Mail an redaktion@ostdeutsche-zeitung.de!