Die Wälder der Taiga speichern nicht nur Kohlenstoff in ihren Stämmen und Ästen. Ihre Baumkronen beschatten zugleich den Boden und verhindern, dass der darunterliegende Permafrost tiefer auftaut. Eine internationale Studie unter Beteiligung der Humboldt-Universität zu Berlin beziffert diese bislang kaum berücksichtigte Klimaschutzleistung nun erstmals.

BERLIN. Boreale Wälder erstrecken sich von Alaska über Kanada und Skandinavien bis nach Sibirien. Wo sie auf dauerhaft gefrorenem Boden wachsen, bilden ihre Baumkronen eine natürliche thermische Schutzschicht.

Nach den Ergebnissen der Studie bleibt die saisonale Auftauschicht unter bewaldeten Flächen 50 bis 62 Prozent flacher als auf offenen Flächen. Im Durchschnitt entspricht das einem Unterschied von etwa einem Meter.

Kohlenstoffspeicher liegt vor allem unter den Bäumen

Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass durch die kühlende Wirkung der Baumkronen rund 59 Petagramm Kohlenstoff zusätzlich im gefrorenen Boden verbleiben. Das entspricht 59 Milliarden Tonnen.

Damit werden etwa 32 Prozent des Kohlenstoffs geschützt, der in bewaldeten Permafrostböden gebunden ist.

„Ein wichtiger Klimabeitrag dieser Wälder steckt nicht in den Bäumen, sondern unter ihnen“, erklärt Dr. Simone Maria Stünzi vom Geographischen Institut der Humboldt-Universität.

Die im gefrorenen Boden konservierte Menge übertrifft den Kohlenstoffvorrat der Baumbiomasse deutlich. In den Bäumen selbst sind nach Angaben der Studie etwa sieben bis 19 Petagramm gespeichert.

Waldverlust lässt Permafrost tiefer auftauen

Gehen boreale Wälder durch Abholzung, Brände oder andere Störungen verloren, fehlt dem Boden der schützende Schatten. Dadurch kann er sich stärker erwärmen und in den Sommermonaten tiefer auftauen.

Ohne die kühlende Wirkung der Wälder könnten bis zu 40 Petagramm Kohlenstoff für den mikrobiellen Abbau zugänglich werden. Dabei entstehen Treibhausgase, die in die Atmosphäre gelangen und die weitere Erwärmung verstärken können.

Der Kohlenstoff im Permafrost wurde über Jahrtausende hinweg seit der letzten Eiszeit aufgebaut. Auf menschlichen Zeitskalen wäre dieser Speicher kaum wiederherstellbar.

Schutz vor Thermokarst

In eisreichen Regionen verhindern die Wälder zusätzlich sogenannte Thermokarst-Prozesse. Diese entstehen, wenn gefrorener Boden auftaut, absackt und durch Erosion tiefere Bodenschichten freilegt.

Nach Berechnungen der Forschenden schützen boreale Wälder auf diese Weise weitere rund 19 Petagramm Kohlenstoff, die andernfalls langfristig freigesetzt werden könnten.

Satellitendaten und Klimamodelle kombiniert

Für die Untersuchung wertete das internationale Forschungsteam 16 bioklimatische Regionen innerhalb der kontinuierlichen Permafrostzone aus.

Die Wissenschaftler kombinierten:

  • Satellitendaten,
  • Geodatensätze zur Vegetation und zum Boden,
  • Modelle zum Wärmeübergang zwischen Wald und Permafrost,
  • vorhandene Messungen von Kohlenstoffvorräten.

Verglichen wurde jeweils, wie sich der Wärmehaushalt des Bodens mit und ohne Waldbedeckung verändert.

Beteiligt waren neben der Humboldt-Universität das Alfred-Wegener-Institut in Potsdam, die Universität Oslo und die Vrije Universiteit Amsterdam. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht.

Taiga-Schutz wird zur globalen Klimafrage

Bisher wird die Klimaleistung von Wäldern meist daran gemessen, wie viel Kohlenstoff ihre Biomasse aufnimmt. Die neue Studie zeigt, dass diese Betrachtung bei borealen Wäldern zu kurz greift.

Ihre größte Klimawirkung könnte darin liegen, einen wesentlich größeren Kohlenstoffspeicher unter der Erde gefroren zu halten.

Der Schutz der Taiga ist deshalb nicht nur eine Frage des Arten- und Waldschutzes. Er entscheidet auch darüber, wie viel zusätzliches Kohlendioxid und andere Treibhausgase künftig aus den Permafrostregionen in die Atmosphäre gelangen könnten.

Quelle

Humboldt-Universität zu Berlin: Mitteilung zur Studie über die Kühlwirkung borealer Wälder auf Permafrostböden, veröffentlicht am 27. Juli 2026.