Sachsen-Anhalts Arbeitsmarkt steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. Bis 2031 könnten dem Land rund 32.000 Beschäftigte fehlen, wobei eine veränderte Zuwanderungspolitik die Lücke nach Berechnungen des IWH noch erheblich vergrößern könnte.

Fast jeder dritte Beschäftigte ist mindestens 55

Sachsen-Anhalt besitzt eine der ältesten Beschäftigtenstrukturen Deutschlands. Fast jeder dritte deutsche Arbeitnehmer im Land ist nach Angaben des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle mindestens 55 Jahre alt. Ein großer Teil dieser Menschen wird im kommenden Jahrzehnt aus dem Berufsleben ausscheiden.

Jüngere Beschäftigte können die entstehende Lücke nicht vollständig schließen. Dafür sind die nachrückenden Jahrgänge zu klein. Besonders betroffen sind Pflege, Medizin, Bauwirtschaft, Gastronomie, Logistik, Handwerk und Teile der Industrie.

Der Personalmangel ist deshalb längst keine abstrakte Prognose mehr. Betriebe reduzieren Öffnungszeiten, lehnen Aufträge ab oder verschieben Investitionen, weil ihnen qualifizierte Mitarbeiter fehlen.

IWH warnt vor einer größeren Lücke

Das IWH erwartet bei einer Fortsetzung der bisherigen Entwicklung bis 2031 einen Rückgang um rund 32.000 Arbeitskräfte. Sollte Sachsen-Anhalt für ausländische Beschäftigte deutlich unattraktiver werden, könnte die Lücke nach dem untersuchten Szenario auf bis zu 46.000 Arbeitskräfte steigen.

Die zusätzliche Belastung der Wirtschaftsleistung beziffert das Institut auf bis zu 3,2 Milliarden Euro. Besonders schwer wiegt, dass Sachsen-Anhalt bereits heute einen vergleichsweise geringen Anteil ausländischer Beschäftigter hat.

Die Berechnung ist keine sichere Vorhersage. Sie beruht auf Annahmen darüber, wie sich Beschäftigte, Unternehmen und Investoren bei einem politischen Kurswechsel verhalten. Dennoch macht sie deutlich, welche Größenordnung der demografische Wandel erreichen kann.

Zuwanderung allein reicht nicht

Die öffentliche Debatte verengt sich häufig auf die Frage, ob mehr ausländische Arbeitskräfte benötigt werden. Damit wird jedoch nur ein Teil des Problems erfasst.

Sachsen-Anhalt braucht ebenso bessere Berufsorientierung, weniger Schulabbrüche, eine schnellere Anerkennung von Abschlüssen und verlässliche Ausbildungsangebote. Ältere Beschäftigte müssen länger im Berufsleben gehalten werden können, ohne dass körperlich belastende Berufe ignoriert werden.

Auch die Rückkehr ehemaliger Einwohner kann einen Beitrag leisten. Dafür reichen Werbekampagnen jedoch nicht aus. Rückkehrer benötigen attraktive Löhne, bezahlbaren Wohnraum, gute Schulen, erreichbare Ärzte und verlässliche Verkehrsverbindungen.

Automatisierung und Künstliche Intelligenz können fehlendes Personal teilweise ersetzen. Sie beseitigen aber weder den Mangel an Pflegekräften noch den Bedarf an Handwerkern, Ärzten oder Berufskraftfahrern.

Betriebe brauchen planbare Verfahren

Unternehmen berichten immer wieder von langen Verfahren bei der Anwerbung ausländischer Fachkräfte. Visa, Aufenthaltstitel, Anerkennungen und Sprachkurse sind häufig auf mehrere Behörden verteilt. Dadurch können Monate vergehen, bevor ein Bewerber tatsächlich arbeiten darf.

Eine wirksame Fachkräftepolitik müsste diese Verfahren bündeln und beschleunigen. Gleichzeitig darf sie die vorhandene Bevölkerung nicht aus dem Blick verlieren. Menschen ohne Berufsabschluss, Langzeitarbeitslose und Teilzeitbeschäftigte bilden ein Potenzial, das bislang nicht vollständig genutzt wird.

Auch bessere Löhne und Arbeitsbedingungen gehören zur Rechnung. Wo Beschäftigte in andere Bundesländer wechseln, liegt das nicht allein an fehlender Heimatverbundenheit, sondern häufig an höheren Einkommen und besseren Entwicklungsmöglichkeiten.

Die nächste Regierung muss Ergebnisse liefern

Keine einzelne Maßnahme wird den Personalmangel lösen. Weder Zuwanderung noch Rückkehrprogramme, höhere Geburtenzahlen oder Automatisierung können kurzfristig Zehntausende fehlende Beschäftigte ersetzen.

Die kommende Landesregierung sollte deshalb messbare Ziele festlegen: kürzere Anerkennungsverfahren, mehr erfolgreiche Ausbildungsabschlüsse, weniger Schulabbrecher, eine höhere Erwerbsbeteiligung und bessere Bedingungen für Rückkehrer.

Sachsen-Anhalts wirtschaftliche Zukunft entscheidet sich nicht nur an neuen Fabriken und Fördermillionen. Sie entscheidet sich daran, ob genügend Menschen vorhanden sind, die Betriebe, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und kommunale Dienste am Laufen halten.

Quelle: Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, IWH Policy Notes 3/2026; Bundesagentur für Arbeit