Weimar, 6. September 2026. Alte Ziegel, Bakterien, Stroh und menschlicher Urin könnten künftig zu Baustoffen verarbeitet werden. Beim New Bauhaus Festival in Weimar zeigten Forscher und Entwickler, wie Kreislaufwirtschaft das Bauen verändern kann.

Die vorgestellten Verfahren befinden sich teilweise noch in der Entwicklung. Sie sollen den hohen Energie- und Rohstoffbedarf der Baubranche verringern. Zugleich könnten Materialien genutzt werden, die bisher als Abfall oder landwirtschaftlicher Reststoff gelten.

Im Mittelpunkt stehen nicht nur einzelne Produkte. Das Festival verbindet Forschung, Architektur, Stadtplanung und Unternehmensgründungen. Damit soll aus experimentellen Verfahren schrittweise eine praktisch nutzbare Bauweise entstehen.

Bakterien verbinden alte Ziegel

Die Produktdesigner Friedrich Gerlach und Julia Huhnholz arbeiten mit Ziegeln aus abgebrochenen Gebäuden. Das Material wird gesammelt, zerkleinert und zu einem Granulat verarbeitet.

Anschließend kommen kultivierte Bakterien hinzu. Zwischen den einzelnen Körnern erzeugen sie feste Strukturen. So entsteht aus dem losen Granulat erneut ein Material, das einem Ziegel ähnelt.

Ein möglicher Vorteil liegt im Energieverbrauch. Der biologische Prozess funktioniert bei Raumtemperatur. Anders als bei herkömmlichen Ziegeln ist kein Brennofen erforderlich. Dadurch könnte ein Teil der Energie eingespart werden, die normalerweise für hohe Brenntemperaturen benötigt wird.

Ob das Verfahren im industriellen Maßstab wirtschaftlich eingesetzt werden kann, ist noch offen. Dafür müssen Eigenschaften wie Festigkeit, Haltbarkeit und Feuchtigkeitsbeständigkeit zuverlässig geprüft werden.

Urin kann notwendigen Harnstoff liefern

Die eingesetzten Bakterien benötigen Harnstoff. Dieser Stoff kann industriell hergestellt werden, kommt aber auch in menschlichem Urin vor. Daraus entsteht die Idee, bislang ungenutzte Stoffströme innerhalb einer Stadt miteinander zu verbinden.

Neben Urin könnten auch Reste aus Brauereien oder der Lebensmittelindustrie in solche Kreisläufe einbezogen werden. Abbruchmaterial würde nicht entsorgt, sondern vor Ort zu einem neuen Ausgangsstoff verarbeitet.

Das Konzept geht damit über einen ungewöhnlichen Ziegel hinaus. Gebäude sollen nicht mehr ausschließlich als Endprodukte betrachtet werden. Ihre Materialien könnten nach einem Abriss erneut verwendet werden.

Bis daraus ein regulärer Baustoff wird, sind technische Nachweise und Genehmigungen notwendig. Auch die Sammlung und hygienische Aufbereitung der benötigten Stoffe müsste organisiert werden.

Strohstein trägt und dämmt zugleich

Ein zweites Projekt kommt von der Bauhaus-Universität Weimar. Katharina Ehlert und Julian Pracht entwickeln einen Mauerstein aus Stroh. Das Material wächst jährlich nach und ist in vielen landwirtschaftlichen Regionen verfügbar.

Für den sogenannten StrawBrick wird Stroh mit Lignin vermischt und erhitzt. Das Ergebnis soll gleichzeitig tragfähig und dämmend sein. Nach Angaben des Entwicklungsteams könnte der Baustoff für kleinere Gebäude mit bis zu drei Geschossen eingesetzt werden.

Die Steine sollen sich mit üblichen handwerklichen Verfahren verarbeiten lassen. Damit wären keine vollständig neuen Bautechniken notwendig. Für eine spätere Markteinführung wäre dies ein wichtiger Vorteil.

Am Ende der Nutzung soll der Strohstein nicht als problematischer Bauschutt zurückbleiben. Das Material könnte zerkleinert und kompostiert werden. Voraussetzung ist allerdings, dass auch weitere Bestandteile des Gebäudes entsprechend geplant werden.

Vom Forschungsprojekt zum Versuchsbau

Das StrawBrick-Team arbeitet derzeit daran, aus dem Forschungsprojekt ein Unternehmen zu entwickeln. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2027 in Stuttgart soll erstmals ein Versuchsbau mit dem Material entstehen.

Ein solcher Bau kann zeigen, ob die Steine unter realen Bedingungen halten, was Laborversuche und Prototypen versprechen. Neben der Tragfähigkeit müssen Brandschutz, Feuchtigkeitsschutz, Verarbeitung und Kosten untersucht werden.

Der Architekt Werner Sobek verwies beim Festival auf ein grundsätzliches Problem. Viele technische Lösungen für nachhaltigeres Bauen seien bereits vorhanden, würden aber nicht konsequent eingesetzt. Gründe seien Gewohnheiten, rechtliche Hürden und wirtschaftliche Risiken.

Weimar liefert damit Ideen für eine Branche, die große Mengen Energie und Rohstoffe benötigt. Entscheidend wird sein, ob aus anschaulichen Prototypen zugelassene und bezahlbare Baustoffe werden. Erst dann können Stroh, alte Ziegel und biologische Prozesse einen messbaren Beitrag zum Bauen der Zukunft leisten.

Quelle: Bauhaus-Universität Weimar