Der neu gegründete Tourismusverband Oberlausitz hat eine seiner wichtigsten Personalentscheidungen getroffen. Vom 1. September 2026 an soll Nicole Huber aus Heidelberg den Verband führen und die touristische Entwicklung zwischen Zittauer Gebirge, Lausitzer Seenland, Bautzen, Görlitz und dem deutsch-polnisch-tschechischen Grenzraum mitgestalten. Der Vorstand spricht von einem bundesweiten Auswahlverfahren mit mehr als 80 Bewerbungen und einer einstimmigen Entscheidung. Dennoch bleiben Fragen offen: Wie genau wurde ausgewählt? Welche nachweisbaren touristischen Erfolge bringt Huber mit? Und weshalb wurde für eine ostdeutsche Reiseregion erneut eine Führungskraft gewählt, deren berufliche Laufbahn überwiegend in Westdeutschland verlief?
Nicole Huber ist nicht unqualifiziert
Eine sachliche Kritik muss zunächst anerkennen: Nicole Huber kommt nicht ohne passende Berufserfahrung.
Die 53-jährige Volljuristin war in Heidelberg in leitenden Funktionen an der Schnittstelle von Stadtverwaltung, Standortentwicklung, Kommunikation und Tourismusmarketing tätig. Der Tourismusverband bezeichnet sie als erfahrene Führungskraft und verweist ausdrücklich auf Kompetenzen in Tourismus, Wirtschaft, Verwaltung und strategischer Markenführung. Zuletzt arbeitete sie in einer leitenden Funktion für das Heidelberger Technologieunternehmen Ameria.
Huber kennt damit politische Entscheidungswege, kommunale Verwaltungen, wirtschaftliche Netzwerke und die Entwicklung von Standortmarken. Diese Fähigkeiten können für den Aufbau eines neuen Verbandes nützlich sein.
Die Behauptung, sie habe überhaupt keine Berührung mit Tourismus, wäre deshalb falsch.
Stadtmarketing ist nicht dasselbe wie eine Flächendestination
Trotzdem muss genauer hingesehen werden. Heidelberg ist eine international bekannte Universitäts- und Städtereisedestination. Die Oberlausitz ist dagegen eine großflächige Region mit sehr unterschiedlichen touristischen Teilgebieten.
Zur Oberlausitz gehören historische Städte, das Zittauer Gebirge, das Lausitzer Bergland, das entstehende Seenland, sorbische Kultur, Industriekultur, Naturtourismus und ein grenzüberschreitender Raum zu Polen und Tschechien.
Die meisten touristischen Anbieter sind keine großen Konzerne. Es handelt sich vielfach um familiengeführte Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, Gaststätten, Campingplätze, Museen, Vereine und kommunale Einrichtungen.
Wer diesen Verband leitet, muss deshalb mehr leisten als eine Marke zu entwerfen oder Werbekampagnen zu koordinieren. Die Geschäftsführung muss kleine Gastgeber mitnehmen, Förderprogramme verstehen, Kommunen mit unterschiedlichen Interessen zusammenführen und eine Region vermarkten, die bislang nicht über die internationale Bekanntheit Heidelbergs verfügt.
Ob Huber diese besondere Form des Destinationsmanagements beherrscht, ist öffentlich noch nicht belegt. Sie kann es können – bewiesen hat sie es in der Oberlausitz noch nicht.
Mehr als 80 Bewerber – aber nach welchen Kriterien?
Der Verband teilt mit, dass mehr als 80 Bewerbungen eingegangen seien. Nicole Huber habe den Vorstand überzeugt und sei einstimmig gewählt worden.
Das klingt zunächst nach einem breiten und ordentlichen Verfahren. Die bloße Zahl der Bewerber ersetzt jedoch keine Transparenz.
Bislang ist öffentlich nicht nachvollziehbar:
- welche fachlichen Kriterien besonders stark gewichtet wurden,
- wie viele Bewerber nach der ersten Prüfung übrig blieben,
- wie viele Kandidaten aus Sachsen oder der Oberlausitz kamen,
- wer die Bewerbungsgespräche führte,
- ob ein externer Personalberater beteiligt war,
- welche messbaren Tourismusleistungen Huber vorlegte,
- und warum sie regional erfahrenen Mitbewerbern vorgezogen wurde.
Eine vollständige Veröffentlichung personenbezogener Bewerbungsunterlagen wäre selbstverständlich unzulässig. Der Verband könnte jedoch eine anonymisierte Darstellung des Verfahrens, der Kriterien und der fachlichen Entscheidung veröffentlichen.
Gerade bei einer öffentlich bedeutsamen Führungsposition wäre das kein ungewöhnlicher Vorgang, sondern ein Beitrag zum Vertrauen.
Auch der bisherige MGO-Geschäftsführer soll sich beworben haben
Nach Medienberichten gehörte auch Olaf Franke, Geschäftsführer der bisherigen Marketing-Gesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien, zu den Bewerbern. Der neue Tourismusverband soll schrittweise Aufgaben dieser Gesellschaft übernehmen.
Franke verfügt über unmittelbare Erfahrung mit der touristischen Vermarktung der Region und kennt Kommunen, Betriebe und bestehende Projekte.
Das bedeutet nicht automatisch, dass er der bessere Kandidat gewesen wäre. Regionale Erfahrung allein darf ebenso wenig eine Stelle garantieren wie ein bekanntes Parteibuch.
Der Verband sollte aber erklären können, welche zusätzlichen Kompetenzen Huber mitbringt und warum diese stärker gewichtet wurden als die vorhandene Erfahrung eines regionalen Bewerbers.
Ohne eine solche Begründung entsteht zwangsläufig der Eindruck, dass die Oberlausitz ihre eigenen Fachleute nicht ausreichend berücksichtigt.
CDU-Nähe macht die Entscheidung politisch empfindlich
Nicole Huber ist seit vielen Jahren in der Heidelberger CDU aktiv. Im März 2026 kandidierte sie für den baden-württembergischen Landtag, erreichte jedoch kein Mandat. Der Vorsitzende des Tourismusverbandes, Bautzens Landrat Udo Witschas, gehört ebenfalls der CDU an.
Eine Parteimitgliedschaft darf niemanden von einer beruflichen Position ausschließen. Ebenso wenig beweist die gemeinsame Parteizugehörigkeit eine abgesprochene Stellenvergabe.
Trotzdem entsteht ein politisches Glaubwürdigkeitsproblem, wenn eine erfolglose Kandidatin wenige Monate nach einer Wahl einen öffentlich bedeutsamen Spitzenposten in einer anderen Region erhält und das Auswahlverfahren nur allgemein beschrieben wird.
Der beste Schutz gegen den Verdacht des Parteienfilzes ist nicht Empörung über kritische Fragen, sondern größtmögliche Transparenz.
Der Verband sollte deshalb offenlegen, ob politische Funktionen im Verfahren thematisiert wurden und wie mögliche Interessenkonflikte ausgeschlossen werden sollten.
Die Oberlausitz braucht keine Versorgungsposten
Der neue Tourismusverband wurde gegründet, um die Region touristisch stärker, professioneller und handlungsfähiger zu machen. Er vereint Kommunen, Unternehmen und weitere Partner aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz. Insbesondere kleinere Orte sollen von zentraler Koordination und professionellem Projektmanagement profitieren.
Die Geschäftsführung ist deshalb kein repräsentativer Nebenposten. Von ihr hängen Förderprojekte, Marketingstrategien, Kooperationen und die Verwendung gemeinsamer Mittel ab.
Die Oberlausitz braucht an dieser Stelle eine Führungskraft, die sich vollständig der Region verpflichtet und ihre Arbeit an messbaren Ergebnissen ausrichten lässt.
Dazu gehören beispielsweise:
- steigende Übernachtungszahlen,
- eine längere Aufenthaltsdauer,
- mehr Gäste außerhalb der Hauptsaison,
- bessere digitale Buchbarkeit kleiner Betriebe,
- stärkere Vermarktung in Polen und Tschechien,
- eine verlässliche Zusammenarbeit mit Gastgebern,
- und eine klarere touristische Gesamtmarke.
Huber muss sich an diesen Ergebnissen messen lassen – nicht an Parteizugehörigkeit, persönlichen Kontakten oder wohlklingenden Managementbegriffen.
Warum erneut eine Führungskraft aus dem Westen?
Die Frage nach Hubers Herkunft darf nicht persönlich oder abwertend gestellt werden. Niemand ist allein deshalb ungeeignet, weil er in Heidelberg lebt oder seine Karriere in Westdeutschland aufgebaut hat.
Trotzdem berührt die Personalie ein reales ostdeutsches Problem.
Auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung sind viele Führungspositionen in Unternehmen, Wissenschaft, Medien, Verwaltung und Verbänden mit Menschen besetzt, deren berufliche Netzwerke überwiegend im Westen entstanden sind.
Das führt in Ostdeutschland zu dem verständlichen Eindruck, dass regionale Fachkräfte zwar die tägliche Arbeit leisten, bei Spitzenpositionen aber regelmäßig übergangen werden.
Gerade ein Tourismusverband sollte die Region nicht nur nach außen vermarkten. Er sollte auch zeigen, dass die Oberlausitz ihren eigenen Menschen berufliche Entwicklung und Führungsverantwortung zutraut.
Die Herkunft eines Bewerbers darf kein Ausschlusskriterium sein. Regionale Kenntnis und nachgewiesene Verbundenheit sollten bei einem solchen Posten aber ein bedeutendes Auswahlkriterium darstellen.
Ein Studium in Dresden ersetzt keine Arbeit in der Oberlausitz
Huber verweist auf ihr Studium in Dresden und familiäre Beziehungen nach Bautzen. Der Verband stellt dies als persönlichen Bezug zur Region heraus.
Dieser Bezug ist nicht bedeutungslos. Er entspricht aber nicht einer langjährigen beruflichen Tätigkeit im Oberlausitzer Tourismus.
Wer einige Jahre in Dresden studiert hat, kennt nicht automatisch die Probleme eines Pensionsbetriebes im Zittauer Gebirge, die Interessen der sorbischen Kulturinstitutionen, die Verkehrsprobleme des ländlichen Raumes oder die unterschiedlichen Erwartungen von Görlitz, Bautzen und dem Lausitzer Seenland.
Huber muss sich dieses Wissen erarbeiten. Das ist möglich, verlangt aber Bescheidenheit, Zuhören und eine starke regionale Mannschaft.
Sie sollte nicht mit einem fertigen Heidelberger Modell anreisen, das anschließend lediglich auf die Oberlausitz übertragen wird.
Frühere Investorenkontakte werfen zusätzliche Fragen auf
Kritisch diskutiert wurden in Heidelberg auch Hubers langjährige Kontakte zum Investor Henry Jarecki. Dieser unterhielt nach öffentlich bekannt gewordenen Unterlagen Beziehungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.
Huber hielt sich 2016 mehrere Tage in einem Jarecki gehörenden Luxusresort auf einer Privatinsel auf. Zu dieser Zeit war sie Stadtdirektorin und Leiterin des Referats des Heidelberger Oberbürgermeisters. Im Jahr 2025 kam es nach Medienberichten erneut zu einem Kontakt in New York.
Daraus folgt kein Nachweis eines eigenen Fehlverhaltens Hubers. Es gibt auch keinen Beleg dafür, dass sie Epstein kannte oder von dessen Straftaten wusste.
Die Vorgänge werfen jedoch Fragen nach Transparenz, dienstlicher und privater Trennung sowie dem Umgang mit wirtschaftlich einflussreichen Kontakten auf.
Für eine neue Geschäftsführerin, die künftig mit öffentlichen Stellen, Unternehmen und Fördermitteln zusammenarbeitet, sind klare Compliance-Regeln deshalb besonders wichtig.
Der Tourismusverband sollte erklären, welche Vorgaben zu Einladungen, Reisen, Geschenken und möglichen Interessenkonflikten gelten.
Huber verdient eine faire Chance – aber keinen Vertrauensvorschuss ohne Fragen
Nicole Huber tritt ihr Amt erst am 1. September an. Sie hatte somit noch keine Gelegenheit, in der Oberlausitz Ergebnisse zu liefern.
Es wäre unfair, ihre Arbeit bereits vor dem ersten Tag für gescheitert zu erklären. Ebenso falsch wäre es aber, berechtigte Fragen als persönlichen Angriff oder provinzielles Misstrauen abzutun.
Huber bringt nachweisbare Management- und Marketingerfahrung mit. Gleichzeitig fehlt bisher der öffentlich erkennbare Beleg, dass sie unter mehr als 80 Bewerbern tatsächlich die eindeutig beste Fachkraft für die besonderen Herausforderungen der Oberlausitz war.
Diesen Beleg kann vor allem der Verband liefern – durch Offenheit über Auswahlkriterien, Vertragsziele und Erwartungen.
Der Verband muss jetzt Transparenz schaffen
Vor ihrem Amtsantritt sollte der Tourismusverband mindestens folgende Fragen beantworten:
- Welche fachlichen und persönlichen Kriterien entschieden über die Auswahl?
- Wie wurde regionale Tourismuserfahrung gewichtet?
- Wie viele Bewerber aus Sachsen und der Oberlausitz erreichten die engere Auswahl?
- Welche konkreten Erfolge aus Hubers früherer Tourismusarbeit waren ausschlaggebend?
- Wie lange läuft ihr Vertrag und welche Zielvereinbarungen wurden geschlossen?
- Wie hoch ist die Vergütung der Geschäftsführung?
- Welche Compliance-Regeln gelten für Kontakte zu Unternehmen und Investoren?
- Wie wird gewährleistet, dass kleine touristische Betriebe tatsächlich Einfluss erhalten?
Diese Fragen unterstellen weder Korruption noch eine rechtswidrige Vergabe. Sie betreffen den verantwortungsvollen Umgang mit einer wichtigen regionalen Institution.
Die Oberlausitz darf nicht zur bloßen Karrierestation werden
Die Region befindet sich im Strukturwandel. Tourismus kann Arbeitsplätze sichern, historische Orte beleben und Einkommen in ländlichen Räumen schaffen.
Dafür braucht die Oberlausitz keine kurzfristige Marketingkampagne und keine Geschäftsführung, die den Posten lediglich als nächste Station im Lebenslauf betrachtet.
Sie braucht eine Leitung, die dauerhaft vor Ort präsent ist, Gastgeber ernst nimmt und auch außerhalb von Pressekonferenzen durch Zittauer Gebirge, Lausitzer Seenland, Bautzen, Görlitz und die kleineren Gemeinden fährt.
Nicole Huber kann beweisen, dass sie diese Aufgabe erfüllt.
Bis dahin bleibt die Kritik legitim: Eine fachlich nicht völlig unpassende Kandidatin wurde in einem nur teilweise transparenten Verfahren für einen regional sensiblen Spitzenposten ausgewählt. Angesichts ihrer CDU-Nähe, ihrer überwiegend westdeutschen Laufbahn und der offenen Fragen zu ihrer konkreten Erfahrung in einer ländlichen Tourismusregion reicht die Mitteilung von einer „einstimmigen Entscheidung“ nicht aus.
Quellen
- Landkreis Bautzen: „Nicole Huber wird neue Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Oberlausitz“, veröffentlicht am 23. Juni 2026.
- Tourismusverband Oberlausitz: Angaben zum bundesweiten Auswahlverfahren und zur einstimmigen Bestellung Nicole Hubers.
- DieSachsen.de: Bericht zur Ernennung und zum beruflichen Hintergrund Nicole Hubers, veröffentlicht am 23. Juni 2026.
- Radio Lausitz: Bericht über die neue Geschäftsführung, die Zahl der Bewerbungen und Hubers regionalen Bezug, veröffentlicht am 23. Juni 2026.
- Rhein-Neckar-Zeitung: Berichte über Nicole Hubers frühere Kontakte zu Henry Jarecki und den Aufenthalt auf dessen Privatinsel, veröffentlicht im März 2026.
- Mannheimer Morgen: Bericht über politische Reaktionen auf die Verbindungen zwischen Henry Jarecki und Jeffrey Epstein, veröffentlicht am 26. Februar 2026.