Die geplante Schließung des Zalando-Logistikzentrums in Erfurt trifft eine Belegschaft, die internationaler kaum sein könnte. Rund 2.100 Menschen arbeiten nach den jüngsten Angaben noch an dem Standort, der Ende September 2026 aufgegeben werden soll. Sie stammen aus mehr als 60 Nationen. Für viele bedeutet das Ende des Logistikzentrums nicht nur den Verlust eines regelmäßigen Einkommens. Betroffen sind auch laufende Sprachkurse, Familiennachzug, berufliche Qualifizierung und in einzelnen Fällen sogar die weitere Aufenthaltsperspektive in Deutschland.
Von ursprünglich 2.700 Beschäftigten sind noch rund 2.100 betroffen
Als Zalando die Schließung Anfang 2026 ankündigte, war zunächst von rund 2.700 Arbeitsplätzen die Rede. Inzwischen sind nach Unternehmensangaben noch etwa 2.100 Beschäftigte betroffen.
Rund 1.800 von ihnen besitzen feste Arbeitsverträge. Bei etwa 300 weiteren Beschäftigten laufen befristete Verträge aus. Das Logistikzentrum arbeitet weiterhin im Drei-Schicht-System, während der Wareneingang schrittweise reduziert wird. Ende September soll der Betrieb vollständig eingestellt werden.
Zalando begründet die Schließung mit einer Neuordnung seines europäischen Logistiknetzes nach der Übernahme des Modehändlers About You. Ein neuer Standort entsteht in Gießen.
Für Thüringen bedeutet die Entscheidung den Verlust eines der größten Logistikarbeitgeber der Region.
Mehr als 60 Nationen arbeiten an einem Standort
Die Belegschaft in Erfurt ist außergewöhnlich international.
Nach Angaben des Unternehmens stammen die Beschäftigten aus mehr als 60 Nationen. Innerhalb des Standortes wird in mindestens sechs Sprachen kommuniziert. Auch Informationen zum Sozialplan wurden mehrsprachig weitergegeben.
Der Betriebsrat ging im Frühjahr davon aus, dass rund 1.650 der damals 2.700 Beschäftigten eine Migrationsgeschichte hatten. Zalando selbst erklärte zuletzt, etwa die Hälfte der verbliebenen Belegschaft habe eine ausländische Staatsangehörigkeit.
Damit trifft die Schließung nicht nur den Erfurter Arbeitsmarkt. Sie betrifft in besonderem Maße Menschen, die in Deutschland häufig erst seit wenigen Jahren leben und für die Zalando der Einstieg in eine dauerhafte Beschäftigung war.
Arbeit war für viele der wichtigste Anker
Für Beschäftigte mit Flucht- oder Migrationsgeschichte ist ein fester Arbeitsplatz häufig weit mehr als eine Einkommensquelle.
Er schafft Planungssicherheit, erleichtert die Wohnungssuche und verbessert die Voraussetzungen für einen dauerhaften Aufenthalt. Auch beim Familiennachzug kann ein geregeltes Einkommen entscheidend sein.
Der MDR schildert den Fall einer aus Libyen stammenden Mitarbeiterin, die ihren Ehemann nach Deutschland holen wollte. Dafür benötigte sie eine sichere Beschäftigung und ausreichendes Einkommen. Durch den Verlust des Arbeitsplatzes sei diese Perspektive zunächst zusammengebrochen.
Solche Einzelfälle dürfen nicht pauschal auf alle ausländischen Beschäftigten übertragen werden. Sie zeigen jedoch, welche zusätzlichen Folgen eine Standortschließung haben kann.
In einzelnen Fällen kann auch der Aufenthalt gefährdet sein
Erfurts Integrationsbeauftragter Daniel Stassny warnt vor einem Kreislauf, in dem Arbeitsplatzverlust und Aufenthaltsrecht miteinander verbunden sein können.
Bei bestimmten Aufenthaltstiteln spielt die Beschäftigung eine wichtige Rolle. Fällt der Arbeitsplatz weg und wird nicht schnell eine neue Stelle gefunden, können zusätzliche rechtliche Unsicherheiten entstehen.
Stassny berichtete dem MDR von mindestens sechs ihm bekannten Fällen in Erfurt. Er vermutet, dass im weiteren Umland weitere Beschäftigte in einer ähnlichen Situation sein könnten.
Dabei gilt: Nicht jeder Arbeitsplatzverlust führt automatisch zum Verlust eines Aufenthaltstitels. Die rechtlichen Folgen hängen stark vom jeweiligen Aufenthaltsstatus, der bisherigen Beschäftigungsdauer und weiteren persönlichen Voraussetzungen ab.
Betroffene benötigen deshalb frühzeitig eine individuelle Beratung durch Ausländerbehörden, Migrationsberatungsstellen oder Fachanwälte.
Fehlende Deutschkenntnisse erschweren die Jobsuche
Ein weiterer Nachteil zeigt sich bei der Suche nach neuer Arbeit.
Der MDR berichtet von Beschäftigten, die sich bei regionalen Jobbörsen vorgestellt haben, dort aber wegen unzureichender Deutschkenntnisse kaum Chancen sahen. Einer der Betroffenen erklärte, er habe zwar jahrelang zuverlässig gearbeitet, sei bei Gesprächen mit anderen Arbeitgebern sprachlich jedoch an Grenzen gestoßen.
Zalando konnte in seinem Logistikzentrum vergleichsweise viele Tätigkeiten mit geringen sprachlichen Zugangshürden anbieten. Arbeitsanweisungen wurden mehrsprachig vermittelt, Abläufe waren stark standardisiert.
Andere Arbeitgeber erwarten dagegen häufig bessere Deutschkenntnisse, selbst bei vergleichbaren Tätigkeiten.
Damit wird Sprache nach der Schließung plötzlich zu einer entscheidenden Hürde.
Sprachkurse wären ein wichtiger Teil des Übergangs gewesen
Der Betriebsrat hatte deshalb eine Transfergesellschaft gefordert.
Eine solche Gesellschaft hätte Beschäftigte vorübergehend übernehmen, beraten und gezielt weiterqualifizieren können. Dazu hätten auch berufsbezogene Sprachkurse gehören können.
Zalando war nach Angaben des Betriebsrates jedoch nicht bereit, eine solche Transfergesellschaft zu finanzieren. Der schließlich beschlossene Sozialplan enthält vor allem Abfindungsregelungen.
Gerade für Beschäftigte mit Sprach- und Qualifizierungsbedarf ist dies ein erheblicher Nachteil.
Eine Abfindung kann kurzfristig finanzielle Sicherheit schaffen. Sie ersetzt aber keine Weiterbildung und keinen strukturierten Übergang in einen neuen Beruf.
1.300 Beschäftigte arbeiten in Helfer- und Anlerntätigkeiten
Nicht nur ausländische Beschäftigte stehen vor schwierigen Perspektiven.
Nach Schätzung der Arbeitsagentur arbeiten rund 1.300 der noch etwa 2.100 Beschäftigten in Helfer- oder Anlerntätigkeiten. Dem stehen in der Region etwa 4.700 gemeldete offene Stellen gegenüber.
Mehr als 80 Prozent dieser Stellen richten sich jedoch an ausgebildete Fachkräfte. Für An- und Ungelernte gibt es nach Angaben der Arbeitsagentur lediglich bis zu 650 offene Stellen.
Damit entsteht ein deutliches Missverhältnis.
Selbst wenn viele Unternehmen grundsätzlich Personal suchen, passen die Anforderungen nicht automatisch zu den Qualifikationen der Zalando-Beschäftigten.
Berufsabschlüsse aus dem Ausland werden nicht immer genutzt
Ein Teil der Beschäftigten gilt auf dem deutschen Arbeitsmarkt als an- oder ungelernt, obwohl im Herkunftsland ein Schul- oder Berufsabschluss erworben wurde.
Probleme entstehen, wenn Unterlagen fehlen, Abschlüsse nicht anerkannt sind oder die bisherige Tätigkeit nicht dem erlernten Beruf entsprach.
Die Arbeitsagentur weist darauf hin, dass zahlreiche Beschäftigte durchaus über Berufsabschlüsse verfügen, auf denen bei der Vermittlung aufgebaut werden könne.
Dafür müssen Qualifikationen jedoch zunächst erfasst und gegebenenfalls anerkannt werden.
Ohne individuelle Beratung besteht die Gefahr, dass Menschen erneut ausschließlich in Helfertätigkeiten vermittelt werden, obwohl sie fachlich mehr leisten könnten.
Arbeitsagentur bildet ein eigenes Transformationsteam
Die Agentur für Arbeit Thüringen Mitte reagiert mit einem besonderen Beratungsangebot.
Bereits seit Januar sind Mitarbeiter direkt im Zalando-Logistikzentrum tätig. Seit August soll zusätzlich ein Transformationsteam mit 14 Beratern eingesetzt werden.
Das Team soll Qualifizierungen organisieren und Beschäftigte möglichst noch vor Eintritt in die Arbeitslosigkeit in neue Stellen vermitteln.
Bis Juli hatten sich rund 800 ehemalige oder von Kündigung betroffene Beschäftigte bei der Arbeitsagentur gemeldet. Etwa die Hälfte war bereits arbeitslos, die andere Hälfte arbeitssuchend registriert.
Einige konnten bereits vermittelt werden. Der größere Teil der Arbeit beginnt jedoch erst mit den bevorstehenden Kündigungen der festangestellten Beschäftigten.
Beratung muss in mehreren Sprachen stattfinden
Die internationale Zusammensetzung der Belegschaft stellt auch die Behörden vor Herausforderungen.
Arbeitslosengeld, Weiterbildung, Anerkennung von Abschlüssen und aufenthaltsrechtliche Fragen sind bereits auf Deutsch kompliziert. Bei geringen Sprachkenntnissen steigt das Risiko von Missverständnissen und versäumten Fristen.
Die Arbeitsagentur verweist auf mehrsprachige Unterstützungsangebote. Diese müssen jedoch auch praktisch erreichbar sein.
Informationsblätter allein reichen nicht aus. Nötig sind persönliche Gespräche, Dolmetschmöglichkeiten und eine enge Zusammenarbeit mit Migrationsberatungen.
Besonders wichtig ist eine klare Trennung der Zuständigkeiten. Arbeitsagentur, Jobcenter, Ausländerbehörde und Anerkennungsstellen bearbeiten unterschiedliche Fragen.
Für Betroffene ist dieses System nur schwer zu überblicken.
Sozialplan kam erst nach monatelangem Streit zustande
Betriebsrat und Unternehmensleitung konnten sich nicht freiwillig auf einen gemeinsamen Sozialplan einigen.
Erst der Spruch einer Einigungsstelle führte am 9. Juli zu einer verbindlichen Regelung. Der Plan umfasst vor allem Abfindungen für die rund 1.800 festangestellten Beschäftigten.
Für die Schließung, den Sozialplan und weitere wirtschaftliche Risiken hat Zalando nach eigenen Angaben rund 80 Millionen Euro zurückgestellt.
Die Arbeitsministerin Katharina Schenk kritisierte, dass der Konzern keine Transfergesellschaft finanzierte.
Ein wirtschaftlich starkes Unternehmen hätte aus ihrer Sicht mehr Verantwortung für Qualifizierung und den Übergang in neue Beschäftigung übernehmen können.
22 Millionen Euro Fördermittel verschärfen die Kritik
Der Erfurter Standort wurde einst mit rund 22 Millionen Euro öffentlicher Förderung unterstützt.
Die Investition sollte Arbeitsplätze schaffen und den Wirtschaftsstandort Thüringen stärken. Nun wird das Logistikzentrum geschlossen, obwohl das Gebäude und die Infrastruktur weiterhin vorhanden sind.
Das sorgt für politische Kritik.
Die entscheidende Frage lautet, ob Fördervereinbarungen ausreichend langfristige Bindungen enthielten und ob Rückforderungen möglich sind.
Der Umstand, dass ein Unternehmen Fördermittel erhalten hat, verpflichtet es nicht automatisch zu einem dauerhaften Betrieb. Dennoch muss die öffentliche Hand prüfen, ob Bedingungen verletzt wurden und welche Lehren aus dem Fall gezogen werden müssen.
Landesregierung nennt Entscheidung vermeidbar
Thüringens Landesregierung kritisierte die Schließung bereits frühzeitig.
Wirtschaftsministerin Colette Boos-John erklärte, Zalando habe über lange Zeit zu wenig in Modernisierung und Weiterentwicklung des Standortes investiert. Die Schließung sei deshalb aus ihrer Sicht nicht alternativlos gewesen.
Ministerpräsident Mario Voigt sprach von einer verantwortungslosen Entscheidung gegenüber den Beschäftigten und ihren Familien.
Die Landesregierung kündigte Unterstützung bei Qualifizierung, Beratung und der Vermittlung in andere Logistikunternehmen an.
Ob genügend gleichwertige Arbeitsplätze vorhanden sind, bleibt jedoch offen.
Neue Arbeit darf nicht nur schlechtere Bedingungen bedeuten
Bei der Vermittlung geht es nicht allein darum, irgendeinen neuen Arbeitsplatz zu finden.
Viele Zalando-Beschäftigte haben über Jahre im Schichtsystem gearbeitet. Sie benötigen Stellen, die zu ihrer familiären Situation, ihrer Erreichbarkeit und ihren bisherigen Einkommen passen.
Ein neuer Job mit deutlich geringerem Lohn, unsicheren Arbeitszeiten oder langer Anfahrt wäre nur bedingt eine tragfähige Lösung.
Besonders ausländische Beschäftigte sind anfällig dafür, erneut in befristete Beschäftigung oder Zeitarbeit zu geraten.
Eine erfolgreiche Vermittlung muss deshalb auch die Qualität der neuen Arbeitsverhältnisse berücksichtigen.
Erfurt muss den Verlust sozial auffangen
Die Schließung wird nicht nur im Logistikzentrum sichtbar bleiben.
Fallen Einkommen weg, sinkt auch die Kaufkraft. Familien müssen Ausgaben reduzieren, Umzüge erwägen oder staatliche Unterstützung beantragen.
Betroffen sind außerdem Menschen, die täglich aus anderen Thüringer Städten und Landkreisen nach Erfurt pendeln.
Die Folgen verteilen sich damit über große Teile Mittel- und Nordthüringens.
Stadt und Land sollten deshalb nicht nur auf Arbeitsmarktstatistiken schauen. Auch Sprachkurse, Beratungsstellen, Ausländerbehörden und soziale Einrichtungen müssen auf einen höheren Unterstützungsbedarf vorbereitet sein.
Integration entscheidet sich auch am Arbeitsplatz
Der Fall Zalando zeigt, wie eng Integration und Beschäftigung miteinander verbunden sind.
Ein regelmäßiger Arbeitsplatz schafft Kontakte, Tagesstruktur und wirtschaftliche Selbstständigkeit. Er ermöglicht Sprachpraxis und erleichtert gesellschaftliche Teilhabe.
Bricht dieser Anker weg, können Erfolge der vergangenen Jahre schnell gefährdet sein.
Das gilt besonders dann, wenn Betroffene kaum auf regionale Netzwerke, ausreichende Sprachkenntnisse oder anerkannte Berufsabschlüsse zurückgreifen können.
Zalando zieht sich zurück – die Region trägt die Folgen
Zalando trifft eine strategische Unternehmensentscheidung. Die sozialen Folgen bleiben jedoch in Thüringen.
Die Arbeitsagentur, das Land, die Stadt und andere Unternehmen müssen nun Aufgaben übernehmen, die eine Transfergesellschaft hätte bündeln können.
Für viele Beschäftigte wird der Weg in einen neuen Job schwierig. Für einige ausländische Mitarbeiter geht es zusätzlich um Sprachförderung, Familiennachzug oder ihre weitere Aufenthaltssicherheit.
Die Schließung macht damit deutlich, wie abhängig eine Region von einzelnen Großarbeitgebern werden kann.
Öffentliche Förderpolitik sollte künftig nicht nur auf die Zahl neu geschaffener Arbeitsplätze achten. Entscheidend sind auch langfristige Standortbindungen, Qualifizierung und die Frage, was im Fall eines späteren Rückzugs geschieht.
Quellen
- Bundesagentur für Arbeit, Agentur für Arbeit Thüringen Mitte: „Wir kommen zu Ihnen – direkt ins Unternehmen“, veröffentlicht am 14. Januar 2026.
- Thüringer Staatskanzlei: „Landesregierung steht an der Seite der Zalando-Beschäftigten“, veröffentlicht am 5. Februar 2026.
- Agentur für Arbeit Thüringen Mitte: Angaben zur Vermittlungssituation, zu offenen Stellen und zum Transformationsteam, veröffentlicht im Juli 2026.