Führungswechsel an Thüringens Universität

Universität Erfurt wählt André Brodocz zum Präsidenten – er warnt vor Stellenabbau

Neuer Präsident vor großen Herausforderungen

Von Christian Weigand 5 Min. Lesezeit

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Prof. Dr. André Brodocz vor dem Schriftzug der Universität Erfurt. Der Politikwissenschaftler wurde am 2. November 2026 zum neuen Präsidenten der Hochschule gewählt. Er warnt vor erheblichen Personaleinsparungen und möglichen Folgen für den wissenschaftlichen Nachwuchs.
Prof. Dr. André Brodocz vor dem Schriftzug der Universität Erfurt. Der Politikwissenschaftler wurde am 2. November 2026 zum neuen Präsidenten der Hochschule gewählt. Er warnt vor erheblichen Personaleinsparungen und möglichen Folgen für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Foto: Universität Erfurt

Die Universität Erfurt hat einen neuen Präsidenten gewählt. Am Montag, 2. November 2026, sprach sich die Hochschulversammlung mit großer Mehrheit für den Politikwissenschaftler Prof. Dr. André Brodocz aus. Der bisherige Vizepräsident für Forschung und akademische Karriere übernimmt damit künftig die Leitung der Hochschule. Noch vor seinem Amtsantritt warnt der Wissenschaftler vor erheblichen Personaleinsparungen infolge der neuen Finanzierungsvereinbarung des Landes Thüringen. Besonders gefährdet sieht er die Stellen junger wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Mit Brodocz wird erstmals ein Präsident aus den eigenen Reihen der Universität Erfurt gewählt. Der 2009 berufene Professor für Politische Theorie kennt die Hochschule aus unterschiedlichen Leitungsfunktionen und ist seit vielen Jahren in der Thüringer Wissenschaftslandschaft tätig.

Hochschulversammlung entscheidet mit großer Mehrheit

Die Wahl von André Brodocz erfolgte am 2. November in der Hochschulversammlung der Universität Erfurt.

Bereits im Herbst 2025 war er von einer Findungskommission als einer von drei geeigneten Kandidaten für das Präsidentenamt vorgeschlagen worden. Der Kommission gehörten Mitglieder des Senats und des Universitätsrates an.

Nachdem das Präsidentenamt im ersten Wahlgang nicht besetzt werden konnte, stellte sich Brodocz erneut zur Verfügung.

Die Vorsitzende des Universitätsrates, Prof. Dr. Andrea Dorothea Bührmann, begrüßte das Wahlergebnis.

Sie verwies insbesondere auf seine langjährige Erfahrung in verschiedenen Hochschulgremien und Leitungspositionen.

Brodocz habe sich als Senator, Mitglied des Universitätsrates, Dekan und zuletzt als Vizepräsident für die Universität engagiert.

Zugleich bezeichnete Bührmann ihn als hervorragenden Kenner der politischen Landschaft Thüringens.

Diese Kenntnisse könnten insbesondere bei den bevorstehenden Verhandlungen über die Zukunft der Hochschulfinanzierung von Bedeutung sein.

Neuer Präsident kommt erstmals aus den eigenen Reihen

Die Wahl markiert eine Besonderheit in der Geschichte der Universität Erfurt.

Erstmals übernimmt künftig ein Wissenschaftler das Präsidentenamt, der bereits als Professor an der Hochschule tätig ist.

André Brodocz wurde 2009 auf die Professur für Politische Theorie berufen.

Zuvor hatte er Politikwissenschaft, Soziologie und Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg studiert.

Anschließend arbeitete er zwölf Jahre an der Technischen Universität Dresden bei dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans Vorländer.

Dort promovierte er mit der Bewertung „summa cum laude“ und habilitierte sich 2007.

Damit blickt Brodocz auf nahezu drei Jahrzehnte wissenschaftlicher Tätigkeit an ostdeutschen Universitäten zurück.

Nach Angaben der Universität hatte er während dieser Zeit auch seinen Lebensmittelpunkt durchgehend in Ostdeutschland.

Langjährige Erfahrung in Forschung und Hochschulleitung

An der Universität Erfurt übernahm Brodocz im Laufe der Jahre verschiedene Aufgaben.

Er war mehrfach gewählter Dekan der Staatswissenschaftlichen Fakultät und engagierte sich in den zentralen Hochschulgremien.

Seit Februar 2024 ist er Vizepräsident für Forschung und akademische Karriere.

Neben seiner Tätigkeit in der Hochschulleitung beschäftigt er sich mit grundlegenden Fragen politischer Ordnung, demokratischer Repräsentation und gesellschaftlicher Konflikte.

Aktuell leitet er unter anderem ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Projekt über das Verhältnis von Recht und Politik bei Verfassungsveränderungen in Bolivien und Ecuador.

Ein weiteres Forschungsprojekt, das von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert wird, untersucht ökologische Konflikte und politische Repräsentationsansprüche.

Mit diesen wissenschaftlichen Schwerpunkten bringt Brodocz Erfahrungen aus der politischen Forschung in seine neue Leitungsaufgabe ein.

Thüringens Hochschulfinanzierung wird zur größten Herausforderung

Die Freude über seine Wahl verbindet der künftige Präsident mit einer deutlichen Warnung.

Nach seinen Angaben sieht die neue Rahmenvereinbarung zur Hochschulfinanzierung in Thüringen erhebliche Einsparungen beim Personal vor.

Diese könnten insbesondere wissenschaftliche Mitarbeiter treffen, deren Beschäftigungsverhältnisse häufig befristet sind.

Brodocz befürchtet, dass gerade diese Stellen bei notwendigen Einsparungen zuerst wegfallen könnten.

Damit wären aus seiner Sicht nicht nur einzelne Beschäftigte betroffen.

Auch Forschungsvorhaben, die Betreuung von Studierenden und die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Ideen könnten darunter leiden.

Der neue Präsident sieht deshalb eine besondere Verantwortung der Universität, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu schützen und ihre langfristige Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Brodocz warnt vor Folgen für junge Wissenschaftler

In seiner ersten Stellungnahme nach der Wahl sprach Brodocz offen über die schwierige finanzielle Situation.

„Die Landesregierung hat mit der Rahmenvereinbarung eine Finanzierung vorgelegt, mit der massive Einsparungen beim Personal auf uns zukommen“, erklärte er.

Besonders kritisch bewertet er die mögliche Konzentration solcher Kürzungen auf befristete Beschäftigungsverhältnisse.

Wissenschaftliche Mitarbeiter befinden sich häufig in einer frühen Phase ihrer akademischen Laufbahn. Sie arbeiten in Forschungsprojekten, unterstützen die Lehre und bereiten sich auf weitere wissenschaftliche Qualifikationen vor.

Ein überproportionaler Stellenabbau in diesem Bereich könnte nach Ansicht des künftigen Präsidenten die Entwicklung kommender Wissenschaftlergenerationen beeinträchtigen.

Dabei geht es nicht nur um die Universität Erfurt.

Die Frage, wie Hochschulen trotz begrenzter finanzieller Mittel ausreichend Personal für Forschung und Lehre beschäftigen können, betrifft die Zukunft des Wissenschaftsstandortes Thüringen insgesamt.

Zusammenarbeit mit der Landespolitik wird entscheidend

Brodocz macht deutlich, dass die Universität ihre Herausforderungen nicht allein bewältigen kann.

Für eine zukunftsfähige Entwicklung sei die Zusammenarbeit mit der Landespolitik notwendig.

Die Hochschule müsse gemeinsam mit ihren Beschäftigten und den politischen Verantwortlichen Wege finden, um die Folgen der geplanten Einsparungen zu begrenzen.

Welche konkreten Stellen oder Einrichtungen von Kürzungen betroffen sein könnten, geht aus der Pressemitteilung nicht hervor.

Auch die Höhe der vorgesehenen Einsparungen wird nicht beziffert.

Damit bleibt offen, welche tatsächlichen Auswirkungen die Rahmenvereinbarung auf die personelle Ausstattung der Universität Erfurt haben wird.

Bereits jetzt zeigt sich jedoch, dass die Hochschulfinanzierung zu den zentralen Aufgaben des neuen Präsidenten gehören dürfte.

Walter Bauer-Wabnegg führt Universität vorläufig weiter

Bis zum Amtsantritt von André Brodocz bleibt Prof. Dr. Walter Bauer-Wabnegg für die vorläufige Leitung der Universität Erfurt verantwortlich.

Wann Brodocz seine neue Funktion offiziell übernimmt, teilte die Universität in ihrer Pressemitteilung nicht mit.

Für den gewählten Präsidenten steht bereits fest, dass die kommenden Jahre anspruchsvoll werden.

Er bezeichnete die Universität Erfurt als eine Hochschule, die ihm persönlich sehr ans Herz gewachsen sei.

Seine Aufgabe sieht er darin, die Universität gemeinsam mit den Beschäftigten weiterzuentwickeln und ihre wissenschaftliche Leistungsfähigkeit auch unter schwierigen finanziellen Bedingungen zu erhalten.

Mit der Wahl ist die Führungsfrage geklärt. Die Auseinandersetzung um die finanzielle und personelle Zukunft der Universität dürfte dagegen erst beginnen.

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