Die Mehrheit unterstützt Klimaschutzmaßnahmen – doch viele Menschen nehmen diese Zustimmung schwächer wahr, als sie tatsächlich ist. Gleichzeitig wird überschätzt, wie viele andere bereit sind, Geld zu spenden oder sich politisch für den Klimaschutz einzusetzen. Das zeigt eine neue Studie des Institute for Planetary Health Behaviour der Universität Erfurt.
Mehr als 5.000 Menschen untersucht
Das Forschungsteam wertete fünf Studien mit insgesamt mehr als 5.000 Teilnehmern aus Deutschland und den USA aus. Untersucht wurde, wie Menschen die Einstellungen und das tatsächliche Verhalten anderer beim Klimaschutz einschätzen.
Dabei bestätigte sich zunächst ein bekanntes Muster: Eine große Mehrheit befürwortet grundsätzlich Klimaschutzmaßnahmen. Diese breite Zustimmung wird jedoch häufig unterschätzt.
Beim konkreten Verhalten zeigte sich das Gegenteil. Die Befragten überschätzten deutlich, wie viele andere Menschen:
- Geld für den Klimaschutz spenden,
- sich politisch engagieren,
- selbst aktiv an Klimaschutzmaßnahmen mitwirken.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Realität deutlich komplexer ist.“
Das erklärt Studienleiter Dr. Kevin Tiede von der Universität Erfurt. Die Annahme, Menschen würden die Klimaschutzbereitschaft anderer grundsätzlich unterschätzen, greife zu kurz.
Große Mehrheiten werden kleiner eingeschätzt
Die Wissenschaftler führen die gleichzeitige Unter- und Überschätzung auf einen allgemeinen psychologischen Mechanismus zurück. Menschen neigen demnach dazu, besonders hohe oder besonders niedrige Werte gedanklich in Richtung eines Mittelwertes zu verschieben.
Das bedeutet:
- Große Mehrheiten werden kleiner eingeschätzt.
- Kleine Minderheiten werden größer eingeschätzt.
- Seltenes Verhalten erscheint verbreiteter, als es tatsächlich ist.
Dieser Effekt könne einen Teil dessen erklären, was in der Forschung bisher als „pluralistische Ignoranz“ bezeichnet wurde. Gemeint ist die falsche Annahme, andere Menschen seien weniger zu einem bestimmten Verhalten oder einer Haltung bereit, als sie tatsächlich sind.
Korrektur allein führt nicht zu mehr Spenden
Die Ergebnisse sind vor allem für die Klimakommunikation relevant. In der Vergangenheit wurde häufig vorgeschlagen, Menschen stärker darüber zu informieren, wie breit die gesellschaftliche Zustimmung zum Klimaschutz ist.
Die Hoffnung: Wer erkennt, dass viele andere Klimaschutz unterstützen, wird selbst eher aktiv.
In den untersuchten Studien führte die Korrektur der Fehlwahrnehmungen jedoch nicht dazu, dass die Teilnehmer anschließend häufiger Geld für den Klimaschutz spenden wollten.
„Das Korrigieren von Fehlwahrnehmungen allein reicht nicht aus, um tatsächliches Klimaschutzverhalten zu fördern.“
Nach Einschätzung der Forscher müssen deshalb zusätzlich praktische Hindernisse beseitigt werden. Dazu gehören fehlendes Wissen über wirksame Maßnahmen, komplizierte Rahmenbedingungen oder mangelnde Möglichkeiten, klimafreundlich zu handeln.
Handeln muss einfacher werden
Die Zustimmung zu Klimaschutzmaßnahmen sei in vielen Bereichen bereits vorhanden und zeige sich sehr stabil. Die zentrale Herausforderung bestehe daher möglicherweise weniger darin, Menschen grundsätzlich zu überzeugen.
Stattdessen müsse es leichter werden, die vorhandene Zustimmung auch in konkretes Verhalten umzusetzen. Dazu können gehören:
- verständliche Informationen zu wirksamen Maßnahmen,
- niedrigere praktische Hürden,
- sichtbare und leicht nutzbare Angebote,
- politische Rahmenbedingungen für klimafreundliches Handeln,
- transparente Rückmeldungen zur Wirkung des eigenen Verhaltens.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlicht.
Quellen und Datenbasis
- Universität Erfurt, Pressemitteilung Nr. 09/2026 vom 7. Juli 2026: „Vom Unter- und Überschätzen des Klimaschutzverhaltens anderer“.
- Tiede, Kevin E.; Maur, K.; Betsch, C.: „People systematically under- and overestimate public engagement in climate action“, Nature Climate Change, 2026.