Wer Ende der 1970er Jahre auf den Straßen der DDR einen flachen, schnittigen Sportwagen mit weit nach oben geschwungenen Flügeltüren an sich vorbeiröhren sah, traute seinen Augen kaum. Das Fahrzeug wirkte wie frisch von den Rennstrecken in Le Mans oder Monza importiert. Doch dieses automobile Ausnahmekunstwerk stammte keineswegs aus Italien, sondern aus einer kleinen Dresdner Werkstatt im Stadtteil Leuben.
Der Melkus RS 1000 war das Lebenswerk von Heinz Melkus (1928–2005) – Dresdner Rennfahrer, Fahrschulinhaber und meisterhafter Konstrukteur. Zwischen 1969 und 1979 fertigte die kleine Dresdner Manufaktur in akribischer Handarbeit exakt 101 Exemplare dieses einzigen echten Straßen-Sportwagens der DDR.
Inhaltsübersicht
Ein Rennfahrer mit Vision: Wer war Heinz Melkus?
Das Wunder von Dresden: Wie aus Serienteilen ein Supersportwagen wurde
Form, Funktion und Faszination: Die Anatomie des RS 1000
Vom Rundkurs auf die Straße: Der Mythos des unerreichbaren Traums
Ortspunkt Dresden: Wo du das Melkus-Erbe hautnah erlebst
Leser-Aufruf: Hast du schon einmal einen Melkus RS 1000 live gesehen?
Ein Rennfahrer mit Vision: Wer war Heinz Melkus?
Heinz Melkus war eine Legende des ostdeutschen Motorsports. Der Dresdner gewann in den 1950er, 60er und 70er Jahren fünf DDR-Meistertitel im Formelsport und feierte Erfolge beim Pokal für Frieden und Freundschaft.
Doch Melkus wollte nicht nur fahren, er wollte konstruieren. Auf der Basis eigener Rennsport-Erfahrungen und in Zusammenarbeit mit Ingenieuren der Technischen Universität Dresden, der Kunsthochschule Dresden sowie Spezialisten aus dem Automobilwerk Eisenach (AWE) fasste er zum 20. Jahrestag der DDR den kühnen Entschluss: Ein reinrassiger, straßenzugelassener Mittelmotor-Sportwagen sollte entstehen.
Das Wunder von Dresden: Wie aus Serienteilen ein Supersportwagen wurde
Die größte Herausforderung bestand in der Materialbeschaffung. Ein Großserien-Sportwagen war im zentralen Wirtschaftsplan der DDR nicht vorgesehen. Melkus nutzte daher sein meisterhaftes Netzwerk und improvisierte mit bestehenden Baugruppen:
Der Motor: Ein überarbeiteter Dreizylinder-Zweitaktmotor aus dem Wartburg 353, ausgerüstet mit drei Vergaseranlagen und abgestimmtem Resonanzauspuff. Er leistete in der Straßenversion rund 70 bis 90 PS, in der Rennversion bis zu 110 PS.
Das Chassis: Ein modifizierter Leiterrahmen des Wartburg, ergänzt durch Überrollbügel und eine extrem tiefe Sitzposition.
Die Karosserie: Eine formschöne, aerodynamische Hülle aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK), gefertigt im Karosseriewerk Dresden.
Form, Funktion und Faszination: Die Anatomie des RS 1000
Das Ergebnis war atemberaubend. Der Melkus RS 1000 (das „RS“ stand schlicht für Rennsportwagen) wog dank der Leichtbau-Karosserie nur knapp 850 Kilogramm.
Durch das geringe Gewicht erreichte der flache Flügeltürer (Fahrzeughöhe: gerade einmal 1,07 Meter!) Höchstgeschwindigkeiten von über 160 km/h (in den Rennversionen über 200 km/h). Das Cockpit glich dem eines Jagdflugzeugs: Rennschalensitze, Sportlenkrad, Zusatzinstrumente und die markanten, nach oben öffnenden Flügeltüren machten jedes Einsteigen zu einer motorsportlichen Zeremonie.
Vom Rundkurs auf die Straße: Der Mythos des unerreichbaren Traums
Ein Melkus RS 1000 war in der DDR unbezahlbar und extrem schwer zu bekommen. Der Preis lag bei rund 30.000 Mark der DDR – beinahe das Dreifache eines normalen Wartburgs.
Zudem gab es das Fahrzeug nicht einfach auf Bestellung: Wer einen RS 1000 kaufen wollte, musste einen Nachweis über eine aktive motorsportliche Betätigung erbringen (etwa beim ADMV). Die Autos waren daher meist Rennfahrern, Künstlern oder prominenten Enthusiasten vorbehalten. Jedes Auto war ein Unikat, das individuell auf die Wünsche des Fahrers angepasst wurde.
Ortspunkt Dresden: Wo du das Melkus-Erbe hautnah erlebst
Wer auf den Spuren von Heinz Melkus und der Dresdner Rennsportgeschichte (Bundesland: Sachsen, Stadt: Dresden) wandeln möchte, findet erstklassige Anlaufstellen:
Verkehrsmuseum Dresden (Johanneum am Neumarkt): Zeigt in seiner Straßenverkehrsausstellung originale Melkus-Rennwagen und einen perfekt erhaltenen Melkus RS 1000 inklusive Einblicken in die Technik.
Autohaus & Traditionswerkstatt Melkus (Dresden): Die Familie Melkus führt das Erbe in Dresden weiter und pflegt sowie restauriert bis heute die historischen Originalfahrzeuge.
Leser-Aufruf: Hast du schon einmal einen Melkus RS 1000 live gesehen?
Hast du den Flügeltürer schon einmal auf der Rennstrecke erlebt, begeisterst du dich für die Ingenieurskunst von Heinz Melkus oder hast du das Verkehrsmuseum Dresden besucht?
Schickt uns eure Fotos und Geschichten per E-Mail an redaktion@ostdeutsche-zeitung.de!