Die Tour de France könnte 2029 mit einem Prolog in Berlin und drei weiteren Etappen durch Ostdeutschland beginnen. Die gemeinsame Bewerbung von Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wurde bereits Ende Juni offiziell beim Tour-Veranstalter eingereicht. Nun hat Tour-Direktor Christian Prudhomme das Vorhaben bei einem Besuch in der Hauptstadt als reizvoll bezeichnet. Die Konkurrenz bleibt jedoch stark – und auch die Kostenfrage ist noch offen.
Die deutsche Bewerbung steht unter der Trägerschaft des Radsportverbandes German Cycling. Gemeinsam mit dem Verein „Grand Départ Allemagne“ und den beteiligten Ländern wurde ein sogenanntes Bidbook erarbeitet und zum 30. Juni 2026 an die Amaury Sport Organisation, kurz A.S.O., übergeben.
Der geplante Tour-Auftakt soll an den 40. Jahrestag der Friedlichen Revolution und des Mauerfalls erinnern. Die Organisatoren wollen das weltweit beachtete Radrennen nutzen, um die Entwicklung Ostdeutschlands seit 1989, die europäische Einigung und die deutsch-französische Freundschaft sichtbar zu machen.
Prolog in Berlin, danach drei Etappen durch den Osten
Nach dem bisher bekannten Konzept soll die Tour de France 2029 mit einem Prolog in Berlin beginnen. Anschließend sind drei Etappen durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vorgesehen. Ein endgültiger Streckenplan wurde bislang nicht veröffentlicht.
Denkbar ist, dass historische Orte der Friedlichen Revolution, bedeutende ostdeutsche Städte und traditionsreiche Radsportregionen in die Streckenführung einbezogen werden. Welche Städte Etappenstart oder Zielort werden könnten, ist noch nicht offiziell bestätigt.
Das Konzept umfasst damit:
- einen Tour-Auftakt in Berlin,
- drei anschließende Etappen durch Ostdeutschland,
- die Beteiligung von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen,
- eine historische Verbindung zum Jahr 1989,
- eine gemeinsame Präsentation der Region vor einem internationalen Publikum.
Tour-Direktor Christian Prudhomme hob bei seinem Berliner Besuch insbesondere die symbolische Kraft eines Starts zum 40. Jahrestag des Mauerfalls und die lange Radsporttradition im Osten Deutschlands hervor.
„Eine Riesenchance, um die Geschichte der Freiheit und den Fall der Mauer zu erzählen.“
Mit diesen Worten beschrieb Rudolf Scharping, Vorstandsmitglied der deutschen Bewerbungsinitiative, die politische und historische Bedeutung des Vorhabens.
Berlin war zuletzt 1987 Gastgeber der Tour
Die Tour de France war bereits 1987 in Berlin zu Gast. Damals begann das Rennen im noch geteilten West-Berlin – zwei Jahre vor dem Fall der Mauer. Der bisher letzte deutsche Grand Départ fand 2017 in Düsseldorf statt.
Ein neuer Start in Berlin würde deshalb mehrere historische Ebenen verbinden:
- die Tour-Ausgabe von 1987 im geteilten Berlin,
- den Mauerfall vom 9. November 1989,
- die Wiedervereinigung Deutschlands,
- die heutige Zusammenarbeit mehrerer ostdeutscher Länder.
Für die Bewerbung ist dieser historische Rahmen ein wichtiges Argument. Ein Grand Départ wird nicht allein nach sportlichen Kriterien vergeben. Auch politische Symbolik, touristische Wirkung, Finanzierung, Infrastruktur und die organisatorische Leistungsfähigkeit der Gastgeber spielen eine Rolle.
Entscheidung soll bis Anfang 2027 fallen
Über den Austragungsort entscheidet die A.S.O. als Veranstalterin der Tour de France. Nach den derzeit bekannten Planungen soll die Entscheidung über den Grand Départ 2029 bis Anfang 2027 getroffen werden.
Deutschland ist dabei nicht ohne Konkurrenz. Auch Prag und Slowenien werden als Bewerber genannt. Slowenien könnte mit der außergewöhnlichen Popularität seines Radsports und der Verbindung zu Tour-Sieger Tadej Pogačar werben.
Für die deutsche Bewerbung sprechen:
- die historische Bedeutung des Jahres 2029,
- Berlin als international bekannte Hauptstadt,
- die Radsporttradition Ostdeutschlands,
- mehrere beteiligte Länder,
- bestehende Erfahrungen mit großen Sportveranstaltungen,
- die symbolische Verbindung von Deutschland und Frankreich.
Gegen die Bewerbung könnten die hohen Kosten, komplexe Abstimmungen zwischen mehreren Ländern und attraktive Gegenkandidaten sprechen.
Was kostet ein Tour-Start in Berlin?
Eine belastbare Gesamtsumme für den geplanten Grand Départ wurde bislang nicht öffentlich genannt. Auch die genaue Aufteilung zwischen Berlin, den drei weiteren Ländern, dem Bund, Sponsoren und privaten Partnern ist noch nicht bekannt.
Kosten entstehen unter anderem für:
- Zahlungen und organisatorische Leistungen gegenüber dem Tour-Veranstalter,
- Straßensperrungen und Verkehrslenkung,
- Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste,
- Absperrungen und Sicherheitskonzepte,
- Medien- und Veranstaltungsflächen,
- Unterbringung und Logistik,
- Reinigung und Wiederherstellung der Strecken,
- begleitende Kultur- und Bürgerveranstaltungen.
Gerade Berlin muss vor einer endgültigen Zusage transparent darstellen, welche finanziellen Verpflichtungen auf das Land zukommen. Ein weltweites Fernsehpublikum und viele Besucher allein rechtfertigen nicht jede öffentliche Ausgabe.
Ebenso muss geklärt werden, ob notwendige Straßensanierungen eigens für das Rennen vorgezogen werden und wer diese bezahlt.
Hoffnung auf Tourismus und weltweite Bilder
Die Tour de France zählt zu den international sichtbarsten Sportveranstaltungen. Ein Start in Berlin und mehrere Etappen durch Ostdeutschland könnten Bilder der Hauptstadt, ostdeutscher Städte und Landschaften in zahlreiche Länder übertragen.
Davon könnten profitieren:
- Hotels und Ferienunterkünfte,
- Gastronomie,
- Einzelhandel,
- regionale Reiseanbieter,
- Fahrradtourismus,
- beteiligte Städte und Gemeinden,
- lokale Vereine und Nachwuchsprojekte.
Die tatsächliche wirtschaftliche Wirkung hängt jedoch stark von Streckenführung, Aufenthaltsdauer der Gäste und regionaler Vermarktung ab. Ein einzelner Etappentag bringt nicht automatisch dauerhafte Mehreinnahmen.
Damit ein nachhaltiger Nutzen entsteht, müssten die beteiligten Länder das Rennen mit touristischen Angeboten, Radwegen, Veranstaltungen und langfristiger Standortwerbung verbinden.
Ostdeutsche Radsporttradition als starkes Argument
Ostdeutschland besitzt eine lange und erfolgreiche Radsportgeschichte. Die Friedensfahrt prägte über Jahrzehnte den Sport im Osten. Zahlreiche erfolgreiche Bahn- und Straßenradsportler stammen aus den beteiligten Ländern.
Ein Grand Départ könnte an diese Tradition anknüpfen und zugleich den heutigen Nachwuchssport stärken. Begleitprogramme an Schulen, Vereinsaktionen und öffentliche Jedermann-Veranstaltungen wären denkbar.
Der sportliche Nutzen hängt aber davon ab, ob neben dem einmaligen Großereignis auch dauerhaft investiert wird:
- in sichere Radwege,
- in Nachwuchstrainer,
- in Vereinsanlagen,
- in regionale Rennen,
- in Verkehrsbildung,
- in den Alltagsradverkehr.
Eine Tour-Etappe allein verbessert noch keine Radinfrastruktur. Sie kann jedoch politischen und öffentlichen Druck erzeugen, bestehende Defizite sichtbarer zu machen.
Ein starkes Bild – aber noch keine Zusage
Die Verbindung aus Berlin, Mauerfall-Jubiläum und ostdeutscher Radsportgeschichte gibt der Bewerbung ein klares Profil. Die positive Reaktion des Tour-Direktors ist ein wichtiges Signal, aber keine Vorentscheidung.
Bis zur möglichen Vergabe müssen die beteiligten Länder vor allem drei Fragen beantworten:
- Wie sieht die konkrete Strecke aus?
- Wie hoch sind die Gesamtkosten?
- Welcher dauerhafte Nutzen bleibt nach dem Rennen?
Gelingt die Bewerbung, könnte die Tour de France 2029 erstmals seit 2017 wieder in Deutschland beginnen – und Ostdeutschland für mehrere Tage in den Mittelpunkt des internationalen Sports rücken.
Bis Anfang 2027 entscheidet sich, ob aus dem ehrgeizigen Plan tatsächlich ein Grand Départ zwischen Brandenburger Tor, mitteldeutschen Städten und ostdeutschen Landschaften wird.
Quellen und Datenbasis
- Grand Départ Allemagne: offizielle Einreichung des Bidbooks zum 30. Juni 2026.
- Aktuelle Berichterstattung zum Besuch von Tour-Direktor Christian Prudhomme, zum geplanten Prolog in Berlin und zu den drei ostdeutschen Etappen.
- Sportschau: Konkurrenzbewerbungen aus Prag und Slowenien.