Deutschlands Verteidigung beginnt längst nicht erst an einer Landesgrenze. Entscheidend ist auch, ob im eigenen Land Flughäfen funktionieren, Züge fahren, Brücken passierbar bleiben, Strom verfügbar ist und militärische Verbände sicher verlegt werden können. Gerade im Osten Deutschlands laufen dabei zivile Infrastruktur, NATO-Logistik und Heimatschutz zunehmend zusammen.

Die Bundeswehr nennt Flughäfen, Bahnlinien, Brücken, Energieanlagen und digitale Netze inzwischen ausdrücklich als Infrastruktur, die Heimatschutzkräfte im Spannungs- und Verteidigungsfall sichern sollen. Hinzu kommt die Abwehr von Drohnen, die kritische Anlagen ausspähen oder bedrohen könnten.

Deutschland wird zur logistischen Drehscheibe der NATO

Der Hintergrund liegt in der veränderten sicherheitspolitischen Lage Europas.

Deutschland befindet sich geografisch zwischen den westlichen NATO-Staaten und der Ostflanke des Bündnisses. Im Verteidigungsfall müssen deshalb große Mengen an Personal, Fahrzeugen, Material und Versorgungsgütern durch das Land bewegt werden.

Die Bundeswehr bezeichnet Deutschland selbst als zentrale logistische Drehscheibe für Truppenverlegungen Richtung NATO-Ostflanke. Der Heimatschutz soll gewährleisten, dass diese Bewegungen auch unter schwierigen Bedingungen möglich bleiben.

Damit werden nicht nur Kasernen und Truppenübungsplätze wichtig.

Auch ganz normale Verkehrswege bekommen im Ernstfall eine militärische Bedeutung.

Bahnlinien werden Teil der Verteidigungsplanung

Besonders deutlich wird das bei der Eisenbahn.

Schwere Fahrzeuge, Panzer und große Mengen Material lassen sich über längere Strecken wesentlich effizienter auf der Schiene bewegen als ausschließlich auf der Straße.

Bei einer Übung der Bundeswehr trainierte die Heimatschutzkompanie Sachsen deshalb ausdrücklich die Sicherung einer Verladerampe an einem Bahnhof. Das Szenario sah vor, dass deutsche und verbündete Truppen über die Schiene in Richtung NATO-Ostflanke verlegt werden.

Die Aufgabe der Heimatschutzkräfte bestand darin, diese Infrastruktur gegen mögliche Störungen oder Angriffe zu sichern.

Was im Alltag ein Bahnhof oder Güterterminal ist, kann im Verteidigungsfall damit zu einem wichtigen militärischen Knotenpunkt werden.

Ostdeutsche Verkehrsachsen liegen auf dem Weg nach Osten

Gerade für Ostdeutschland ist diese Entwicklung relevant.

Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern liegen unmittelbar an Verkehrsachsen in Richtung Polen und Ostsee. Berlin bildet gleichzeitig einen bedeutenden Verkehrs- und Führungsknoten.

Das bedeutet nicht, dass sämtliche Straßen oder Bahnstrecken automatisch militärische Infrastruktur darstellen.

Doch die geografische Lage macht funktionierende Ost-West- und Nord-Süd-Verbindungen für die Bündnislogistik besonders wichtig.

Bei der Großübung „Vigilant Roland“ trainierten mehr als 650 Heimatschutzsoldaten bundesweit gleichzeitig den Schutz militärischer Verlegungen und verteidigungswichtiger Infrastruktur.

Heimatschutzdivision sitzt ausgerechnet in Berlin

Auch organisatorisch bekommt der Osten eine besondere Rolle.

Die 2025 aufgestellte Heimatschutzdivision hat ihren Sitz in Berlin. Rund 90 Prozent ihrer Angehörigen sind nach Angaben der Bundeswehr Reservistinnen und Reservisten.

Ihre Aufgabe ist es, Deutschland im eigenen Land abzusichern.

Dazu gehört neben dem Schutz wichtiger Infrastruktur auch der sogenannte Host Nation Support: Deutschland muss alliierten Streitkräften ermöglichen, sich durch das Bundesgebiet zu bewegen, Material zu transportieren und Einsatzräume zu erreichen.

Damit bekommt Berlin nicht nur politische, sondern auch militärisch-organisatorische Bedeutung.

Flughäfen sind mehr als Passagierterminals

Auch Flughäfen rücken stärker in den Fokus.

Die Bundesregierung setzt in ihrer Luftfahrtstrategie ausdrücklich auf ein resilientes Netz aus Verkehrs-, Fracht- und Regionalflughäfen. Gleichzeitig wurden die rechtlichen Möglichkeiten zur Drohnenabwehr im Umfeld kritischer Infrastruktur erweitert.

Für Mitteldeutschland besitzt insbesondere der Flughafen Leipzig/Halle eine besondere Stellung.

Sachsen und Sachsen-Anhalt bezeichnen den Airport als wichtigen Baustein für Verkehr und Logistik der Region. Beide Länder unterstützen den Sanierungskurs der Mitteldeutschen Flughafen AG weiterhin finanziell.

Eine 2026 vorgestellte Studie beziffert die mit den Flughäfen Leipzig/Halle und Dresden verbundene Bruttowertschöpfung auf insgesamt 4,6 Milliarden Euro und die Zahl gesicherter Arbeitsplätze auf mehr als 52.000.

Sicherheit von Flughäfen bekommt neue Dimension

Dabei geht es inzwischen nicht mehr nur um klassische Flugsicherheit.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seien illegale Drohnenflüge über kritischer Infrastruktur in Deutschland deutlich angestiegen, erklärt die Bundesregierung. Teilweise bestehe der Verdacht, dass ausländische staatliche Akteure Drohnen für Spionage- oder Sabotagezwecke einsetzen.

Die Bundesregierung hat deshalb die Möglichkeiten zur Drohnenabwehr ausgeweitet.

Unter bestimmten Voraussetzungen kann inzwischen auch die Bundeswehr die Polizei bei der Abwehr gefährlicher Drohnen unterstützen.

Sachsen fordert darüber hinaus ein bundesweites Echtzeit-Lagebild bei Drohnenvorfällen und eine stärkere Zusammenarbeit mit dem Bund bei hybriden Bedrohungen wie Spionage und Cyberangriffen.

Energieanlagen werden zum Sicherheitsfaktor

Die gleiche Entwicklung betrifft die Energieversorgung.

Kraftwerke, Umspannwerke und Netze gehören zu den kritischen Infrastrukturen Deutschlands. Fallen sie aus, können die Auswirkungen unmittelbar Krankenhäuser, Kommunikation, Verkehr und Wasserversorgung treffen.

Der Schutz solcher Anlagen wird deshalb inzwischen nicht mehr ausschließlich als Aufgabe der Betreiber verstanden.

Im Verteidigungsfall können auch Heimatschutzkräfte eingesetzt werden, um Energieanlagen und andere verteidigungswichtige Einrichtungen zu sichern.

Wie weitreichend Stromausfälle wirken können, hatte Anfang 2026 auch ein Anschlag auf das Berliner Stromnetz gezeigt. Die Bundesregierung verwies anschließend ausdrücklich darauf, dass kritische Infrastruktur besser geschützt werden müsse.

Strom, Bahn und Kommunikation hängen voneinander ab

Besonders problematisch ist, dass die einzelnen Systeme voneinander abhängig sind.

Ohne Strom funktionieren Kommunikationsnetze nur begrenzt. Ohne digitale Systeme kann Bahnverkehr gestört werden. Ohne Verkehrswege lassen sich Ersatzteile, Einsatzkräfte oder Treibstoff schwieriger transportieren.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe betont deshalb, dass beim Schutz kritischer Infrastruktur nicht nur einzelne Anlagen betrachtet werden dürfen, sondern auch deren gegenseitige Abhängigkeiten.

Genau diese Vernetzung macht Infrastruktur leistungsfähig – aber gleichzeitig verletzlich.

Neues KRITIS-Gesetz verschärft Anforderungen

Seit März 2026 ist zudem das neue KRITIS-Dachgesetz in Kraft.

Damit gibt es erstmals einen sektorübergreifenden gesetzlichen Rahmen, der die Widerstandsfähigkeit kritischer Einrichtungen gegenüber unterschiedlichen Gefahren stärken soll.

Betroffen sind unter anderem Energie, Verkehr, Wasser, Gesundheit sowie Informations- und Telekommunikationssysteme.

Ziel ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen und Betreiber stärker auf Störungen und Krisen vorzubereiten.

Ostdeutschland zwischen zivilem Alltag und Bündnislogistik

Für Ostdeutschland entsteht daraus eine neue strategische Rolle.

Flughäfen wie Leipzig/Halle, große Bahnverbindungen, Energieanlagen, digitale Netze sowie die Nähe zu Polen und zur Ostsee machen die Region zu einem wichtigen Raum für zivile Versorgung und militärische Logistik zugleich.

Hinzu kommen Bundeswehrstandorte, Truppenübungsplätze und die in Berlin geführte Heimatschutzdivision.

Das bedeutet nicht, dass Ostdeutschland plötzlich zum militärischen Gebiet wird.

Es bedeutet aber, dass Infrastruktur, die im Alltag vor allem wirtschaftliche oder gesellschaftliche Funktionen erfüllt, im Krisen- und Verteidigungsfall zusätzliche Bedeutung bekommt.

Sicherheit entscheidet sich auch an Bahnhöfen und Umspannwerken

Die neue Sicherheitslage verändert damit auch den Blick auf Infrastruktur.

Ein Flughafen ist nicht nur Ausgangspunkt für Urlaubsreisen und Fracht. Eine Bahnlinie ist nicht nur Pendlerverbindung. Ein Kraftwerk oder Umspannwerk ist nicht nur Teil des Energiemarktes.

Im Ernstfall entscheidet die Funktionsfähigkeit solcher Anlagen darüber, ob Bevölkerung, Wirtschaft und Streitkräfte handlungsfähig bleiben.

Genau deshalb rückt Ostdeutschland mit seinen Verkehrswegen, Energieanlagen und seiner geografischen Lage stärker in das Zentrum der deutschen Sicherheitsplanung.

Quellen

Bundeswehr – Heimatschutzdivision

Bundeswehr – Heimatschutz als Auftrag der Reserve

Bundeswehr – Übung „Vigilant Roland“

Bundeswehr – Heimatschutzkompanie Sachsen

Bundesregierung – Stärkung der Drohnenabwehr

Bundesregierung – Luftfahrtstrategie 2026

Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe – Kritische Infrastrukturen und KRITIS-Dachgesetz

Sächsische Staatsregierung – Mitteldeutsche Flughafen AG und Schutz vor hybriden Bedrohungen