BERLIN. Angela Merkel ist seit fast fünf Jahren nicht mehr Bundeskanzlerin – doch eine neue Umfrage zeigt, wie stark das Vertrauen in die frühere Regierungschefin bei vielen Deutschen weiterhin ist.
In einer repräsentativen YouGov-Befragung im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur wurden die Teilnehmer gefragt, ob Angela Merkel als Bundeskanzlerin besser, schlechter oder genauso gut geeignet wäre wie der heutige Kanzler Friedrich Merz, die aktuellen Probleme und Herausforderungen Deutschlands zu lösen.
Das Ergebnis fällt für den amtierenden Bundeskanzler deutlich aus.
48 Prozent der Befragten halten Merkel für besser geeignet.
Nur acht Prozent sind der Auffassung, Merkel wäre schlechter geeignet als Friedrich Merz.
Weitere 29 Prozent sehen beide als genauso gut beziehungsweise genauso schlecht geeignet an. 15 Prozent antworteten mit „weiß nicht“ oder machten keine Angabe.
2.072 Erwachsene wurden befragt
YouGov befragte am 2. Oktober 2026 insgesamt 2.072 Erwachsene in Deutschland.
Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind nach Angaben des Instituts repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.
Die Fehlertoleranz der Erhebung liegt bei bis zu 2,15 Prozentpunkten.
Die Fragestellung ist allerdings wichtig für die Einordnung: Die Teilnehmer wurden nicht gefragt, ob sie Merkel erneut als Bundeskanzlerin haben möchten oder wen sie bei einer Wahl bevorzugen würden.
Gefragt wurde ausschließlich, wem sie bei der Bewältigung der heutigen Probleme größere Fähigkeiten zutrauen.
Von einem politischen „Comeback-Wunsch“ von 48 Prozent kann deshalb aus der Umfrage nicht gesprochen werden.
Schwieriges Ergebnis für Friedrich Merz
Für Friedrich Merz ist das Ergebnis dennoch bemerkenswert.
Beide Politiker gehören derselben Partei an. Merkel führte die CDU 18 Jahre lang und regierte Deutschland von 2005 bis 2021. Merz übernahm nach langen innerparteilichen Auseinandersetzungen später die Führung der CDU und steht inzwischen an der Spitze der Bundesregierung.
Politisch verkörpern beide jedoch unterschiedliche Stile.
Merkel setzte während ihrer Kanzlerschaft häufig auf vorsichtige Entscheidungen, lange Abstimmungen und einen eher nüchternen öffentlichen Auftritt.
Merz trat dagegen mit dem Versprechen an, politische Entscheidungen schneller und grundsätzlicher zu treffen und Deutschland wirtschafts- und gesellschaftspolitisch neu auszurichten.
Die aktuelle Wahrnehmung der Bevölkerung fällt im direkten Vergleich nun deutlich zugunsten Merkels aus.
Merz steht unter wachsendem Druck
Das Ergebnis kommt zu einem für den Kanzler schwierigen Zeitpunkt.
Die Bundesregierung ringt unter anderem um Reformen der Renten-, Pflege- und Steuersysteme. Gleichzeitig steht die Union nach mehreren schwachen Wahlergebnissen und schlechten bundesweiten Umfragewerten unter Druck.
Auch die persönliche Zustimmung zu Merz ist zuletzt deutlich zurückgegangen.
Eine aktuelle INSA-Erhebung brachte CDU und CSU bundesweit nur noch auf 18 Prozent, während die AfD mit 30 Prozent ihren bislang höchsten Wert bei diesem Institut erreichte.
79 Prozent der dort Befragten erklärten zudem, mit der Arbeit von Friedrich Merz unzufrieden zu sein.
Die Erhebungen stellen allerdings unterschiedliche Fragen und sind deshalb nicht unmittelbar miteinander vergleichbar.
Eine neue Merkel-Nostalgie?
Gleichzeitig erlebt Angela Merkel seit einiger Zeit wieder eine ungewöhnlich starke öffentliche Aufmerksamkeit.
Ihre Autobiografie „Freiheit“ wurde international mehr als eine Million Mal verkauft. Lesungen und öffentliche Auftritte der früheren Kanzlerin stoßen weiterhin auf großes Interesse.
Auch in sozialen Netzwerken wird Merkel inzwischen von jüngeren Nutzern aufgegriffen, von denen manche während eines großen Teils ihrer Kanzlerschaft noch nicht wahlberechtigt waren.
Dabei entsteht teilweise das Bild einer politisch ruhigeren Zeit.
Ob diese Erinnerung der tatsächlichen politischen Bilanz ihrer 16 Regierungsjahre entspricht, ist eine andere Frage.
Auch Merkels Regierungszeit war von schweren Krisen geprägt
Merkels Kanzlerschaft verlief keineswegs konfliktfrei.
In ihre Regierungszeit fielen die internationale Finanzkrise, die Eurokrise, die Flüchtlingsbewegung von 2015, der Brexit und schließlich die Corona-Pandemie.
Besonders ihre Migrationspolitik sorgte innerhalb Deutschlands für heftige Auseinandersetzungen und veränderte die Parteienlandschaft nachhaltig.
Auch Deutschlands jahrelange Energieabhängigkeit von Russland, der langsame Ausbau der Digitalisierung und Probleme bei Infrastruktur und Bundeswehr werden rückblickend mit politischen Entscheidungen aus der Merkel-Zeit verbunden.
Eine hohe heutige Zustimmung bedeutet deshalb nicht zwangsläufig eine positive Bewertung sämtlicher Entscheidungen ihrer Regierung.
Erinnerung an politischen Stil könnte eine Rolle spielen
Ein möglicher Faktor für Merkels derzeitige Popularität ist ihr Regierungsstil.
Die frühere Kanzlerin präsentierte sich meist sachlich, zurückhaltend und wenig konfrontativ. Entscheidungen wurden häufig erst nach längerer Abwägung öffentlich vertreten.
In einer Zeit zunehmender politischer Polarisierung kann gerade diese Art der Kommunikation rückblickend attraktiver erscheinen.
Politikwissenschaftler weisen zudem darauf hin, dass politische Vergangenheit häufig positiver wahrgenommen wird, wenn gegenwärtige Krisen und Konflikte besonders stark empfunden werden.
Damit misst die YouGov-Befragung möglicherweise nicht nur die Bewertung zweier CDU-Politiker.
Sie zeigt auch, wie stark sich die Wahrnehmung politischer Führung in Deutschland verändert hat.
Merkel selbst plant keine politische Rückkehr
Aus der neuen Aufmerksamkeit lässt sich bislang auch kein Hinweis auf ein tatsächliches politisches Comeback Merkels ableiten.
Die frühere Bundeskanzlerin hat sich aus der aktiven Parteipolitik zurückgezogen und übernimmt kein politisches Amt.
Sie tritt zwar wieder häufiger öffentlich auf, äußert sich zu politischen und gesellschaftlichen Fragen und nimmt an Veranstaltungen teil.
Eine Rückkehr ins Kanzleramt steht jedoch nicht zur Debatte.
Das macht das Ergebnis für Friedrich Merz möglicherweise noch bemerkenswerter: Er wird nicht mit einem aktuellen Gegenkandidaten verglichen, sondern mit einer Politikerin, die ihre aktive Regierungszeit bereits 2021 beendet hat.
Und dennoch sagt nahezu jeder zweite Befragte, Merkel wäre aus seiner Sicht besser geeignet, die gegenwärtigen Probleme Deutschlands zu lösen.