Deutschland bereitet staatliche und zivile Einrichtungen zunehmend auf einen möglichen Bündnis- oder Verteidigungsfall vor. Die Planungen reichen von der Evakuierung der Bundesregierung bis zur Aufnahme Hunderter Verwundeter.
Regierung probt Evakuierung aus Berlin
Die Bundeswehr hat im Frühjahr 2026 erstmals besonders offen gezeigt, welche Aufgaben sie im Ernstfall in der Hauptstadt übernehmen müsste. Das Wachbataillon übte vom 11. Mai bis zum 5. Juni bei „Bollwerk Bärlin“ den Schutz der Regierungssitze.
Zum Auftrag gehörte ausdrücklich die Evakuierung von Regierungsmitgliedern. Die Soldaten trainierten außerdem, wie die Bundesregierung im Spannungs- oder Verteidigungsfall arbeitsfähig bleiben kann.
Solche Übungen bedeuten nicht, dass ein Angriff unmittelbar bevorsteht. Sie zeigen jedoch, dass die Evakuierung politischer Entscheidungsträger inzwischen wieder zur praktischen Verteidigungsplanung gehört. Konkrete Ausweichsitze, Transportwege und Unterbringungsorte bleiben aus Sicherheitsgründen geheim.
Kliniken rechnen mit bis zu 1.000 Verwundeten
Deutlich weiter reichen die Vorbereitungen im Gesundheitswesen. Die Bundeswehr legt für einen Krieg an der Nato-Ostflanke täglich 300 bis 1.000 verwundete oder erkrankte Soldaten zugrunde. Etwa ein Drittel könnte intensivmedizinische Hilfe benötigen.
Deutschland wäre dabei nicht nur Aufmarschgebiet für Truppen und Material. Das Land würde zugleich zur zentralen Drehscheibe für den Rücktransport verwundeter deutscher und verbündeter Soldaten.
Die fünf Bundeswehrkrankenhäuser könnten diese Belastung nicht allein bewältigen. Ein Teil ihres Personals würde näher am Kampfgebiet eingesetzt. Zivile Krankenhäuser müssten deshalb einen großen Teil der Verwundeten aufnehmen.
Als mögliche Maßnahmen nennt die Bundeswehr die Verringerung planbarer Operationen, frühere Entlassungen und eine stärkere Verteilung der Patienten. Hinzu kommen Vorräte an Medikamenten, Blutkonserven und Medizinprodukten sowie eine Absicherung gegen Strom- und IT-Ausfälle.
Berlin übt die Verwundetendrehscheibe
Bei „Medic Quadriga 2026“ erprobten Bundeswehr und zivile Hilfsorganisationen die Rettungskette von der Nato-Ostflanke bis in deutsche Krankenhäuser. Die Übung fand im Februar und März in Litauen, Berlin und Brandenburg statt.
Mehr als 1.000 Bundeswehrangehörige sowie über 250 zivile Teilnehmer waren beteiligt. Dazu gehörten Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienste, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz, die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Flughafen BER.
Im Mittelpunkt stand ein medizinischer Umschlagpunkt in Berlin. Dort wurden eintreffende Patienten erfasst, nach ihrem Zustand beurteilt und an Rettungsdienste und Kliniken weitergegeben.
Die Übung diente zugleich als Belastungstest. Sie sollte zeigen, wo Transportkapazitäten, Kommunikationswege, Krankenhausbetten oder Zuständigkeiten noch nicht ausreichen.
Bund plant Verteilung auf Krankenhäuser
Die Länder arbeiten außerdem an einem bundesweiten Konzept für die Versorgung im Bündnisfall. Das sogenannte Petersberger Papier soll festlegen, wie freie Betten erfasst und Patienten über Ländergrenzen hinweg verteilt werden.
Vorgesehen sind zentrale Leitstellen, die verfügbare Kapazitäten melden und Transporte koordinieren. Damit soll verhindert werden, dass einzelne Regionen überlastet werden, während andernorts noch Betten frei sind.
Eine vollständige Evakuierung deutscher Krankenhäuser ist nicht geplant. Möglich wären jedoch die Verlegung einzelner Patienten, die Räumung gefährdeter Gebäudeteile oder die Umstellung eines Klinikbetriebs auf Not- und Kriegsversorgung.
Botschaftspläne bleiben unter Verschluss
Auch Botschaften verfügen grundsätzlich über Notfallpläne. Deutsche Auslandsvertretungen müssen Personal und deutsche Staatsangehörige bei Unruhen, Krieg oder Naturkatastrophen unterstützen können.
Wenn zivile Ausreisemöglichkeiten nicht mehr ausreichen, kann die Bundeswehr eine militärische Evakuierungsoperation durchführen. Betroffene werden dann nach Deutschland oder zunächst in ein sicheres Drittland gebracht.
Für die ausländischen Botschaften in Berlin gibt es keine öffentlich bekannte gemeinsame Evakuierungsanordnung wegen der Spannungen mit Russland. Jede Vertretung erstellt ihre Sicherheitsplanung gemeinsam mit dem jeweiligen Heimatstaat. Einzelheiten zu Sammelpunkten, Transporten oder Ausweichstandorten werden normalerweise nicht veröffentlicht.
Das Auswärtige Amt empfiehlt Deutschen im Ausland unabhängig von einer konkreten Krise die Registrierung in der Krisenvorsorgeliste Elefand. Dadurch können die Auslandsvertretungen Betroffene im Notfall erreichen.
Operationsplan regelt den militärischen Ernstfall
Die wichtigste militärische Grundlage bildet der Operationsplan Deutschland. Das rund 1.400 Seiten umfassende Dokument ist geheim und wird fortlaufend an die Sicherheitslage angepasst.
Öffentlich bekannt ist die Größenordnung: Im Ernstfall sollen innerhalb von sechs Monaten bis zu 800.000 alliierte Soldaten und etwa 200.000 Fahrzeuge durch Deutschland verlegt werden können.
Bundeswehr, Behörden und Unternehmen müssen dafür Straßen, Schienenwege, Häfen, Flughäfen, Treibstoff, Unterkünfte und medizinische Versorgung bereitstellen. Deutschland soll als logistische Drehscheibe die Verteidigung der östlichen Nato-Staaten ermöglichen.
Der Plan enthält jedoch nicht die gesamte zivile Verteidigung. Evakuierungen der Bevölkerung, Notunterkünfte, Trinkwasser und Katastrophenhilfe bleiben vor allem Aufgaben von Ländern, Landkreisen und Kommunen.
Schutzräume reichen nicht für die Bevölkerung
Besonders groß bleibt die Lücke beim Schutz der Zivilbevölkerung. Von ehemals fast 2.000 öffentlichen Schutzräumen existieren noch 579 Anlagen mit rund 478.000 Plätzen.
Nach Angaben der Bundesregierung sind diese Schutzräume derzeit weder funktionsfähig noch einsatzbereit. Selbst nach einer Reaktivierung würden die Plätze nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung reichen.
Bund und Länder arbeiten deshalb an einem neuen Schutzraumkonzept. Bestehende Keller, Tiefgaragen, Bahnhöfe und andere unterirdische Gebäude sollen auf ihre Eignung als Zufluchtsorte geprüft werden.
Der 2026 beschlossene Pakt für den Bevölkerungsschutz sieht bis 2029 Investitionen von zehn Milliarden Euro vor. Das Geld soll unter anderem in Warnsysteme, Sirenen, Notstrom, Trinkwasserversorgung, Einsatztechnik und widerstandsfähige Standorte des Technischen Hilfswerks fließen.
Regierung, Bundeswehr, Kliniken und Katastrophenschutz bereiten sich jedoch sichtbar auf Szenarien vor, die lange Zeit als unwahrscheinlich galten.
Quelle: Bundesregierung, Bundeswehr, Bundesministerium der Verteidigung, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Deutscher Bundestag, Auswärtiges Amt