Knapp zwei Monate vor der Abgeordnetenhauswahl ist in Berlin keine Partei mehr sicher an der Spitze. Eine neue INSA-Umfrage sieht die AfD erstmals als stärkste Kraft – allerdings nur einen Prozentpunkt vor CDU und Linken. Eine wenige Tage zuvor veröffentlichte Erhebung kam zu einem deutlich anderen Ergebnis. Der Berliner Wahlkampf wird damit nicht nur enger, sondern auch unübersichtlicher.
Nach der aktuellen INSA-Erhebung erreicht die AfD 19 Prozent. CDU und Linke folgen mit jeweils 18 Prozent, die Grünen kommen auf 16 Prozent. Die SPD liegt mit 13 Prozent abgeschlagen auf dem fünften Platz. FDP und BSW würden mit jeweils vier Prozent den Einzug ins Abgeordnetenhaus verpassen.
Befragt wurden 1.000 Berlinerinnen und Berliner zwischen dem 14. und 21. Juli 2026. Die statistische Fehlertoleranz liegt bei bis zu 3,1 Prozentpunkten. Der vermeintliche Vorsprung der AfD ist damit rechnerisch nicht belastbar genug, um von einer eindeutigen Führung zu sprechen. AfD, CDU, Linke und möglicherweise auch die Grünen liegen innerhalb eines Bereichs, in dem schon kleine Veränderungen die Rangfolge verschieben können.
Zwei Umfragen zeigen zwei unterschiedliche Städte
Besonders auffällig ist der Vergleich mit dem BerlinTrend von Infratest dimap. Diese Erhebung sah die Linke kurz zuvor mit 22 Prozent an der Spitze. Dahinter folgten die CDU mit 20 Prozent, die Grünen mit 17 Prozent und die AfD mit 16 Prozent. Die SPD erreichte dort lediglich zwölf Prozent.
Damit unterscheiden sich die beiden Umfragen nicht nur bei einzelnen Prozentwerten, sondern auch bei der politischen Reihenfolge:
- INSA: AfD 19 Prozent, CDU 18, Linke 18, Grüne 16, SPD 13
- Infratest dimap: Linke 22 Prozent, CDU 20, Grüne 17, AfD 16, SPD 12
- Wahltermin: 20. September 2026
- Erstmals wahlberechtigt: auch 16- und 17-Jährige bei der Abgeordnetenhauswahl
Solche Abweichungen bedeuten nicht zwangsläufig, dass eines der Institute falsch gearbeitet hat. Umfragen sind Momentaufnahmen. Unterschiede können aus dem Erhebungszeitraum, der Auswahl und Gewichtung der Befragten, der Befragungsmethode sowie dem Umgang mit unentschlossenen Wählern entstehen.
Dennoch ist die Spannweite politisch erheblich. Je nachdem, welche Erhebung betrachtet wird, erscheint entweder die Linke als klare Wahlsiegerin oder die AfD als knapp stärkste Partei.
Die AfD profitiert von einem zersplitterten Feld
Der INSA-Wert von 19 Prozent würde nicht bedeuten, dass sich eine Mehrheit der Berliner hinter der AfD versammelt. Er zeigt vielmehr, wie stark das Parteiensystem inzwischen zersplittert ist. Schon weniger als ein Fünftel der Stimmen könnte reichen, um rechnerisch stärkste Kraft zu werden.
Gleichzeitig haben CDU, SPD und Grüne eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen. Selbst ein erster Platz würde der Partei deshalb voraussichtlich keinen direkten Weg ins Rote Rathaus eröffnen.
Das Ergebnis erhöht dennoch den politischen Druck. Die AfD könnte den Wahlkampf stärker auf Themen wie innere Sicherheit, Migration, Wohnungsnot und Unzufriedenheit mit der Verwaltung ausrichten. Die anderen Parteien müssen zugleich verhindern, dass sich die gesamte Debatte nur noch an der AfD orientiert.
Der eigentliche Machtkampf findet deshalb auf mehreren Ebenen statt:
- zwischen AfD und Linken um den ersten Platz,
- zwischen CDU und Linken um die Führung einer möglichen Regierung,
- zwischen Grünen und SPD um Einfluss in einem künftigen Bündnis,
- zwischen FDP und BSW um den Einzug ins Parlament.
CDU nach Kandidatenwechsel unter Beobachtung
Die Umfrage wurde nach dem Wechsel an der Spitze der Berliner CDU erhoben. Finanzsenator Stefan Evers übernahm die Spitzenkandidatur von Kai Wegner. Nach Angaben des jüngsten BerlinTrends konnte die CDU infolge dieses Wechsels zunächst zulegen. Zugleich ist Evers vielen Berlinern noch wenig bekannt.
Für die CDU stellt sich damit die Frage, ob sie in den verbleibenden Wochen ein klares eigenes Profil entwickeln kann. Sie muss sich einerseits von der AfD abgrenzen, andererseits aber Wähler zurückgewinnen, die mit der bisherigen Politik bei Sicherheit, Verkehr, Wohnen oder Verwaltung unzufrieden sind.
Ein bloßer Verweis auf die Regierungsverantwortung dürfte kaum reichen. Entscheidend wird sein, ob die CDU erklären kann, warum sich konkrete Probleme der Stadt unter ihrer Führung verbessern würden.
Die Linke kann aus der Oppositionsrolle wachsen
Die Linke liegt in beiden aktuellen Erhebungen deutlich über ihrem Ergebnis der Wiederholungswahl von 2023. Im BerlinTrend ist sie stärkste Kraft, bei INSA liegt sie nur einen Punkt hinter der AfD.
Sie profitiert offenbar von der Unzufriedenheit mit der Landesregierung und von der Bedeutung sozialer Themen. Hohe Mieten, steigende Lebenshaltungskosten und die Sorge vor Verdrängung gehören zu den stärksten Konflikten der Hauptstadt.
Für die Linke entsteht daraus jedoch ebenfalls ein Risiko. Je näher eine mögliche Regierungsführung rückt, desto stärker muss sie erklären, wie ihre Forderungen finanziert und umgesetzt werden sollen. Protest gegen die bisherige Politik reicht dann nicht mehr aus.
Die SPD droht zur Nebenrolle zu werden
Für die Berliner SPD sind beide Umfragen alarmierend. Mit zwölf beziehungsweise 13 Prozent liegt die Partei deutlich hinter den vier größeren Konkurrenten.
Dabei stellte die SPD über Jahrzehnte den Regierenden Bürgermeister und prägte die politische Entwicklung Berlins entscheidend. Nun droht ihr, im Wahlkampf nur noch als möglicher Juniorpartner wahrgenommen zu werden.
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach muss deshalb gleich zwei Probleme lösen: Er muss die Partei von ihrer langen Regierungsverantwortung abgrenzen, ohne die eigene Bilanz vollständig infrage zu stellen. Gleichzeitig benötigt er ein Thema, mit dem die SPD wieder sichtbar wird.
„Berlin darf sich nicht auseinanderdividieren lassen.“
Mit dieser Botschaft reagierte Krach auf die neue Umfrage und warnte vor wachsender Polarisierung. Der Appell allein dürfte jedoch kaum genügen, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Rechnerisch drohen komplizierte Bündnisse
Sollten FDP und BSW tatsächlich an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, würden zahlreiche Stimmen bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt. Dadurch könnten Bündnisse mit relativ niedrigen gemeinsamen Stimmenanteilen dennoch eine parlamentarische Mehrheit erreichen.
Gleichzeitig erscheint eine Zweierkoalition nach den aktuellen Werten schwierig. Wahrscheinlicher wären Bündnisse aus drei Parteien. Denkbar wären rechnerisch unter anderem Kombinationen aus:
- CDU, Grünen und SPD,
- Linken, Grünen und SPD,
- CDU, Grünen und Linken,
- CDU, SPD und einer weiteren Partei.
Welche Bündnisse politisch tatsächlich möglich sind, hängt nicht nur von den Prozentwerten ab. Spitzenkandidaten, programmatische Ausschlüsse und persönliche Konflikte können rechnerisch mögliche Koalitionen verhindern.
Die Umfragen zeigen deshalb weniger, wer Berlin nach dem 20. September regieren wird. Sie zeigen vor allem, dass eine stabile Regierungsbildung schwieriger werden könnte.
Eine Momentaufnahme, keine Vorhersage
Noch liegen fast zwei Monate Wahlkampf vor den Parteien. Internationale Krisen, bundespolitische Entscheidungen, lokale Ereignisse oder Fehler einzelner Kandidaten können die Stimmung deutlich verändern.
Auch die Beteiligung der erstmals bei der Abgeordnetenhauswahl zugelassenen 16- und 17-Jährigen schafft zusätzliche Unsicherheit. Wie stark diese Gruppe mobilisiert wird und welche Parteien von ihr profitieren, lässt sich aus früheren Berliner Abgeordnetenhauswahlen nicht unmittelbar ableiten.
Die AfD liegt in einer Umfrage erstmals vorn. Das ist politisch bedeutsam, aber noch keine Prognose für den Wahltag. Der Abstand zur Konkurrenz ist kleiner als die statistische Unsicherheit – und eine andere aktuelle Erhebung sieht die Partei nur auf Platz vier.
Das eigentliche Signal lautet daher nicht, dass Berlin bereits vor einem bestimmten Wahlsieger steht. Es lautet: Keine der etablierten Kräfte kann sich ihres bisherigen Platzes noch sicher sein.
Quellen und Datenbasis
- INSA im Auftrag von Nius: Repräsentative Befragung von 1.000 Wahlberechtigten zwischen dem 14. und 21. Juli 2026, veröffentlicht am 23. Juli.
- Infratest dimap / BerlinTrend für den RBB: Vergleichsumfrage zur politischen Stimmung in Berlin.
- Landeszentrale für politische Bildung Berlin: Informationen zur Abgeordnetenhauswahl 2026 und zum erstmals geltenden Wahlalter ab 16 Jahren.